Realitäts-Check "Großstadtrevier" "Das ist zu eklig fürs Fernsehen"

Auf Streife quer durch Hamburg, Fälle stets gelöst und immer Zeit für'n Schnack: Die TV-Serie "Großstadtrevier" macht Lust aufs Polizistenleben. Der Alltag der echten Streifenbeamten sieht anders aus. Die Realität stinkt, macht müde und ist vor allem weniger verlässlich.

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Der Mann - krauses Haar, verkrumpelter Anzug - eilt zu den beiden Polizisten auf der Hamburger Reeperbahn. Er hat einen blauen Farbklecks an der rechten Schläfe. Die Worte sprudeln lallend aus ihm hervor: Hier, in einem Wartehäuschen, habe er mit Bekannten getrunken, plötzlich sei ein junger Typ vorbeigekommen und habe ihn angepöbelt: "Ich hau dir auf die Glocke, hat der gesagt!" Der Typ ist längst weg, die Beamten können wenig ausrichten. Aber Polizeimeister Stefan Hinz schafft es, den aufgebrachten Mann zum Lachen zu bringen - weil er über den Farbtupfer scherzt und ihm gleich einen neuen Spitznamen verpasst: "Blue".

Eine Szene, die direkt aus der Kultserie "Großstadtrevier" stammen könnte. In der ältesten ARD-Vorabendserie kümmern sich die Hamburger TV-Beamten des fiktiven 14. Polizeikommissariats schließlich um die großen und kleinen Nöte der Leute - es menschelt. Und auch im echten Leben, an diesem Mittwochvormittag auf dem Kiez, will Hinz zeigen: "Man steht nicht nur in Uniform da, sondern lässt durchscheinen, dass man noch Mensch ist."

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Damit hat es sich aber fast schon mit den Gemeinsamkeiten zwischen dem Polizeialltag im Fernsehen und in der Realität. Gleich beim Einsteigen in den Streifenwagen räumt Kirchhof mit dem TV-Klischee des festen Partners auf: "Das ist ein amerikanisches Modell. Bei uns wird jedes Mal neu gemischt." Zu groß sei sonst die Korruptionsgefahr. Auch der Streifenwagen selbst heißt nicht immer gleich: Während Matthies stets im 14/2 sitzt, werden Hinz und Kirchhof unter wechselnden Nummern angefunkt. Heute ist es die 14/6. Im "Großstadtrevier" ist eben alles viel verlässlicher.

Schichtdienst statt Bettruhe

Auch die personelle Ausstattung, heißt es einmütig im PK 14. "Die im Fernsehen haben immer das passende Personal", sagt ein Kollege, der namentlich nicht genannt werden will. "Das gibt's an keiner Hamburger Wache mehr." Die Beamten schieben zum Teil Hunderte Überstunden vor sich her, aus Personalmangel bekommen sie manchmal wochenlang nicht frei. Am PK 14 müssen schließlich neben Früh- und Spätdiensten auch die Nachtschichten besetzt werden - dann liegen die Fernsehkollegen vom "Großstadtrevier" längst im Bett. Schichtdienst gibt es im fiktiven Polizeialltag nicht.

Ebensowenig wie Einsätze quer durch Hamburg: Dirk Matthies alias Jan Fedder, seine Streifenpartner und die Zivilfahnder "Harry" Möller (Maria Ketikidou) und Mads Thomsen (Mads Hjulmand) ermitteln in ganz Hamburg - von Blankenese bis Bergedorf. Völlig utopisch für die echten Kollegen vom PK 14. Ihr Einsatzgebiet: die Stadtteile Altstadt, Neustadt und Hafencity, also die Innenstadt und ein Teil des Hafens.

Allen Differenzen zum Trotz: Die Polizei der Hansestadt hat die TV-Produktion 2011 mit dem "Polizeistern" ausgezeichnet, weil sie ein "Aushängeschild für Hamburg und seine Polizei" sei. Der seit 1986 laufende Serienklassiker - zur Zeit wird die 27. Staffel gedreht - zeigt vor allem kleine Kriminalität, etwa eine Überfallserie auf Bars oder Streit unter den Beschickern des Fischmarkts.

