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Überlastung bei Erziehern »Ich weiß nicht, ob ich meine Kinder heute noch mal in eine Kita schicken würde«

Was tun, wenn der Traumjob nicht mehr auszuhalten ist? Diese Frage stellen sich immer mehr Erzieher. Vier berichten, warum sie überlegen, ihren Beruf aufzugeben – oder das schon getan haben.
Aufgezeichnet von Lilli Stegner
Fachkräfte in vielen Kitas sind überlastet – durch zu wenig Personal und immer mehr Aufgaben (Symbolbild)

Fachkräfte in vielen Kitas sind überlastet – durch zu wenig Personal und immer mehr Aufgaben (Symbolbild)

Foto: Jan-Philipp Strobel / picture alliance/dpa

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Es rumort in Deutschlands Kitas. Am 8. März rief die Gewerkschaft Ver.di bundesweit zu Streiks auf. Weitere könnten folgen. Denn viele Erzieherinnen und Erzieher vermissen bei den politischen Entscheidungen eine Stimme aus der Praxis. Für viele Beschäftigte sind bessere Arbeitsbedingungen mindestens so wichtig wie eine bessere Bezahlung. Das sagt auch Lisa Pfeiffer. Sie ist zweite Vorsitzende des Verbands Kita-Fachkräfte Bayern und selbst Erzieherin. Wenn politische Vorgaben erarbeitet werden, seien selten Menschen involviert, die wissen, wie die Lage in den Einrichtungen wirklich ist, sagt Pfeiffer. Das sorge für Frust bei den Beschäftigten.

Erzieherin Lisa Pfeiffer

Erzieherin Lisa Pfeiffer

Foto: privat

Sie verweist auf den Fachkräfte-Radar  für Kitas und Grundschulen der Bertelsmann Stiftung. Dieser attestiert schon jetzt einen deutlichen Mangel an Erzieherinnen und Erziehern. Die Situation unterscheidet sich dabei in den einzelnen Bundesländern erheblich. Bis zum Jahr 2030 werden, je nach berechnetem Szenario, Hunderttausende zusätzliche Fachkräfte benötigt. Laut Pfeiffer ein Himmelfahrtskommando: »Es ist schon heute fast unmöglich, genug gut ausgebildetes Personal zu finden. Wird der Beruf nicht attraktiver, wird das auch in Zukunft so bleiben.«

In einem Positionspapier  fordern die Kita-Fachkräfteverbände Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hessen, Niedersachsen/Bremen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen/Sachsen-Anhalt und Thüringen in 13 Punkten eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Kitas. Gerade die Pandemie habe wie ein Brennglas gewirkt, sagt Pfeiffer. »Die Bedingungen waren vorher schon schlecht. Aber durch zusätzliche, fachfremde Aufgaben, eine durch Erkrankungen verschärfte Personalnot und nicht zuletzt die Angst um die eigene Gesundheit hat sich die Lage noch mal verschlimmert.«

Mehr Lohn, mehr Mitbestimmung: Streikende Erzieher in Berlin (Archivbild)

Mehr Lohn, mehr Mitbestimmung: Streikende Erzieher in Berlin (Archivbild)

Foto: Stefan Boness/Ipon / imago images/IPON

Pfeiffers Sorge: In Zukunft könnte sich die Lage weiter zuspitzen. Das würde den Frust vieler Erzieherinnen und Erzieher verstärken und dafür sorgen, dass einige in andere Jobs abwandern. Das passiert schon jetzt. Hier erzählen vier Menschen aus vier Bundesländern, wie der Alltag in ihrem Beruf aussieht und warum manche von ihnen kaum mehr Hoffnung auf Besserung haben.

»Im Lockdown habe ich die Kinder nicht vermisst«

Melanie S.*, Jahrgang 1985, hat mehr als zehn Jahre als Erzieherin gearbeitet. Jetzt hat sie sich dazu entschieden, den Beruf zu verlassen. Während der Pandemie hat sie realisiert, dass die Umstände für sie nicht mehr tragbar sind.

»Ich bin seit 2009 Erzieherin in einem Kindergarten im Großraum Stuttgart. Dass ich genau das machen möchte, war mir früh klar. Schon in der Schule habe ich auf die Kleineren aufgepasst. Als ich dann die Ausbildung begonnen habe, habe ich mich darauf gefreut, Kinder auf ihrem Lebensweg zu begleiten. Die Umstände haben meinen Beruf für mich aber so belastend gemacht, dass ich ihn nicht mehr ausüben möchte.

