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02. September 2013, 11:15 Uhr

Scheitern im Job

Verzeih dir selbst

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Niemand rutscht durchs Berufsleben, ohne anzuecken und einzustecken. Schwere Schlappen sind schmerzhaft und oft peinlich. Die gute Nachricht: Scheitern lässt sich lernen.

"Uns gefällt Ihr Sound nicht, und Gitarrenmusik ist ohnehin nicht gefragt."(Begründung der Plattenfirma Decca, die die Beatles ablehnte, 1962)

Im Moment ihrer bittersten Niederlage konnte sich Shin A Lam nicht einmal verkriechen. Fast eine Stunde lang übertrugen die Fernsehkameras live aus London in alle Welt, wie die Fechterin mit hängendem Kopf und herzzerreißendem Blick auf der Planche saß und einfach nicht wahrhaben wollte, was ihr bei diesem olympischen Turnier gerade widerfahren war.

Shin A Lam lag gleichauf, als ihrer deutschen Gegnerin Britta Heidemann eine Sekunde vor Schluss noch ein letzter Angriff zustand. Diese Sekunde wurde aufgrund eines komplizierten Regelwerks dreimal neu gestartet, bis Heidemann einen Treffer landete - und anstelle der Asiatin ins Degenfinale einzog.

Das südkoreanische Team protestierte vergebens. Von Weinkrämpfen geschüttelt gab Shin A Lam nach dieser Stunde öffentlichen Leidens ihren Widerstand auf und ließ sich von ihrem Trainer hinter die Kulissen führen.

Sie empfand diese Entscheidung als unfair, und Hunderttausende, vielleicht Millionen Fernsehzuschauer fühlten mit ihr. Was kann eine Sportlerin aus solch einem Drama lernen? Doch nur, dass die Welt ungerecht ist.

Machen wir uns nichts vor: Scheitern ist scheiße

"An Niederlagen wächst man", heißt es im Volksmund. Oder: "Verlieren schult den Charakter." In Buchläden stapeln sich Titel wie: "Lust am Scheitern", "Vom Glück des Scheiterns", "Die Kunst des Scheiterns", "Scheitern als Chance" und sogar: "Die heilende Kraft des Scheiterns". Selbst die Hamburger Kunsthalle ist den Versagern auf der Spur und zeigt eine Ausstellung namens "Besser Scheitern". Fast könnte man glauben, Niederlagen seien hip.

Die Wahrheit ist: Scheitern ist scheiße.

Es zieht runter, macht traurig, verunsichert. Scheitern ist schmerzvoll, oft peinlich und meistens demoralisierend.

Doch warum eigentlich? Fehler zu machen gehört zur Entwicklung des Menschen. Ein Baby, das laufen lernt, plumpst Hunderte Male zu Boden, ohne sofort in Selbstzweifel und Versagensängste zu verfallen. Wer Fehler macht, probiert etwas Neues, entwickelt sich weiter. Es ist wahr: Aus Fehlern lernt man.

Das Problem entsteht erst dann, wenn Fehlermachen mit Versagen gleichgesetzt wird. Und dieses Problem sei hausgemacht, behauptet Professor Heiner Keupp.

Der Sozialpsychologe glaubt, dass die Idee des Scheiterns nicht mit einem angeborenen Siegeswillen des Menschen zu tun hat, sondern ein Produkt der Erfolgsgesellschaft sei. Ursprünglich sicherten Menschen ihr Überleben durch gemeinschaftliches Handeln in Gruppen. Das änderte sich erst, als Wettbewerb und Konkurrenz in den Mittelpunkt rückten. "Dem Siegeszug des Kapitalismus haben wir die Gewinner- und Verlierermentalität zu verdanken", sagt Keupp.

Selbstdressur - alles für den Erfolg

Damit einher geht ein neoliberales Menschenbild, Keupp nennt es das "unternehmerische Selbst": ein Wesen, das sich ständig selbst optimiert, sich überall und immer auf jede Marktveränderung einstellt, sein Leben inklusive seiner "psychischen Innenausstattung" vollkommen den Erfordernissen des Marktes ausliefert. Der perfekte Mitarbeiter stellt in seiner Freizeit freiwillig seine körperliche und mentale Gesundheit wieder her. Er verbietet sich, über andere Werte jenseits der Fit-für-den-Wettbewerb-Ideologie nachzudenken. Und hält diese Selbstdressur auch noch für Selbstbestimmung.

