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06. Februar 2013, 13:02 Uhr

Überlastung im Job

"Dann wird die ganze Abteilung depressiv"

Gestresste Mitarbeiter werden nicht nur selbst unglücklich, sie ziehen auch die Kollegen runter. Die Trainerin Sylvia Wellensiek will deshalb der gesamten Firma aus der Frustspirale helfen - entscheidend ist dabei das Verhalten der Führungskräfte. Sogar das Kanzleramt hat schon ihren Rat gesucht.

KarriereSPIEGEL: Frau Wellensiek, als Stresstrainerin arbeiten Sie nicht nur mit Einzelpersonen, sondern nehmen ganze Firmen unter die Lupe. Warum ist das nötig?

Wellensiek: Durch die Krise in den Jahren 2007 bis 2009 ist in vielen Branchen unglaublicher Druck entstanden. Seither stehen in zahlreichen Firmen die Mitarbeiter unter Dauerstress. Es herrscht das Gefühl vor, dass alles wieder zusammenbrechen kann. Hinzu kommt eine wahnsinnige Arbeitsverdichtung, jeden Tag höre ich: "Es ist viel zu viel und zu viel Verschiedenes, immer wird nur draufgeklatscht."

KarriereSPIEGEL: Sie werden also gerufen, wenn es brennt. Wie reagieren Mitarbeiter meistens auf das Gefühl von viel Arbeit und Stress bei wenig Sicherheit und Wertschätzung?

Wellensiek: Ein Mensch, der sich ständig fragt "Warum mache ich das überhaupt?", ist zwar anwesend, aber nur als Hülle. Die Ohren stehen auf Durchzug, Herz und Seele sind abwesend. Dieser "Präsentismus" ist heute verbreiteter als Burnout. Betroffene Mitarbeiter sitzen in meinen Seminaren oft in den letzten Reihen mit verschränkten Armen. Ihre Geschichten ähneln sich: Über viele Jahre haben sie sich ausgenutzt gefühlt und nie genügend Anerkennung bekommen. Einer sagte einmal: "Ich steige hier täglich in die Straßenbahn, und letzten Monat hatte ich einige Tage, an denen dachte ich, soll ich mich davor werfen?"

KarriereSPIEGEL : Das klingt eher nach einem schwierigen Einzelschicksal.

Wellensiek: Ja, das ist es sicher. Gleichzeitig entwickeln wir gerade ein solches kollektives Lebensgefühl. 50 bis 60 Prozent der Menschen sind von permanentem Leistungsdruck und Frust dieser Art betroffen. Oft bringen sich sogar ganze Abteilungen via Flurfunk in depressive Stimmungen. Und da es einen engen Zusammenhang gibt zwischen persönlicher und organisationaler Fähigkeit, sich schnell zu erholen, müssen die Unternehmen als Ganzes geheilt werden. Sogar das Kanzleramt und das Bundesministerium für Arbeit und Soziales haben mich schon eingeladen.

KarriereSPIEGEL : Das Kanzleramt?

Wellensiek: Ja, ich habe dort vor 30 Referatsleitern einen Vortrag gehalten mit dem Titel "Leistungsstark trotz hoher Belastung".

KarriereSPIEGEL : Wie gehen Sie bei Ihrer Arbeit vor?

Wellensiek: Oft stelle ich zunächst ganz simple Fragen: Wo schwächt ihr euch? Was tut euch gut? Letztlich weiß ja jeder, was in seinem Unternehmen los ist. Dann geht es um das Aufbauen von Widerstandskraft gegen Stress, und das beginnt mit der Selbstreflektion der Unternehmensseele. Alte Geschichten wie geplatzte Projekte, unfaire Versetzungen oder enttäuschende Karrierebrüche sind wahre Energiefresser.

KarriereSPIEGEL : Wie wird ein Unternehmen diese negativen Emotionen los?

Wellensiek: Anfangs sollte man sich bewusst machen, welche Krisen man schon gemeinsam gemeistert hat. Das stärkt den Selbstwert und gibt Zuversicht. Danach müssen positive Prozesse schrittweise gesteigert werden. Eine konsequente Umsetzung ist dabei am wichtigsten, damit man nicht immer wieder in dieselben Fallen tappt. Deshalb begleite ich die Unternehmen einige Jahre. Wie Familien haben nämlich auch Unternehmen gefestigte Biografielinien und Glaubenssätze.

KarriereSPIEGEL : Realistisch betrachtet, was kann man wirklich ändern?

Wellensiek: Es geht um Spielregeln für eine neue Arbeitswelt: Nicht jeder muss ständig erreichbar sein und sofort E-Mails beantworten. Die Stimmung im Büro ist auch wichtig - und kann ganz einfach verbessert werden, wenn man neben fachlichen Themen auch die menschliche Seite im Blick hat. Bei Teambesprechungen sollte immer die Belastungsfähigkeit jedes Einzelnen beachtet werden, indem man zum Beispiel fragt: Wer hat wie viele Ressourcen? Wie sieht euer Energiehaushalt aus? Und dann zu schauen: Wem geht es gerade besser, wer kann wen entlasten?

KarriereSPIEGEL : Hätten da nicht die meisten Angst, als Waschlappen dazustehen?

Wellensiek: Ja, weil wir in dieser typisch deutschen Nährlösung aufgewachsen sind: Man muss schnell arbeiten, man muss viel arbeiten, es ist nie genug und muss noch besser sein. Wir Deutschen haben eine große Affinität, uns selbst auszubeuten. Diese Nachkriegsmentalität wurde bereits in der Kindheit verinnerlicht und sitzt sehr tief in den Menschen drin. Wir sind fleißig und akkurat. Das hat natürlich auch viele Mittelständler zum Marktführer gemacht. Jetzt haben wir aber die offenen Märkte, und es gibt einfach keinen natürlichen Feierabend mehr, die Menschen könnten rund um die Uhr arbeiten. Deshalb fällt es so schwer zu fühlen, wann es genug ist.

KarriereSPIEGEL : Welche Rolle spielt die Führungsebene?

Wellensiek: Eine sehr große. Neulich begann eine Führungskraft ein Seminar mit den Worten: "Ihr wisst ja, dass ich vor vier Jahren mal einen Zusammenbruch in einer Konferenz hatte. Offiziell hieß es, das sei ein leichter Schlaganfall gewesen. Heute muss ich euch sagen, das war eine Panikattacke. Psychische Überbelastung kenne ich seitdem." So ein offener Umgang ist vorbildlich, denn eine Führungskraft ist maßgeblich für die Stimmung im Büro verantwortlich. Sie muss feste Wurzeln haben und menschlich stark sein. Die Basis für altruistisches Verhalten ist aber vor allem eine Fürsorgepflicht für sich selber. Dabei geht es zunächst um Dinge wie Essen, Schlaf, Bewegung und Regeneration. Einfach eigentlich, aber oft noch nicht selbstverständlich.

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