Unsere Arbeit zu dokumentieren, hat in den vergangenen Jahren immer mehr Raum eingenommen. Wir müssen jedes Detail aus dem Alltag notieren. Früher konnte man sich viel mehr den Kindern widmen. Auch die ständige Lautstärke belastet mich. Die Eltern sind sehr bestimmend geworden, viele Kinder werden heute bedürfnisorientiert erzogen. Das heißt, dass ihnen möglichst wenige Vorschriften gemacht werden und sie – salopp gesagt – tun können, was sie wollen. Das macht das Zusammensein in einer Gruppe schwer. Auch Kinder müssen lernen, dass es Grenzen gibt.

Generell erfahren wir Erzieher und Erzieherinnen zu wenig Wertschätzung. Wenn ich im privaten Bereich über meinen Job spreche, dann sagen andere oft: ›Den Job könnte ich nicht machen!‹. Meistens klingt das aber nicht nach Anerkennung meines Berufs, sondern Mitleid. Was helfen könnte, den Beruf aufzuwerten, wäre ein besseres Gehalt. Fast noch wichtiger wäre aber, dass es mehr Personal gibt.

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Corona hat das alles nicht leichter gemacht und war für mich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Da ist die Angst um die eigene Gesundheit, Abstand halten ist bei der Arbeit mit Kindern unmöglich. Auch an den Kindern geht die Pandemie nicht spurlos vorbei. Der Förderbedarf ist immens gestiegen. Das können wir nicht leisten.

In der Einrichtung, in der ich arbeite, sind wir voll besetzt. Und trotzdem gibt es einen gefühlten Personalmangel, weil wir so viel zusätzlich Arbeit haben. Während der Schließungen der Kindergärten im Frühjahr 2020, als wir kurzzeitig auch von zu Hause gearbeitet haben, ist es mir plötzlich aufgefallen: Ich vermisse die Kinder nicht.

Deshalb werde ich kündigen, weiterhin aber eng mit Menschen zusammenarbeiten, das lässt mich also nicht ganz los.«

»Von Kitas als Bildungseinrichtungen zu sprechen, ist eine absolute Schönrederei«

Andreas S.*, Jahrgang 1967, ist Sozialpädagoge. Nach zwei Jahren im Kita-Alltag ist er desillusioniert. Er spricht sogar von beeinträchtigtem Kindeswohl und hat deswegen der Kita beruflich den Rücken gekehrt.

»Aufgrund meines beruflichen Werdegangs in der Sozialpädagogik und insbesondere als Ausbilder in der Frühpädagogik weiß ich, wie die Arbeit in Kitas eigentlich sein sollte. Innerhalb kürzester Zeit war ich aber völlig desillusioniert und erschüttert über die Rahmenbedingungen vor Ort. Nach gerade einmal zwei Jahren habe ich deshalb meinen Job in der Kita gekündigt. So sehr ich die Arbeit mit den Kindern auch gemocht habe. Heute arbeite ich mit Erwachsenen mit psychischen Erkrankungen und sehe: Jeder Euro, der in Kitas investiert würde, würde sich hier auszahlen.

Die politischen Vorgaben für Kitas und Krippen sind unverantwortlich. Von Kitas als Bildungseinrichtungen zu sprechen, ist eine absolute Schönrederei. Die Rahmenbedingungen lassen professionell begleitete Bildung dort nicht wirklich zu. Ich würde sogar sagen, dass selbst verantwortbare Betreuung nicht immer gewährleistet ist, weil eine Fachkraft, die aus verschiedensten Gründen auch immer wieder allein in der Gruppe ist, die Aufsichtspflicht für 25 Kinder nicht immer gewährleisten kann. Als Erzieher oder Erzieherin ist man eigentlich gesetzlich verpflichtet , es dem Jugendamt zu melden, wenn das Kindeswohl beeinträchtigt ist. Und das passiert meiner Erfahrung nach tagtäglich, wird aber kaum gemeldet. Selbst das kompetenteste und engagierteste Personal kann den Bedürfnissen der Kinder unter diesen Umständen immer wieder nicht gerecht werden.