Die Belohnung für dies schmiegsame Verhalten ist der Erfolg. Der schafft Ansehen, Selbstwert, oft auch Wohlstand. Die Sehnsucht danach sei so übermächtig, dass der unablässige Wettbewerb mit allen und gegen jeden bereits als vollkommen natürlich gelte, meint Psychologe Keupp.

Schon Kinder und Jugendliche würden mit Fernsehformaten à la "Deutschland sucht den Superstar" oder "Germany's Next Topmodel" verlockt, über ihre Grenzen zu gehen, sagt Keupp. Wer den dort geforderten Idealen nicht entspreche, fühle sich schnell als Verlierer.

Die Fähigkeit, Niederlagen ohne große Blessuren wegstecken zu können, war immer schon wichtig fürs Überleben in der Arbeitswelt. Sie könnte aber in Zukunft noch wichtiger werden.

Die Zeiten, in denen der Mensch einen Beruf erlernen, in aller Ruhe Erfahrungen sammeln und ihn bis zur Rente ausüben konnte, sind vorbei. Die heutige Arbeitswelt fordert den flexiblen Mitarbeiter, der heute hier und morgen da eingesetzt werden, der ständig neue Aufgaben übernehmen kann. Das Mantra lautet: lebenslanges Lernen.

Gescheitert: Die "Agentur für gescheites Scheitern"

Das ist die gute Botschaft, man kann sich sein Arbeitsleben selbstbestimmt zurechtpuzzeln. Die schlechte: Die Fehlerquote wird mit der Zahl der wechselnden Jobs steigen und damit die Wahrscheinlichkeit, dass Dinge schiefgehen. Die Berliner Beraterin Ulrike Ley sagt: "Heute ist es völlig normal, zu scheitern. In unserer Wahrnehmung jedoch wird es immer noch als extrem negativ stigmatisiert."

Hans-Jürgen Stöhr wollte das ändern. Mit Scheitern kennt der Akademiker sich aus. Gerade lief das Berufungsverfahren; er sollte eine Professur an der Universität Rostock antreten, da kam die Wende. Er verlor die Stelle, seine Karriere, seine Idee vom Leben. Marxistisch-leninistische Lehrkörper standen in der neuen Welt nicht hoch im Kurs. Mit 41 Jahren und einem Abschluss als Philosoph musste sich Stöhr als Berater und Management-Trainer auf dem freien Markt durchbeißen.

Dabei sammelte er so reichlich Erfahrung, dass er beschloss, sein Schicksal in eine Geschäftsidee umzuwandeln. 2005 gründete er die "Agentur für gescheites Scheitern". Er wollte Menschen helfen, siegreich aus Niederlagen hervorzugehen.

Sieben Jahre später gab er die Agentur auf. Gescheites Scheitern war gescheitert. Die Leute trauten sich nicht, professionelle Hilfe zu suchen, so erklärt Stöhr die mangelnde Nachfrage. Er selbst ließ sich durch den Misserfolg freilich nicht aus der Bahn werfen. Gut zu scheitern bedeutet schließlich, aus einer Schlappe einen Sieg zu machen. Stöhr hat sein Spektrum erweitert: Seit 2012 betreibt er eine philosophische Beratungspraxis für "Anstößiges Denken". Er will philosophische Denkansätze in Alltagssituationen integrieren, Philosophie anwendbar machen.

"Bewahren Sie den aufrechten Gang"

"Schämen Sie sich nicht, wenn Sie etwas gewagt haben und Ihre Rechnung nicht aufging", rät der Hamburger Psychologe und Managementberater Heinz Becker. "Vertreten Sie Ihre Misserfolge offensiv, und bewahren Sie den aufrechten Gang." Man müsse sich eben damit abfinden, von Erfolg und Misserfolg abhängig zu sein. "Deshalb ist das Selbstwertgefühl eine schwankende Größe", sagt Becker.