Im echten Leben stinkt's

Dabei haben Matthies und Co. immer genug Zeit, um an ihren Fällen dranzubleiben - und sie schließlich aufzuklären. "Da machen die auch gleich die Arbeit der Kriminalpolizei", kritisiert Kirchhof, kurz bevor er wegen eines Taschendiebstahls in einen Klamottenladen auf der Mönckebergstraße gerufen wird. Die beiden Polizisten bringen die Verdächtige zur Wache, übergeben sie den Kollegen - und sind keine halbe Stunde später wieder auf Streife. Der Alltag, sagt Kirchhof, sei in der Regel "eine Stop-and-go-Geschichte".

Und so holen sie Tag für Tag Ladendiebe aus den Innenstadtgeschäften, nehmen Taschendiebe fest und Verkehrsunfälle auf oder kümmern sich um Randalierer. Daneben gibt es aber auch Einsätze, die lange nachhallen. Anders als die TV-Polizisten müssen sie immer damit rechnen, tief in menschliche Abgründe zu schauen. Kirchhof erzählt von Socken, die ein Obdachloser so lange getragen hatte, dass sie mit den Füßen verwachsen waren. Von Gerüchen, die einen würgen lassen.

"Man sieht den ganzen Mist hinter der Fassade", sagt Hinz. "Wenn man so etwas im Fernsehen zeigen würde, würden viele angeekelt abschalten." Das "Großstadtrevier" dagegen, meint der Beamte, "das ist was fürs Herz": "Da ist die Welt am Ende immer in Ordnung." Und da klingt doch ein bisschen Wehmut durch.

Julia Ranniko/dpa/end

insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
frubi 24.07.2013
1. ,
Zitat von sysopDPAAuf Streife quer durch Hamburg, Fälle stets gelöst und immer Zeit für'n Schnack: Die TV-Serie "Großstadtrevier" macht Lust aufs Polizistenleben. Der Alltag der echten Streifenbeamten sieht anders aus. Die Realität stinkt, macht müde und ist vor allem eins weniger verlässlich. TV-Serie "Großstadtrevier": So arbeiten die echten Polizisten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/tv-serie-grossstadtrevier-so-arbeiten-die-echten-polizisten-a-912801.html)
Deswegen habe ich "The Wire" auch so geliebt. Man konnte die siffigen Ghettoecken riechen und fühlen, so echt und rau hat sich das angefühlt.
ellereller 24.07.2013
2. Echt jetzt?
Zitat von sysopDPAAuf Streife quer durch Hamburg, Fälle stets gelöst und immer Zeit für'n Schnack: Die TV-Serie "Großstadtrevier" macht Lust aufs Polizistenleben. Der Alltag der echten Streifenbeamten sieht anders aus. Die Realität stinkt, macht müde und ist vor allem eins weniger verlässlich. TV-Serie "Großstadtrevier": So arbeiten die echten Polizisten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/tv-serie-grossstadtrevier-so-arbeiten-die-echten-polizisten-a-912801.html)
Echt jetzt? Der Alltag der echten Streifenbeamten sieht anders aus als im Fernsehen? Bitte, bitte stellt sofort klar, dass diese Diskrepanz NUR bei Polizeiserien des Vorabends besteht - nicht aber bei Ärzte-, Tierärzte- und Pfarrer-Serien sowie bei Gerichtsshows.
hansmaus 24.07.2013
3.
Genau ellereller! Was kommt nächste woche das der Arzt von gestern Abend nicht die Menschheit vor Malaria gerettet und seine Frau (Tierärztin im Zoo) eine Kuh vor der Keulung???? Nenene lieber Spiegel das Fernsehen und die Werbung lügen oder beschönigen NIE!
lequick 24.07.2013
4.
Schaut euch "The Wire" an wenn ich annähernd an die Realität kommen wollt.
el-gato-lopez 24.07.2013
5. Staat sagt was gut ist
Zitat von frubiDeswegen habe ich "The Wire" auch so geliebt. Man konnte die siffigen Ghettoecken riechen und fühlen, so echt und rau hat sich das angefühlt.
Dito. Wobei neben the Wire auch NYPD Blue, Stichwort Andy Sipowicz, recht sehenswert war. Im deutschten ÖR gibts dagegen entweder Harmlosigkeiten à la Grosstadtrevier oder moralinsaure Volksbelehrungskrimis der Marke Tatort. Hauptsache es hat so wenig wie möglich mit der tristen Realität zu tun, sonst könnte das Ü60-Pulbikum von ARD / ZDF ja noch Herzrasen kriegen...
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