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Job & Karriere

Überstunden von Lehrern "Kollegen, die auf dem Zahnfleisch kriechen"

Sie haben vormittags recht und abends frei: Das Vorurteil, wonach Lehrer ein entspanntes Leben haben, hält sich hartnäckig. Hier erzählen vier, ob es wirklich so ist - und wie viele Überstunden sie machen müssen.
Lehrer und Schüler (Archivbild)

Lehrer und Schüler (Archivbild)

Foto: Wolfram Kastl/ picture alliance / Wolfram Kastl

Unterrichten ist das eine. Daneben organisieren Lehrer Elternabende, begleiten Klassenfahrten und korrigieren Klausuren. Der Job sei viel mehr als ein paar Stunden vor einer Klasse zu stehen, betonen Lehrkräfte und -verbände immer wieder.

Sie drängen darauf, dass ihre gesamte Arbeitszeit besser berücksichtigt und genau erfasst werden sollte. Anlass für die jüngsten Forderungen ist unter anderem ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs, wonach Arbeitgeber zur Arbeitszeiterfassung ihrer Arbeitnehmer verpflichtet sind.

Wie viel Lehrer offiziell arbeiten müssen und wie viel es am Ende wirklich ist, hat der SPIEGEL einige von ihnen gefragt.


"Ich bin Lehrerin für Mathe, Physik und Geschichte. Fünf Stunden in der Woche gebe ich Unterricht, der Rest meiner Arbeit besteht aus Verwaltung: Ich muss Feste, Veranstaltungen und Klassenfahrten organisieren, kontrollieren und genehmigen, mit Eltern reden, bin für die Kommunikation nach innen und außen verantwortlich. Gerade stehen wir kurz vor der Zeugnisvergabe und stecken mitten im Aufnahmeverfahren für das nächste Schuljahr.

Ich arbeite mehr als ich muss. Trotzdem will ich mich nicht beklagen, denn die Arbeit macht mir nach wie vor viel Spaß. Auch wenn ich abends erst später von einem Sommerfest nach Hause komme, gibt mir das viel zurück. Das geht allerdings nicht jedem meiner Kollegen so, denn vor allem die Elternarbeit ist deutlich anspruchsvoller geworden. Bei einer schlechten Note taucht auch schon mal ein Rechtsanwalt auf oder die Eltern beschweren sich im Gespräch. Lehrer sollen heutzutage viel mehr leisten, viel vielfältiger unterrichten.

Seit 1985 arbeite ich als Lehrerin. Seitdem habe ich fünf Kollegen erlebt, die einen Burn-out bekommen haben. Sie haben deutlich mehr geleistet als sie müssten - und wurden ihren eigenen Ansprüchen trotzdem nicht gerecht."

Kathrin Wiencek, Vorsitzende des Philologenverbands in Berlin-Brandenburg und Direktorin eines Gymnasiums


"In Nordrhein-Westfalen müssen wir mindestens 25,5 Stunden pro Woche unterrichten, dazu kommen Vor- und Nachbereitung, Elterngespräche, Veranstaltungen, mindestens eine Konferenz oder Korrekturen von Tests oder Klausuren. Immer wenn Schüler Pausen machen, haben Lehrer keine: Wir sprechen mit Schülern oder Kollegen, wechseln Klassenräume, sind für die Pausenbetreuung verantwortlich.

Offiziell hatte ich früher eine 40-Stunden-Woche, habe aber ungefähr fünf Stunden mehr gearbeitet. Vor fünf Jahren hätte ich eigentlich in den Ruhestand gehen können. Allerdings hat mir die Arbeit mit meinem Kollegen und Schülern, vor allem mit denen aus der Oberstufe, immer viel gegeben. Deshalb habe ich mich entschieden, weiterzuarbeiten und springe jetzt unter anderem für Kolleginnen im Mutterschutz ein. Dadurch, dass ich schon so lange als Lehrer arbeite, ist der Aufwand, den ich in die Vorbereitung in den Unterricht stecke, mittlerweile relativ gering.

Als Lehrer hat man unheimlich viel Verantwortung: Was meine Schüler lernen und wie sie sich entwickeln, hängt natürlich auch von meinem persönlichen Engagement ab. Letztendlich geht es um die Frage: Wie will ich meinen Unterricht vorbereiten, was will ich erreichen? Man muss wirklich aufpassen, dass man nicht zu viel arbeitet. Gerade als junger Lehrer musste ich mich deshalb öfter bremsen und daran erinnern: Letztendlich bin ich nur Lohnerzieher. Das ist unheimlich schwer, weil mir meine Schüler und Schülerinnen natürlich wichtig sind."

Gesamtschullehrer aus Aachen


"Es gibt viele Kollegen, die komplett auf dem Zahnfleisch kriechen. Ich muss 46,5 Stunden pro Woche arbeiten. Zur Zeit stehen gerade mit der Digitalisierung viele Veränderungen an, da arbeite ich vielleicht 49 Stunden, es gibt aber auch wieder ruhigere Wochen. Dann habe ich in diesem Schuljahr zwei Reisen gemacht, jeweils eine Woche, was schon etwas schlaucht. In der Abiturzeit habe ich einige Wochenenden beide Tage ganztägig korrigiert."

Gymnasiallehrer aus Hamburg


"Ich habe keine Kinder, deswegen ist die Arbeit für mich leichter als für Kollegen zwischen 30 und 40, die auch noch Familie haben. Doch in den drei bis vier Wochen vor der Zeugnisabgabe sind alle von uns überfordert und überlastet. Dann arbeite ich nicht 48 Stunden, wie in Hamburg für Lehrer an Stadtteilschulen vorgesehen, sondern eher 60 Stunden in der Woche.

In diesen Phasen zweimal im Jahr nehme ich mir auch an den Wochenenden nichts Privates vor. In den ersten Berufsjahren war ich auch in den Monaten dazwischen ständig gestresst. Doch inzwischen habe ich gelernt: Wenn ich weiß, dass die nächsten Wochen heftig werden, erkläre ich die zwei Wochen davor zu meiner persönlichen Erholungsphase und arbeite bewusst etwas weniger."

Lehrerin an einer Stadtteilschule in Hamburg

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