Fehlschläge um jeden Preis vermeiden zu wollen schadet mehr, als es nützt. Amerikanische Forschungen ergaben, dass dies bei den Ängstlichen zu Schamgefühlen, Passivität und Depression führt. Schlechtes Scheitern nennt Hans-Jürgen Stöhr das. Es beeinträchtige das Selbstwertgefühl, lähme und mache krank.

Wer dagegen "gut" scheitert, dem gelingt es, nach dem Lecken der Wunden den Rückschlag zu akzeptieren, das Projekt loszulassen und damit neuen Ideen Raum zu geben. "Es ist Ausstieg, Umstieg, Weiterkommen, Neuanfang", erklärt Stöhr.

Und vor allem ist es erlernbar, das gescheite Scheitern.

Schlecht scheitert, wer stur an seinem Ziel festhält, auch wenn alle Anzeichen auf Abbruch stehen. Forscher der Universitäten Bremen und Oldenburg untersuchten jüngst die Ursachen für Reinfälle bei Start-ups. Nicht Finanznot oder Naivität waren die Hauptursachen für einen Fehlschlag, sondern vor allem: übertriebene Zuversicht, falsche Vorstellungen vom Käuferverhalten der Kunden sowie eskalierende Konflikte im Team.

Wenn dein Pferd tot ist, dann steig ab

Euphorie ist der Antrieb des Gründers. Doch oft verspielen überoptimistische Entrepreneure Haus, Hof und den Familienfrieden, weil sie sich nicht eingestehen wollen, dass ihre geniale Produktidee bei der Kundschaft nicht ankommt. Statt so schnell wie möglich vom toten Pferd zu steigen, satteln sie es wieder neu. Die Schuld am verlorenen Rennen bekommt später das Pferd, der Sattel, der Trainer - alle, nur nicht der Jockey.

Kein Wunder, denn nur starke Charaktere halten das aus. Scheitern sei eine Grenzerfahrung, die sich anfühle wie der Tod inmitten des Lebens, sagt die Psychotherapeutin und Autorin Irmtraud Tarr. Kaum lässt sich erahnen, in welch seelische Tiefen Christian Wulff gestürzt ist, nachdem er sein Amt als Bundespräsident, sein Ansehen und dann auch noch seine Frau verloren hatte. Und wer kennt die Qualen all der Lektoren, die das Manuskript von "Harry Potter" abgelehnt haben?

Eine Niederlage trifft das Selbstwertgefühl mit voller Wucht. Es braucht eine Trauerzeit, um sie wegzustecken. Und das gelingt überhaupt nur, wenn man über ein gesundes Selbstbewusstsein verfügt.

Das beste Heilmittel nach einem Rückschlag sei, sagt Irmtraud Tarr, sich klarzumachen, dass sich der Wert als Person durch die Niederlage nicht verringert. Dabei würden vor allem Freunde helfen, denn die könnten zwischen der Sache, die schiefgegangen ist, und dem Gescheiterten als Mensch unterscheiden.

Analyse, Kritik, Verzeihen

Denn: Wer gemocht wird, kann sich leichter selbst vergeben. "Wenn das Nichtwiedergutzumachende geschehen ist, bleibt eigentlich nur eins: sich selbst zu verzeihen", schreibt Tarr in ihrem Buch "Das Donald-Duck-Prinzip".

Natürlich, um aus einer Schlappe zu lernen, muss man die Ursachen selbstkritisch analysieren. Aber anhaltende Selbstkasteiung nutze genauso wenig wie die ständige Frage nach der Schuld. "Das zieht einfach zu viel Kraft."

Resilienz nennen Wissenschaftler die innere Stärke eines Menschen, die ihn befähigt, Misserfolge, Niederlagen und Krisen zu bewältigen. Resiliente Personen verweigern die Opferrolle, bleiben in jeder Lebenslage optimistisch und kreativ. Sie suchen nach Lösungen und lassen sich helfen.

Es gibt Glückspilze, die mit dieser Schutzhaut um die Seele geboren werden. Alle anderen können lernen, diese innere Widerstandskraft zu aktivieren. Was es dazu vor allem braucht, ist wenig überraschend: Leute, die einen aufrichtig mögen.

Freunde also. Hegt sie.

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