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Überstunden-Debatte Arbeiten Lehrer zu viel?

Lange Arbeitstage, völlige Überlastung - Grundschulleiter Frank Post hat deshalb das Land Niedersachsen verklagt. Autorin und Lehrerin Sigrid Wagner hingegen findet: Das Problem sitzt im Lehrerzimmer. Ein Pro und Kontra.
Schule in Schleswig-Holstein (Archivbild)

Schule in Schleswig-Holstein (Archivbild)

Foto: Angelika Warmuth/ picture alliance / Angelika Warmuth/dpa

Lehrer seien "faule Säcke", sagte Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder vor Jahren und sicherte sich damit einen festen Platz in einer Kontroverse, die bis heute anhält: Sind Lehrer um ihre Arbeitszeiten zu beneiden, weil sie drei Monate Ferien und zudem vormittags recht und nachmittags frei haben, wie böse Zungen behaupten?

Oder haben Lehrer eigentlich nie frei, weil sie Klassenarbeiten korrigieren, während andere das Wochenende genießen, und Unterricht vorbereiten, während andere abends auf dem Sofa abhängen?

"Seit Jahren sind die Lehrkräfte im Arbeitsalltag überlastet, produzieren einen Berg von Überstunden und erhalten weder zeitlichen noch finanziellen Ausgleich", sagt Laura Pooth, GEW-Landesvorsitzende in Niedersachsen. "Dieser skandalöse Missstand muss endlich angepackt werden."

Die GEW hatte dort eine Überstunden-Uhr eingerichtet, die vor wenigen Tagen für Grund-, Gesamt- und Gymnasiallehrkräfte in Niedersachsen die Zehn-Millionen-Marke überschritt. Auf diese Zahl kamen die Gewerkschafter, als sie Ergebnisse einer Studie zum Arbeitspensum von Lehrern seit November 2017 hochrechneten.

Die Überstunden-Uhr kenne man, sagt ein Sprecher des niedersächsischen Kultusministeriums. Die Behörde setze "einen klaren Kurs, um die Lehrkräfte im Arbeitsalltag zu entlasten". Laut der Göttinger Studie von 2016 arbeiten Lehrer regelmäßig mehr als die vorgesehenen knapp 46,5 Stunden pro Woche - ohne Ferienzeiten. Die Mehrarbeit liegt statistisch betrachtet bei einer Stunde und 40 Minuten. Lehrkräfte in 800 Schulen des Landes forderten vergangene Woche bessere Arbeitsbedingungen.

Arbeiten Lehrer also zu viel?

Ja, findet der niedersächsische Grundschulleiter Frank Post. Er hat die Schulbehörde wegen seiner vielen Überstunden verklagt. Die Autorin und langjährige Lehrerin Sigrid Wagner dagegen meint: Wenn es um Überstunden geht, sind in Wahrheit einige Kollegen das Problem.

Kontra

Sigrid Wagner

Foto: Sabrina Adeline Nagel

"Wir bräuchten Stempeluhren"

In vielen Köpfen hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass Lehrer morgens unterrichten, mittags zu Hause sind und nachmittags frei haben - und daran sind leider manche Kollegen schuld, die das ziemlich genau so handhaben. Die arbeiten nicht mehr als unbedingt nötig, drücken sich vor Extra-Aufgaben, schieben Arbeit gern anderen zu. Sie nutzen Kollegen aus, die nicht Nein sagen können.

So kommt es zwischen Lehrkräften zu drastischen Unterschieden, was die Belastung angeht. Das Problem sitzt also mit im Lehrerzimmer.

Ich habe viele Jahre in diversen Schulen unterrichtet, oft als Vertretungslehrerin. Ich war auch eine, die schlecht Nein sagen konnte, und habe meist deutlich mehr gearbeitet, als ich laut Vertrag gemusst hätte. Ich weiß, dass auch etliche andere Kollegen massenhaft Überstunden schieben - aber das gilt eben nicht für alle.

Ich kenne Schulen, an denen sich das Kollegium darauf verständigt hat, keine Mehrarbeit zu leisten. Ist eine Lehrkraft krank, werden die Stunden nicht vertreten, sondern fallen aus. Manchmal sind es Einzelne, die sich weigern, Vertretungsunterricht zu machen. "Von dem Fach habe ich keine Ahnung, das ist mir zu aufwendig", heißt es dann. Oder Lehrer mauscheln bei Noten, damit sie sich den Aufwand für mündliche Nachprüfungen sparen.

Ich kenne eine Lehrerin, die sich von einer Gesamtkonferenz frühzeitig verabschiedet hat, weil sie zum Friseur wollte. Ich weiß von Lehrern, die Klassenarbeiten wochenlang nicht korrigiert haben. Oder sich gezielt krankgemeldet haben, weil sie von einer Klasse genervt waren oder privat viel um die Ohren hatten. Ein Kollege fehlte wochenlang, weil er mit seinem Hausbau beschäftigt war.

Ich finde all diese Verhaltensweisen unglaublich ungerecht gegenüber Schülern und den vielen Kollegen, die hochgradig engagiert arbeiten. Würden sich die Überstunden von Lehrern gleichmäßig auf alle Schultern verteilen, wären Einzelne deutlich weniger belastet.

An einigen Schulen klappt diese Verteilung gut, weil Schulleiter dort Rückgrat haben und arbeitsscheuen Kollegen sagen: 'Hör mal, so geht das nicht.' Aber manche Kollegien genießen Narrenfreiheit. Verweigern Lehrer dort die Arbeit, hat das für sie offenbar keine Konsequenzen. Das ist doch ein Witz!

