Flucht aus Istanbul "Wer kann, verlässt die Türkei"

Kurz vor dem Putschversuch hat Bauingenieur Serhat F. Istanbul verlassen, auch viele seiner Bekannten wollen weg. Man könne sich dort nicht mehr sicher fühlen, sagt er.

Serhat F.
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Serhat F.

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Zur Person
    Serhat F., 36, ist Bauingenieur, seine deutsche Frau Paula lernte er als MBA-Student in Rotterdam kennen. Anfang 2014 zogen beide zusammen in seine Heimatstadt Istanbul. Seinen echten Namen will er nicht veröffentlicht sehen, um Verwandte in der Türkei nicht in Schwierigkeiten zu bringen.

"Als ich vor zweieinhalb Jahren mit meiner Frau Paula nach Istanbul zog, war es für mich eine Heimkehr: Ich bin in der Stadt aufgewachsen, meine ältesten Freunde leben hier, die Verwandtschaft im Umland. Als Bauingenieur bekam ich eine Stelle bei der Stadtentwicklung des Istanbuler Hafens. Diese Heimat haben wir nun verlassen. Wir sind bei der Familie meiner Frau in der Nähe von Karlsruhe untergekommen. Einen neuen Job habe ich noch nicht.

Als wir 2014 ankamen, wussten wir, dass die Türkei einen langen Weg vor sich hat. Aber insgesamt schien es mit dem Land aufwärts zu gehen: Das Militär hatte an Einfluss verloren, und in der Politik bekamen Gruppen eine Stimme, die man vorher nie gehört hat.

Aber spätestens nach der Parlamentswahl im November 2015 wurde allen klar, die nicht zu Erdogans Anhängern zählen: Das geht jetzt in eine ganz falsche Richtung. Der Friedensprozess mit den Kurden wurde gestoppt, das Land wurde unfreier, das gesellschaftliche Klima vergiftet. Debatten wurden so hitzig geführt, dass ich kaum noch mit Menschen über Politik sprechen mochte. Dann kamen die Anschläge in Istanbul im Januar, die Autobomben in Ankara im Februar und März. Wir haben uns nicht mehr getraut, mit der Metro zu fahren.

Im April kam unsere Tochter zur Welt, so sollte sie nicht aufwachsen. Paula ist mit ihr vor vier Wochen ausgereist, ich habe die Wohnung aufgelöst und bin am 1. Juli nachgekommen. So sind wir rausgekommen, bevor es geknallt hat: Der Putschversuch am Wochenende hat uns gezeigt, wie richtig unsere Entscheidung war. Die Panzer, die Schlägertrupps - man kann sich in Istanbul nicht sicher fühlen.

In unserem Bekanntenkreis gibt es viele, die international arbeiten könnten. Von ihnen haben die meisten bisher nur mit dem Gedanken gespielt, das Land zu verlassen. Jetzt haben sie es eilig.

Eine Jugendfreundin hat ihre Modeboutique in Istanbul geschlossen und macht jetzt in den Niederlanden einen MBA. Ein befreundetes Paar will eine Filmproduktionsfirma in Berlin aufbauen. Zwei Deutsche lassen sich zurückversetzen. Sie haben am Tag nach dem Putschversuch die Rückflugtickets gebucht. Ich glaube, dass die Türkei einen Braindrain erleben wird: Vor allem Hochqualifizierte kehren dem Land den Rücken."



insgesamt 68 Beiträge
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laberabarber 22.07.2016
1. Die idee war mal..
Das die türkei europa vor flüchtlingsmassen schützt. Jetzt produziert sie noch welche dazu.. Konnte es schlimmer kommen? Ich wollte im sommer dort urlaub machen, alles storniert. Wer kann angesichts dieser situation sich dort erholen? Mein Mitgefühl der tourismusbranche und allen opfern dieses aus der kontrolle geratenem systems.
reswer 22.07.2016
2. Ein kommen und gehen?
Wien – Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) bekräftigt seine Kritik an den Pro-Erdoğan-Demonstrationen. Diese seien "alles andere als lobenswert". "Wer sich in der türkischen Innenpolitik engagieren will, dem steht es frei, unser Land zu verlassen"
taglöhner 22.07.2016
3. turkish refugees welcome
Kein Problem, weil die zu erwartende Einwanderungswelle aus der Türkei das Niveau hier erheblich heben wird. Meine ich ernst.
Karbonator 22.07.2016
4.
Eine reißerische Überschrift, wie ich finde. Die Türkei ist kein Land, aus dem alle fliehen wollen - und das ist das Schwierige. Denn weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist nicht unzufriedener als sonst. Natürlich sind jene, die politisch ganz anders denken als die Regierung, eher bestrebt, eine andere Lösung zu finden, aber einen Fluchtreflex, wie er in dem Artikel dargestellt wird, gibt es meiner Empfindung nach nicht - auch nicht nach dem Putschversuch und nach Eintritt des Ausnahmezustands. Und ausnahmsweise diagnostiziere ich das nicht aus der Ferne, sondern befinde mich seit geraumer Zeit selbst in der Türkei.
notbehelf 22.07.2016
5. Aber wohin?
Wohin sollen diese Menschen gehen? Welches Land nimmt sie auf? Da es kein Asylgrund gibt, muss ja das übliche Procedere durchlaufen werden und das wird Erdogan doch sicherlich verhindern.
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