TV trifft Realität Wie echt ist Danni Lowinski?

Annette Frier tobt als Selfmade-Juristin Danni Lowinski durch eine TV-Erfolgsserie, am Klapptisch erteilt sie mit Stoppuhr Instant-Rechtsberatung. Ist die Rolle der Anwältin authentisch, halten die Fälle einem Realitäts-Check stand? Medienanwalt Tobias Gostomzyk hat's überprüft.


  • Bedienungsanleitung - worum geht's bei "Danni Lowinski"?

Immer zuvörderst um Danni Lowinski, immer montags um 21.15 Uhr auf Sat.1. Sie ist sehr blond, sehr miniberockt, sehr arm und hat irgendwie den Aufstieg von der Friseuse zur Rechtsanwältin geschafft (in ihren Worten: "Abendschule, Uni, die ganze Scheiße"). Bei Bewerbungen hatte Danni wenig Fortune, nun darbt sie wie so viele junge Kanzleigründer - kein Auskommen mit dem Einkommen. Ihre Kanzlei, das ist jetzt ein Klapptisch im Untergeschoss einer Kölner Einkaufspassage: flotter Klaps auf die Stoppuhr, ein Euro pro Minute, los geht's mit den sonderbaren Fällen jener Mandanten, die sich nur eine Discount-Anwältin leisten können. Danni Lowinski ist preisgünstig oder auch ein bisschen billig-derb, hat aber ein großes Herz am rechten Fleck.

  • Was geschieht außergerichtlich?

Allerhand. Die Serie mäandert zwischen Comedy, Sozialdrama, Soap. Ständiges Personal: Mit dem halb charmanten, halb schmierlappigen Anwaltsschönling Oliver Schmidt verbindet Danni eine unglückliche Affäre. Zusammen mit ihrem Vater Kurt, einem alten Grantler im Rollstuhl mit Hang zum Schnaps, wohnt sie in der Hochhaushölle von Kölnberg. Weiß sie nicht mehr weiter, hilft ihr Bea, Freundin aus Kindertagen und Coffeeshop-Prinzesschen im Einkaufszentrum. Dort arbeiten auch Masseur Nils, Sicherheitsmann Sven und Schlüsseldienstler Hannes.

  • Kennt man die Fernsehnasen?

Die von "Danni Lowinski" allemal: Annette Frier tobt mit hoher Voltzahl durch beinah jede Szene und ist ein Glücksgriff; sie kann lustig, sie kann auch ernst. Einst war sie im Team der TV-Parodie "switch", dann Nachfolgerin von Anke Engelke in der Sat.1-"Wochenshow" ("Danke, Anke" - "Und nun zu dir, Annette Frier"), eine Weile eher in der zweiten Reihe mit der "Schillerstraße" und Theaterrollen. Jetzt ist Frau Frier wieder dick im Fernsehgeschäft. Die anderen Darsteller sind mittelbekannt - etwa Jan Sosniok ("GZSZ"; "Berlin, Berlin") als Superanwalt und Porschefahrer Oliver, Sebastian Bezzel (sonst "Tatort"-Kommissar vom Bodensee) als Wachmann Sven, Nadja Becker ("Stromberg"; "Die Wanderhure") als kesse Freundin Bea.

  • Wie lange geht das schon so?

Seit 2010. Am 14. März lief jetzt die zweite Staffel an - und startete gleich wieder fulminant, mit fast vier Millionen Zuschauern. Sat.1 ist mächtig stolz auf die selbstgedrechselte Serie. Und auf die Auszeichnungen vom Deutschen Fernsehpreis bis zum Deutschen Comedypreis. Erst recht darauf, dass die Amerikaner anbissen: Sonst giert stets das deutsche Publikum nach US-Serien. "Danni Lowinski" aber nimmt den umgekehrten Weg, zum ersten Mal überhaupt wurde eine deutsche Serie in die USA verkauft und soll künftig im Sender The CW laufen, neu verfilmt mit Amanda Walsh in der Hauptrolle.

  • Aber was sagt ein echter Anwalt zur TV-Serie "Danni Lowinski"?

