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Von wegen Feierabend Angestellte opfern fünf Stunden Freizeit für die Arbeit - jede Woche

Feierabend? Für viele Arbeitnehmer ist unklar, wann der eigentlich anfängt. Denn Angestellte verbringen schon heute wöchentlich mehr als fünf Stunden ihrer Freizeit mit Beruflichem.
Arbeit am Laptop zu Hause (Symbolbild)

Arbeit am Laptop zu Hause (Symbolbild)

Foto: Richard Drew/ AP

Dienstliche Mails beantworten, Fachliteratur lesen, noch schnell ein Telefonat: Im Durchschnitt verbringt jeder Arbeitnehmer in Deutschland mehr als fünf Stunden seiner wöchentlichen Freizeit damit, berufliche Dinge zu erledigen. Nimmt man noch die Zeit hinzu, in der Angestellte nach eigener Aussage über ihre Arbeit nachdenken, steigt der Wert sogar auf über sechs Stunden pro Woche.

Das geht aus der neuen Studie "Arbeiten in Deutschland" hervor, die am Dienstag in Hamburg vorgestellt wird und deren Auswertung dem SPIEGEL bereits vorliegt. Erstellt wurde sie vom Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Zusammenarbeit mit dem Karrierenetzwerk Xing. Zuerst hatte am Montag die "Welt " über die Studie berichtet.

Die Ergebnisse im Überblick:

  • 62,8 Prozent der Befragten gaben an, dass sie sich in ihrer Freizeit regelmäßig mit Tätigkeiten beschäftigen, "die eigentlich der regulären Arbeitszeit zuzurechnen sind".
  • Männer (67 Prozent) erledigen Berufliches häufiger in der Freizeit als Frauen (50 Prozent) - nach Aussagen der Forscher, weil Frauen mehr im Haushalt arbeiten und deshalb weniger Zeit für Aufgaben aus dem Arbeitsverhältnis bleibt.
  • 21,6 Prozent der Arbeitnehmer schätzen ihre wöchentliche Zusatzarbeit auf zwei Stunden.
  • Bei immerhin 28,2 Prozent der Arbeitnehmer liegt die zusätzliche Arbeit nach Feierabend zwischen drei und zehn Stunden.
  • Mehr als jeder siebte Angestellte (13 Prozent) gab an, Berufliches im Umfang von zehn oder mehr Stunden pro Woche in seiner Freizeit zu erledigen - in Einzelfällen auch bis deutlich über 20 Stunden hinaus.

Damit liege de facto eine flächendeckende Flexibilisierung der bisherigen Abgrenzung von Arbeit und Freizeit vor, stellen die IZA-Experten fest. Diese "Entgrenzung" sei zwar Realität, spiegele sich aber bei knapp zwei Dritteln der Arbeitnehmer noch nicht im Arbeitsvertrag wider.

"Der Befund wirft ein Schlaglicht auf Veränderungen in der Arbeitswelt, mit denen das gegenwärtige Arbeitsrecht nur schwer Schritt halten kann", schreiben die Autoren der Studie. So gehe das Arbeitszeitgesetz davon aus, dass sich Arbeitszeit eindeutig messen lässt. Wenn die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit aber aufgeweicht werde, ließen sich Überschreitungen der Arbeitszeit "immer schwerer erfassen".

Die Realität, heißt es in der Untersuchung, überhole damit die im Arbeitsrecht gängige Definition von Arbeit als derjenigen Zeit, in der Arbeitnehmer dem Weisungsrecht des Arbeitgebers unterliegen. "Wenn Dienstgeschäfte freiwillig außerhalb der Bürozeiten erledigt werden, erfüllt das nicht das Kriterium des Weisungsrechts und wäre somit keine Arbeit - was den Betroffenen einigermaßen absurd vorkommen dürfte", sagt Hilmar Schneider, Leiter des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit.

Weil sich immer mehr Arbeit in der Wertschöpfungskette auf Wissensarbeit und soziale Interaktion gründet, hält Hilmar Schneider das Gesetz für überholt: "Eine Präsenzkultur am Arbeitsplatz, wie sie etwa aus Japan oder auch den USA bekannt ist, wirkt sich eher als Kreativitätshemmnis aus" - weshalb Unternehmen zunehmend auf Arbeitsergebnisse als Messwert für Erfolg blickten, unabhängig von der Anwesenheit am Arbeitsplatz.

Die Messbarkeit von Arbeitszeit, so der IZA-Chef, sei deshalb schon heute "eine Illusion". So gibt es etwa beim Softwareanbieter SAP eine neue Vereinbarung zwischen Unternehmen und Betriebsrat, die es jedem Mitarbeiter weitgehend freistellt, ob er ins Büro kommen oder lieber im Homeoffice arbeiten möchte.

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Foto: Privat

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Durch die Digitalisierung würden sich selbstständige Arbeit und abhängige Beschäftigung immer ähnlicher, so Hilmar Schneider. Dadurch verliere der Arbeitnehmerschutz durch das Arbeitszeitgesetz an Wirksamkeit: "Mit rückwärts gewandten Forderungen wie etwa dem Verbot von E-Mails außerhalb der offiziellen Bürozeiten ist dem nicht beizukommen." In mehreren Unternehmen, unter anderem in der Autoindustrie, war zuletzt darüber diskutiert worden, den Empfang dienstlicher E-Mails nach Feierabend zu unterbinden.

Details zur Erhebung