Arbeitsrechtler zu TUIfly-Streit "Kollektive Krankmeldungen sind ein schlaues Mittel"

Bei der Fluggesellschaft TUIfly haben sich auffallend viele Piloten und Flugbegleiter krank gemeldet - möglicherweise aus Protest gegen den geplanten Konzernumbau. Ist das arbeitsrechtlich erlaubt?

Boeing 737-800 der Fluggesellschaft TUIfly
DPA

Boeing 737-800 der Fluggesellschaft TUIfly


Wenn sich Mitarbeiter massenhaft krankmelden und in einen "wilden Streik" treten, haben Unternehmen aus juristischer Sicht wenig Mittel dagegen vorzugehen. "Kollektive Krankmeldungen unterhalb von drei Tagen sind ein extrem schlaues Teflon-Mittel, gegen das sich der Arbeitgeber kaum wehren kann", sagt der Arbeitsrechtler Robert von Steinau-Steinrück aus Berlin.

Bei der Fluggesellschaft TUIfly haben sich in den vergangenen Tagen zahlreiche Piloten und Flugbegleiter kurzfristig krankgemeldet. Etliche Flüge mussten gestrichen werden oder haben Verspätung - zum Ärger des Arbeitgebers. Denn es gibt den Verdacht, dass die Mitarbeiter nicht wirklich krank sind, sondern die Krankmeldungen im Streit um geplante Reformen als Druckmittel nutzen.

Rechtlich zulässig ist so etwas nicht. Falsche Krankmeldungen erfüllen Steinau-Steinrück zufolge den Straftatbestand des Betrugs: Der Arbeitnehmer erschwindele sich den Anspruch auf Entgeltfortzahlung. Aber die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, ist dem Juristen zufolge gering. Denn der Arbeitgeber habe wenig Möglichkeiten zu beweisen, dass der Arbeitnehmer nicht krank war.

In der Regel muss ein Arbeitnehmer sein Unternehmen zwar unverzüglich über seine Krankheit informieren. Ein Attest ist aber erst nach drei Kalendertagen gesetzlich vorgeschrieben.

Suche nach dem "rauchenden Colt"

"Der Arbeitgeber kann zwar im Einzelfall von Arbeitnehmern verlangen, bei darauffolgenden Krankheitsfällen schon ab dem ersten Tag eine ärztliche Bescheinigung zu bringen", sagt der Jurist. Rückwirkend sei dies aber nicht möglich. Betroffene Firmen sollten deshalb in Zukunft sofortige Atteste einfordern.

Wenn der Arbeitnehmer tatsächlich eine ärztliche Bescheinigung der Krankheit vorlegt, ist er endgültig auf der sicheren Seite. "Die Atteste haben schon einen sehr hohen Beweiswert", sagt von Steinau-Steinrück. Es bringe dann meist wenig, die Krankheit noch durch den medizinischen Dienst der Krankenkassen prüfen zu lassen.

Um einen "wilden Streik" zu beweisen, müsste dem Arbeitgeber schon ein sogenannter "rauchender Colt" in die Hände fallen, sagt der Jurist. Es geht dabei um einen starken Beweis, beispielsweise einen schriftlichen Aufruf der Gewerkschaft zur kollektiven Krankmeldung. "Dann könnte man von der Gewerkschaft Schadensersatz fordern und gegen die Teilnehmer Kündigungen oder Abmahnungen aussprechen."

Die Flugbegleitergewerkschaft Ufo hat jegliche Verantwortung für die massenhaften Krankmeldungen abgelehnt. "Das ist definitiv kein Mittel zum Arbeitskampf für uns", sagt Ufo-Gewerkschafter Nicoley Baublies. Man rufe dazu nicht auf und distanziere sich klar von einem möglichen Missbrauch.

Baublies hat eine andere Erklärung für den hohen Krankenstand: Wegen der miserablen Informationspolitik ihrer Gesellschaften wüssten die Beschäftigten nicht, was auf sie zukomme. Das führe bei Einzelnen zu starken psychischen Belastungen. Und nach einer innerlichen Kündigung seien Kollegen auch nicht mehr bereit, über kleinere Beschwerden hinwegzusehen oder aus einer Krankheitsperiode früher wieder in den Job zurückzukehren. Auch bei der Lufthansa-Tochter Eurowings habe sich der Krankenstand aktuell etwa verdoppelt.

47 Flüge bei TUIfly ersatzlos gestrichen

Die kurzfristigen Krankmeldungen bei TUIfly wirbeln die Flugpläne der Airline wie schon in den vergangenen Tagen heftig durcheinander. Von 110 vorgesehenen Flügen musste das Unternehmen am Donnerstag 47 Flüge ersatzlos streichen, wie die Airline aus Hannover mitteilte.

Die Flüge werden demnach annulliert, obwohl die Fluggesellschaft versucht hat, Ersatz zu beschaffen: "Das Unternehmen hat heute 18 zusätzlich gecharterte Flugzeuge anderer Airlines für TUIfly im Einsatz", heißt es in der Mitteilung.

Mit dem tiefgreifenden Umbau der hoch verschuldeten Fluggesellschaft Air Berlin soll sich auch bei TUIfly viel verändern. Die Airline soll in eine neue Dachholding integriert werden. Arbeitnehmervertreter fürchten Job-Verluste. Auch Air Berlin musste in den Vortagen wegen der Crew-Engpässe bei TUIfly Flüge streichen. Ein Drittel der TUI-Flotte fliegt samt Besatzung für Air Berlin.

dpa/fok



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