KarriereSPIEGEL fragte Tobias Gostomzyk - der Hannoveraner Rechtsanwalt mit Spezialgebiet Medienrecht hat sich vier Folgen nonstop gegeben. Hier fällt er sein Urteil:

Annette Frier alias Danni Lowinski ist keine Anwältin. Sie spielt eine. Und das ist gut so. Denn wäre sie Anwältin, stünde sie mit dem Gesetz in Konflikt: Das anwaltliche Berufsrecht schreibt Regeln vor, gegen die Danni Lowinski mehrfach verstößt. Das beginnt mit ihrem Schreibtisch inmitten eines Kölner Einkaufszentrums; also ungeschützt im öffentlich zugänglichen Raum. Passanten ist das Mithören von Mandantengesprächen möglich. Auch diskutiert die Anwältin ihre Fälle gern gemeinsam mit Freunden, ohne von ihrer Verschwiegenheitspflicht entbunden zu sein. Denn Nils, Bea und Hannes sollen bei der Aufklärung helfen. Vertraulichkeit? Fehlanzeige.

Mehr noch: Frau Lowinski hat beispielsweise kein Kanzleischild. Dazu wäre sie aber berufsrechtlich verpflichtet. Auch müsste die Anwältin Akten führen, um sich nicht Haftungsrisiken auszusetzen. Das ist aber in der Kanzlei Lowinski - soweit ersichtlich - nicht der Fall. Stattdessen hat der Handwerker von nebenan den Telefondienst übernommen: "Schlüsseldienst und Rechtsberatung". Das wiederum ist praktisch, aber auch berufsrechtlich heikel und macht obendrein keinen guten Eindruck. Mandanten erwarten professionelles Auftreten - egal ob von Wald- und Wiesenanwälten oder Advokaten einer Großkanzlei.

All das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn vieles an Danni Lowinski ist sympathisch: Sie setzt sich kostengünstig - ein Euro pro Minute - und mit viel Energie für die Interessen ihrer Mandanten ein. Auch bietet Frau Lowinski Rechtsberatung, Sozialarbeit und Seelsorge in einem. Das lässt sich auch gut vereinen. Denn bei ihrer Arbeit verlässt sich die Anwältin weniger auf den Blick ins Gesetz und mehr auf ihren gesunden Menschenverstand. Dagegen kann man über ihre Methoden streiten, denn sie nimmt - Robin Hood gleich - Rechtsverstöße wie Hausfriedensbruch oder Diebstahl in Kauf, um Armen und Entrechteten zu helfen.

Hinfallen, um wieder aufzustehen

Einige Fälle von Danni Lowinski sind lebensnah: Ein Koch klaubt aus dem Müll Würstchen, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist - Diebstahl? Ein Kind soll ins Ausland abgeschoben werden. Daneben gibt es aber auch eine Kuriositäten-Ecke: Eine Frau wehrt sich dagegen, dass ein Friseursalon mit einem Foto ihres Pudels wirbt. Bei einem Schönheitswettbewerb soll es kein Preisgeld geben, wenn zuvor Brustvergrößerungen stattgefunden haben.

Immer geht es dabei mehr um Sachverhaltsermittlung - also herauszufinden, wie etwas wirklich gewesen ist - als um die Anwendung von Gesetzen. Dabei lassen Lowinskis Mandanten oft wichtige Details weg, wenn sie "ihren Fall" erzählen. Das wiederum erleben Anwälte häufig.

Die Serie "Danni Lowinski" bietet Unterhaltung, die mit den Maßstäben der Wirklichkeitstreue nicht zu messen ist. Es ist unwichtig, ob sich die Anwälte bei ihren Plädoyers an die Richterbank stellen, wie es in Verhandlungen vor deutschen Gerichten unüblich ist. Es spielt keine Rolle, dass Danni Lowinski kein Kanzleischild hat. Es wird schlicht die Geschichte einer Frau erzählt, die hinfällt, um in der nächsten Minute wieder aufzustehen; einer Frau, die anderen hilft, um sich damit selbst zu helfen.

Kurzum: Danni Lowinski kann Anwältin sein, muss es aber nicht. Sie könnte auch - Hand aufs Herz - als Seelsorgerin oder Sozialarbeiterin leben.

  • Tobias Gostomzyk (Jahrgang 1973) ist Anwalt der Wirtschaftskanzlei KSB INTAX in Hannover und auf Fragen des Medienrechts spezialisiert.

  • Jochen Leffers (Jahrgang 1965) ist SPIEGEL-ONLINE-Redakteur und leitet das Ressort KarriereSPIEGEL.

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