Das liegt vor allem am knappen Personal. Eigentlich sollte die Fachkraft-Kind-Relation  nie schlechter als eins zu acht sein, das ist aber fast nirgends die Realität. Es bleibt keine Vorbereitungszeit, Fachkräfte müssen fachfremde Aufgaben erledigen, vom Wäschewaschen bis hin zum Schneeschippen, da bleibt das Pädagogische liegen. In Bayern gibt es zudem ein Buchungssystem, bei dem Eltern jährlich die Betreuungszeiten buchen. Fachkräfte haben dann Flexverträge, alles ist auf Kante genäht. Die Erwartungen von Politik, Gesellschaft und Eltern sind enorm, die dafür nötigen Ressourcen werden aber nicht geschaffen.

Dass sich immer mehr Fachkräfteverbände bilden, ist prima, aber auch längst überfällig. Ich glaube nicht mehr, dass sich in nächster Zeit viel ändern wird. Das ginge nur, wenn es mehr Streiks und politische Aktionen gäbe. Das ist aber zum Beispiel bei konfessionellen Trägern schon schwierig. Für viele Politiker sind auch Kinderrechte nur Gegenstand von Sonntagsreden. Ich glaube, die meisten Kolleginnen und Kollegen wollen noch nicht einmal unbedingt mehr Geld, sondern die Mittel, ihren Job vernünftig machen zu können und den Kindern gerecht zu werden.

Meine eigenen Kinder sind schon erwachsen. Ich weiß nicht, ob ich sie mit meinem heutigen Wissen noch mal in eine Kita schicken würde. Und das nicht wegen der Fachkräfte, sondern wegen der Rahmenbedingungen. Ich würde es mir auf jeden Fall zweimal überlegen.«

»Dafür habe ich den Beruf nicht ergriffen«

Miriam Kirsch, Jahrgang 1993, ist Erziehungswissenschaftlerin aus der Südpfalz. Ein neues Gesetz in Rheinland-Pfalz, das auch die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft für gescheitert hält , hat den Alltag ihres Berufs so verändert, dass sie nicht mehr Teil dessen sein möchte. Sie ermutigt Kollegen, offener über die Probleme im Job zu sprechen.

»Das Kita-Zukunftsgesetz, das 2019 hier in Rheinland-Pfalz verabschiedet wurde, wurde groß angepriesen: Zum Beispiel sollte es sieben Stunden durchgehende Betreuung sicherstellen, für Eltern natürlich toll. Gleichzeitig hat sich durch das Gesetz aber auch der Betreuungsschlüssel geändert, es kam sogar zu Personalkürzungen.

Ich habe in Landau in der Pfalz Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Pädagogik der frühen Kindheit und interkultureller Bildung studiert. Später habe ich dann neben der Arbeit eine Ausbildung zur Natur- und Umweltpädagogin gemacht. Ich wollte Kindern auf ihrem Weg zur Selbstständigkeit beistehen. Ihre Hand halten, bis sie dann selbst damit winken können.

Kinder müssen heute immer mehr funktionieren. Strukturen sind wichtig, aber sie müssen sich in diesen Strukturen erst mal zurechtfinden. Gerade von älteren Kindern wird viel verlangt. Weil zu wenig Personal da ist, liegt die Aufmerksamkeit oft in der Eingewöhnung bei den Jüngeren. Das hat bei mir zu großer Unzufriedenheit geführt. Ich wusste genau, was das Kind braucht, konnte mein Handwerkszeug aber nicht anwenden, weil noch so viel anderes zu tun war.

Deshalb habe ich zum Februar gekündigt. Bald trete ich meine neue Stelle an. Die wird auch im pädagogischen Bereich sein, aber nicht mehr in einer Kita.

In Kitas geht es immer mehr um Betreuung statt um Bildung. Dafür habe ich den Beruf aber nicht ergriffen. Viele verbinden Bildung nur mit der Schule. Doch auch in Kitas wird gebildet, wenn auch mit anderen Mitteln. Doch das ist immer weniger möglich, oft zählt nur: satt, sicher, sauber! Damit wird ein hoher Wissensverlust in Kauf genommen. Es frustriert, wenn man das Potenzial der Kinder, aber auch der Kolleginnen und Kollegen schwinden sieht.