Dazu kommt: Viele Lehrer wissen selbst gar nicht, wie viel sie arbeiten. "Gefühlt" ist die Stundenzahl bei einigen oft höher als real. Andere schuften wirklich viel, könnten sich das Leben aber leichter machen, wenn sie ihren Alltag besser strukturieren und enger zusammenarbeiten würden, zum Beispiel Unterricht gemeinsam vorbereiten. Das kann Zeit sparen.

Ich finde aus all diesen Gründen: Bei Lehrern müsste mehr kontrolliert werden, wie und wie viel sie arbeiten. Wir bräuchten Stempeluhren. Dann hätte man eine Übersicht - so wie in anderen Betrieben auch. Diese Transparenz würde allen helfen.

Und trotzdem werden Lehrer damit leben müssen, dass sie in gewissem Umfang unbezahlte Überstunden leisten. Man darf nicht vergessen: Der Beruf ist zumindest für verbeamtete Kollegen so sicher wie kaum ein anderer, gut bezahlt, und andere Menschen können von so viel Urlaub nur träumen. Wenn Lehrern dafür besonderes Engagement abverlangt wird, finde ich das gerechtfertigt.

Pro

Frank Post

Foto: Privat

"Ich komme im Schnitt auf 55 Stunden pro Woche"

Ich habe heute Vormittag vier Stunden unterrichtet, war danach mit Schülern in der Mensa im Gespräch, fahre gleich zu einem Koordinierungstreffen mit anderen Schulleitern und leite heute noch einen Elternabend mit Eltern von Schulanfängern. Eigentlich wäre das die Aufgabe der Lehrerin, die nach den Ferien die erste Klasse übernimmt. Aber die Schulbehörde hat die Kollegin noch nicht eingestellt.

Die meisten meiner Arbeitstage sehen ähnlich aus. Ich komme immer wieder auf zwölf Stunden. Im Rahmen einer Studie habe ich meine Arbeitszeit mal systematisch erfasst: Ich arbeite umgerechnet durchschnittlich 55 Stunden pro Arbeitswoche bei 30 Urlaubstagen, mache also ständig unbezahlte Überstunden. Deshalb habe ich meinen Dienstherrn, das Land Niedersachsen, verklagt. Mein Arbeitgeber hat eine gewisse Fürsorgepflicht und muss dafür sorgen, dass ich entlastet werde.

Laut Vorgabe des Schulministeriums müsste ich im Schnitt nur 40 Stunden pro Woche arbeiten: zehn Stunden die Woche unterrichten und die übrige Zeit für die Schulleitung aufwenden. Aber das kommt überhaupt nicht hin, weil die Arbeitszeitregeln im Laufe der Jahre nie an die veränderten Aufgaben angepasst wurden.

Beispiel Ganztag: Früher gingen die Kinder mittags nach Hause, heute werden sie nach dem Unterricht noch in der Schule betreut. Es ist aus pädagogischen Gründen wichtig, dass sich Lehrkräfte und Erzieher abstimmen, über die Kinder austauschen, gemeinsame Regeln aufstellen. Aber dass wir dafür Zeit brauchen, hat im Kultusministerium niemand richtig berücksichtigt. Wir sollen das offenbar in unserer Freizeit machen.

Es ist eine schöne Fantasie, dass ein Lehrer seinen Unterricht in Ruhe zu Hause vorbereitet und dann in den Klassenraum kommt, wo ihm angepasste Kinder willig zuhören. Bei uns werden die verschiedensten Kinder zusammen unterrichtet. Einige sind sehr lebhaft, andere still. Einige haben eine Behinderung, andere nicht. Einige können in der ersten Klasse schon schreiben, andere wissen kaum, was sie mit einem Stift anfangen sollen.

Wir wollen individuell und geduldig auf jedes Kind eingehen. Aber das kostet Zeit! Ich muss zum Beispiel Aufgaben auf mindestens drei Niveaustufen anbieten.

Ich selbst unterrichte Sachunterricht und Werken. Ich kenne das Vorurteil, dass für diese Fächer - anders als etwa korrekturintensive Fächer wie Deutsch - doch kaum Vor- und Nachbereitung nötig sei. Jedes Fach erfordert Aufwand. Ich bin seit vielen Jahren im Schuldienst und brauche aufgrund meiner Erfahrung nicht mehr eine Stunde Vorbereitung für eine Stunde Unterricht. Aber natürlich muss ich mir trotzdem Gedanken machen, Material besorgen und so weiter.

Dazu kommt, dass wir als Lehrkräfte heute mehr als früher etwa mit Schulpsychologen und Kindertagesstätten zusammenarbeiten oder mit anderen Schulleitern. Ich muss das nicht machen. Aber ich mache es, weil ich eine gute Schule haben will und mir die Kinder am Herzen liegen.

Dass meine Kollegen und ich nicht penibel auf die Uhr gucken, gehört zum Berufsethos. Aber es gibt Grenzen. Es stimmt, dass wir in unserem Beruf bestimmte Privilegien genießen und viele unterrichtsfreie Tage haben. Aber dafür sind wir während der Schulzeit hochbelastet. Es gibt wie in jedem anderen Beruf Kollegen, die mehr oder weniger arbeiten. Aber mir ist in all den Jahren kein Lehrer begegnet, der ab mittags auf dem Golfplatz steht, wie das so gern kolportiert wird. Die meisten sind sehr engagiert.

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