Umfrage der Gewerkschaft Flugbegleiter werden häufig sexuell belästigt

Anzügliche Kommentare, unerwünschte körperliche Nähe: Viele Flugbegleiter haben nach SPIEGEL-Informationen schon sexuelle Belästigung erfahren. Die Kabinengewerkschaft UFO legt nun Zahlen für Deutschland vor.

Flugpersonal am Flughafen Frankfurt am Main
Frank Rumpenhorst/ DPA

Flugpersonal am Flughafen Frankfurt am Main

Von und


Fast jeder zweite Kabinenmitarbeiter von Fluglinien hat schon einmal sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erfahren. Das hat eine Online-Umfrage der Flugbegleiter-Gewerkschaft UFO ergeben, an der 1145 Personen teilnahmen und die auch über das Luftfahrtportal Aero.de verbreitet wurde.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 20/2019
Warum dem deutschen Wirt­schafts­wun­der ein jähes Ende droht...

Am häufigsten fanden die Vorfälle nach SPIEGEL-Informationen an Bord statt, aber auch häufiger während ihrer Aufenthalte zwischen zwei Flügen, im sogenannten Layover. Täter waren laut Umfrage zu mehr als 45 Prozent Vorgesetzte an Bord. Das können sowohl Piloten als auch höher gestellte Flugbegleiter sein, die sogenannten Kabinenchefs.

26 Prozent der Übergriffe wurden demnach von einem gleichrangigen Crewmitglied begangen, 25 Prozent von Passagieren. Nur selten zeigten die Betroffenen die Taten intern oder bei der Polizei an - auch weil sie Konsequenzen fürchteten.

86 Vorfälle wurden den Unternehmen nach Angaben der Betroffenen gemeldet. In welchem Zeitraum sie passierten oder gemeldet wurden, wurde nicht erhoben. In 16 Fällen hatte die Meldung Folgen für die Täter. Darunter waren zum Beispiel Abmahnungen oder ein Personalakteneintrag, ein Flugverbot oder eine Degradierung.

73 Prozent der Befragten waren Frauen. 51,7 Prozent der Frauen berichteten, Opfer sexueller Belästigung geworden zu sein. Auch unter den Männern ist die Quote hoch: 43,7 Prozent geben an, am Arbeitsplatz sexuell bedrängt worden zu sein.

Auch in anderen Ländern ein Thema

"Wir hoffen, dass die Ergebnisse die Arbeitgeber aufrütteln und endlich erkannt wird, dass sexuelle Belästigung in der Luftfahrt ein Thema ist", sagt Sylvia Gaßner, Referentin bei der UFO für "Beruf und Politik". Man wolle die Studie zukünftig regelmäßig auflegen, auch um zu prüfen, ob sich etwas ändert.

"Airlines werben bisweilen mit sexistischen Motiven, die Flugbegleiter zeigen sollen", sagte Gaßner. "Da stehen dann gerne mal Flugbegleiterinnen im kurzen Röckchen neben dem Kapitän. Das prägt natürlich das Bild von einem Beruf."

Die UFO-Umfrage war öffentlich zugänglich, sodass theoretisch auch Frauen und Männer mitgemacht haben könnten, die nicht im Flugdienst tätig sind. Zudem wurde nicht genau erfasst, welche Vorfälle die Betroffenen erlebt haben.

Auch in anderen Ländern ist sexuelle Belästigung gegen Flugpersonal ein Thema. In einer Umfrage der australischen Gewerkschaft TWU gaben 2018 von mehr als 400 befragten Flugbegleitern 65 Prozent an, sexuelle Belästigung erfahren zu haben.

Im Unterschied zu den Zahlen aus Deutschland waren in Australien neben Kollegen auch häufiger als hierzulande Passagiere die Täter. In den USA werden von der Gewerkschaft AFA ebenfalls höhere Zahlen als in der UFO-Umfrage gemeldet, wenn es um sexuelle Belästigung des Kabinenpersonals durch Passagiere geht. Hier haben 53 Prozent der Flugbegleiter Belästigungen durch Gäste erlebt.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL-Magazin - am Kiosk erhältlich ab Samstagmorgen und immer freitags bei SPIEGEL+ sowie in der digitalen Heft-Ausgabe.

Was im neuen SPIEGEL steht und welche Geschichten Sie bei SPIEGEL+ finden, erfahren Sie auch in unserem kostenlosen Politik-Newsletter DIE LAGE, der sechsmal in der Woche erscheint - kompakt, analytisch, meinungsstark, geschrieben von den politischen Köpfen der Redaktion.



insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Gluehweintrinker 10.05.2019
1. Es sollte verwundern, wenn es nicht so wäre.
Wer würde denn erwarten, dass es irgendeine Branche, Vereinigung oder Betrieb gäbe, in welcher/m keine sexuelle Belästigung statt fände, wenn es sogar in der "Heìligsten" aller Institutionen Gang und Gäbe ist? Als Besatzungsmitglied halte ich mich zum Glück für psychisch ziemlich robust und dürfte wohl aufgrund meines Alters schon nicht mehr im Hauptfokus der potenziellen Belästiger stehen, jedoch weiß ich nur zu gut wie es sich anfühlt. Als ich noch bei einem Warenhauskonzern tätig war, klebte eine Kollegin permanent an mir, die sich ständig in und wiederholt in schwule Männer verliebte und nicht bemerkte, dass sie aifs falsche Pferd setzte. Höchst unangenehm waren die Liebesbezeugungen vor versammelter Mannschaft "Ich habe heute geträumt von dir". War das Coming Out vollbracht, saß sie in der Schmollecke, und dann begann mich die Geschäftsleitung zu mobben. Eine bessere Umgebung als eine Fluggesellschaft gibt es nach meiner Ansicht für sexuelle Minderheiten nicht, auch wenn hier die Arbeit gegem sexuelle Belästigung natürlich wie überall eine permanente ist und sein muss. Bei der größten Airline in Deutschland sind längst sogenannte Guidelines für korrektes Verhalten am Arbeitsplatz implementiert. Zur Umfrag: jedes Gewerkschaftsmitglied der UFO besitzt ein Mitglieds-Login. Leicht hätte man die Umfrage unter UFO-Mitgliedern durchführen können und so wäre es ausgeschlossen gewesen, dass sich Berufsfremde beteiligen.
peterpahn 10.05.2019
2. Alice Schwarzer nennt es "Lächel-Berufe", deren weibliche ....
Alice Schwarzer nennt es "Lächel-Berufe", deren weibliche Angehörige überproportional oft sexuell konnotierten Annäherungen ausgesetzt sind, also z.B. in Hotels und Restaurants. Wobei, ich denke, in anderen Branchen läuft es vielleicht bloß subtiler und geht dann weniger von Flug(Gästen) aus, sondern von Vorgesetzten.
rosselfee1 10.05.2019
3. überall....
Dort, wo räumliche Enge oder direkte Nähe zum Arbeitsbereich gehören, ist der Übergriff oder Anmache nicht weit. Dieses Thema ist nun zum Glück kein Tabu mehr....und dennoch gibt es auch heute teils noch Menschen, die im Denken und Verhalten in den 1950er Jahren hängen. Wer Übergriffe, gleich welcher Art, erlebt hat, muss es aussprechen. Familiengeheimnisse, die nie thematisiert wurden, machen Generationen blind und Taub für die Themen Gewalt und Übergriffe in allen Bereichen.... kann jeder, der therapeutisch mit den Themen zu tun hat(te) ein Buch darüber schreiben.... Öffentlichkeit herstellen schützt, das war schon immer so. Aber, leider gibts immer noch " Mittäter", die blockieren, sie der Fall NRW Kampingplatz... da dürften seltsame Gestalten gewirkt haben, dass Beweismaterial verschwand. Auch die Kategorie Profi gab und gibts leider immer....
rosenblum64 10.05.2019
4. Wirklich!????
Manchmal wundert man sich tatsächlich darüber, welche Schlagzeilen einen betroffen machen sollen. Flugpersonal wird sexuell belästigt? Wer ist davon überrascht? Mitglieder des kleinen aber feinen Clubs der extrem Flugverängstigten? Pathologische Zugfahrer? Meine Oma? 1. Die Fluglinien schneiden die Uniformen des weiblichen Personals so, dass die Flugbegleiterinnen sexualisiert werden. Je kürzer und geiler, desto besser. 2. Morgens und abends fliegen vor allem Männer zwischen Hamburg, Berlin, München und Köln hin und her, die alle im Anti-Quoten-und-Macho-Land Germany sozialisiert wurden. Die betrachten sich selbst als Kunden (obwohl die wenigsten ihre Flüge selbst zahlen), die sich am Freiwild Kabinenpersonal bedienen dürfen. Man will den anderen Typen ja imponieren. 3. Ehegattensplitting, Lehrerberuf, Elternzeit, Herdprämie, Religionsunterricht an Schulen... Deutschland ist ein rückständiges Land, das in Sachen Gleichstellung Jahrzehnte hinter Skandinavien, den Beneluxstaaten und sogar Irland hinterher hinkt. Frauen haben hier eben einen Status wie in Schweden des frühen 18. Jahrhundert. 4. Kinderstube ist gerade unter männlichen Geschäftsreisenden ein bewusstes No Go. Dafür sind die alle viel zu wichtig. Kein Danke, kein Bitte, kein höfliches Miteinander. Gute Erziehung und ein freundliches Wesen könnte ja als Schwäche ausgelegt werden. Dass man hier keinen Respekt gegenüber Frauen findet, kann einfach niemanden überraschen.
Paule Paulson 10.05.2019
5. Schlimme Sache, aber überraschend guter Artikel
Ich bin fast schon wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass wieder ausschließlich von armen Stewardessen die Rede ist, die von bösen Männern belästigt werden. Erfrischend, dass man deutlich macht, dass es männlichen Flugbegleitern kaum besser ergeht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.