Es müssten sich vor allem zwei Dinge ändern: mehr Personal und bessere Bezahlung. Vom Personal gehen alle Punkte aus, ist das gut ausgebildet, angemessen bezahlt und arbeitet in einem sicheren Umfeld, dann profitieren davon die Kinder.

Deshalb kann ich Kollegen auch nur raten: Redet mit den Eltern. Sie wollen dasselbe wie wir; das Beste fürs Kind. Sprecht mit den Trägern, mit Verbänden, vielleicht mit dem Jugendamt. Die Fachkräfte allein finden kein Gehör. Es ist ein strukturelles Problem, dabei geht es nicht um die einzelnen Personen. Eine ausgebrannte Fachkraft kann dem Kind nicht geben, was es braucht.«

»Der Beruf war immer mein Herzblut, jetzt blutet mein Herz«

Maria S.*, Jahrgang 1968, leitet eine Kita im Saarland. Um auf die Situation in den Kitas aufmerksam zu machen, engagiert sie sich auch im Kita-Fachkräfteverband Saar . Doch in den vergangenen Jahren hat sie immer wieder daran gedacht, den Beruf aufzugeben.

»Ich habe 1988 meinen Abschluss als Erzieherin gemacht. Es war mein absoluter Traumberuf. Ich habe über 20 Jahre in einer Einrichtung im Brennpunkt gearbeitet, bevor ich 2014 in einer anderen Kita als Leiterin angefangen habe. Bis zur Rente werde ich mir keine Sorgen mehr machen müssen, einen Job zu haben. Aber ich habe schon oft überlegt, ob er noch der richtige ist. Der Beruf war immer mein Herzblut, jetzt blutet mein Herz.

Die Bezahlung war nie besonders gut, ginge es darum, hätte ich den Beruf nie ergriffen. Aber ich finde es schön, diesen ersten Teil des Lebens der Kinder zu begleiten. Früher waren die Betreuungszeiten enger, die wurden im Laufe der Jahre immer mehr ausgeweitet. Der Personalschlüssel ist aber nicht besser geworden. Der ist im Prinzip derselbe wie in den Siebzigerjahren.

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Betreuung ist nicht Bildung! Es gibt Tagespflegekräfte, die einen tollen Job machen. Könnte man sie in Kitas integrieren und Bildungszeit klar von Betreuungszeit trennen, wäre das eine Möglichkeit, wieder mehr alltagsorientierte Bildung zu leisten.

Ein Problem ist die Verfügungszeit. Seit dem Gute-Kita-Gesetz  sollen wir 25 Prozent Vor- und Nachbereitungszeit haben. Die Betreuung geht aber vor. Fällt also jemand aus, ist diese Zeit dahin. Alles, was sonst noch dazu kommt, vom Herunterstellen der Stühle bis hin zum Elterngespräch, geht von der Zeit am Kind ab.

Wir wissen, was wir leisten könnten, wenn die Rahmenbedingungen stimmten. Die Diskussion wird schon lange geführt, jeder Euro, der in die Kitas investiert wird, zahlt sich aus. Das Geld, was nach dem Gute-Kita-Gesetz investiert werden sollte, ging aber hauptsächlich in die Senkung der Beiträge. Familien, die sie sich nicht leisten können, werden sie aber ohnehin erstattet. Sinnvoller wäre es, mehr Personal einzustellen.

Aus dem Frust, dass wir als Erzieherinnen nicht gehört werden, haben wir im März 2021 auch den Kita-Fachkräfteverband Saar gegründet. Die Arbeit dort hilft gegen die Ohnmacht. Das war für mich eine Rettung. In den vergangenen Jahren war ich oft an dem Punkt, an dem ich kündigen wollte. Ich weiß aber auch, wie schön der Beruf sein kann, deswegen habe ich es bisher nie gemacht. Ich kann aber nicht sagen, wie lange ich den Job körperlich noch aushalte. Die Belastung bricht sich immer wieder neue Bahnen: Schlaflosigkeit, Demotivation, Frust. Viele Kolleginnen und Kollegen verlassen gerade den Beruf; und ich kann sie verstehen.«

*Anmerkung der Redaktion: Auf Wunsch der Protagonisten haben wir die Namen verändert. Die inhaltlichen Aussagen sind davon nicht betroffen. Dem SPIEGEL sind die Personen und die Namen bekannt.

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