Jobdoppel Parfumeur versus Kanalreiniger "Die Arbeit stinkt mir überhaupt nicht"

2. Teil: Daniel Vetter, 31: "Wenn es stinkt, ist das ein gutes Zeichen"


Kanalreiniger Daniel Vetter (links) und seine Crew beim, naja, Kanalreinigen
Daniel Vetter

Kanalreiniger Daniel Vetter (links) und seine Crew beim, naja, Kanalreinigen

"Ich arbeite seit 14 Jahren als Kanalarbeiter, und die Arbeit stinkt mir überhaupt nicht. Ich meine das wörtlich: Wenn ein Kanal verstopft ist, erledigen meist Roboter die dreckige Arbeit für uns. Ich sitze dann im Kleinbus vor Monitoren und steuere Hochdruckdüsen oder Spiralen in den Rohren über Joysticks. Das Technikfahrzeug kostet fast eine halbe Million Euro.

Selbst steige ich nur noch etwa einmal in der Woche in einen Kanal, um ihn auf mögliche Schäden zu prüfen. An den meisten Arbeitstagen könnte ich einen weißen Anzug tragen - und niemand, der mich sieht, würde ahnen, dass ich Kanalarbeiter bin.

Meine Kunden sind glücklich, wenn ich ihnen das Abflussrohr wieder freimachen kann und ihr Keller nicht mehr in Abwasser schwimmt. Wir prüfen und reinigen auch Rohre und Kanäle und reparieren sie. Natürlich ist die Arbeit nicht immer appetitlich: Manchmal kommen mir auch Kot und gebrauchte Tampons entgegen.

Aber es ist eine sehr wichtige Aufgabe, denn wir schützen dadurch unser Grundwasser vor austretendem Abwasser aus der Kanalisation. So verhindern wir, dass Trinkwasser verunreinigt wird und sich Krankheitserreger verbreiten. Manchmal leeren wir auch Güllegruben von abgelegenen Häusern, die keinen Anschluss an die Kanalisation haben.

Fotostrecke

6  Bilder
Kanalreiniger: Volles Rohr voraus
Mit den Güllegruben fing auch alles an. Mein Großvater hatte sich 1968 einen Traktor und ein Güllefass gekauft. Das ist ein Fass auf einem Anhänger, in das man über einen Schlauch Fäkalien aus Gruben saugen kann. Damals hatten viele Häuser und Höfe eine Grube, aus der wurden alle paar Wochen Abwässer und Fäkalien abgesaugt und auf den Feldern als Dünger verteilt. Ich bin in die Arbeit hineingewachsen. Als ich acht Jahre alt war, hatte ich meine ersten Einsätze: Während mein Vater den Saugstutzen in die Güllegrube hielt, saß ich im Traktor und bediente den Gashebel zum Absaugen der Kloake.

So lange Fäkalien in Ruhe in der Grube liegen oder sich nach einer Verstopfung in einem Rohr stauen, riechen sie übrigens überhaupt nicht. Erst wenn wir das Abwasser absaugen, kommt die Masse in Bewegung, wühlt sich um, gelangt an die Luft und kann Gestank abgeben. Wenn es bei einer Rohrreinigung stinkt, ist das daher ein gutes Zeichen: Es bedeutet, dass das Rohr frei ist und die Fäkalien wieder fließen. Wirklich gerochen habe ich das aber nur in den ersten Monaten.

Eigentlich ein sauberer Job

Zugegeben: Es ist schwer, Mitarbeiter zu finden. Viele haben Angst, dass sie nach der Arbeit stinken. Wer aber einmal in der Branche arbeitet, merkt, dass es nur sehr selten riecht und Kanalarbeiter ein sauberer Job ist. Wenn wir im Kanal arbeiten, steigen wir in Einmal-Anzüge. Und nach unserer Arbeit werden Arbeitswerkzeug und Arbeitsplatz desinfiziert. Das ist Pflicht, seitdem Seuchen wie die Schweinegrippe aufkamen.

Wer bei uns anfangen will, muss sportlich und schwindelfrei sein: Sportlich, weil wir oft mit schwerem Gerät arbeiten, das bis zu 40 Kilo wiegt. Schwindelfrei, weil wir in Kanäle steigen, die sieben oder auch mal 19 Meter tief in den Boden reichen. Ein Kollege steht immer mit einem Seil und Sicherungsgerät oben und hält uns fest - die Stufen in den Schächten sind oft glitschig oder durchgerostet.

Die Tiefe ist nicht die einzige Gefahr: Gase wie Methan oder Schwefel riechen nicht nur unangenehm, sondern sind auch lebensgefährlich, weil bei zu hohen Konzentrationen kein Sauerstoff mehr in der Luft ist. Und weil manche tödliche Gase geruchslos sind, haben wir bei jedem Einsatz im Kanal auch ein Gaswarngerät dabei.

Bis heute bin ich jedes Mal gesund und unverletzt wieder aus der Kanalisation gestiegen. Und der 19 Meter tiefe Brunnen fördert seit unserer Arbeit sogar wieder frisches Wasser. So groß die Faszination am Beruf auch sein mag: Ich freue mich jedes Mal, wenn ich aus der Kanalisation wieder an die frische Luft steige."

insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
wennderbenzbremst... 05.12.2012
1. Interessant
Was mich wirklich brennend interessieren würde: Wie schafft man es, die Gerüche in Autos so zu konservieren, dass das Auto auch nach langer Zeit noch markentypische Gerüche besitzt? Ein alter Golf riecht immer nach Golf, ein alter Mercedes immer nach Mercedes. Natürlich nur, wenn man den Innenraum nicht mit Wunderbäumen zukleistert, oder literweise Parfum darin verschüttet. Bekannte und Freunde stellen bei meinem alten 190er Mercedes immer wieder fest, dass das Auto typisch nach Taxi riecht. Und das obwohl darin geraucht wird (oder gerade deswegen?). Vielleicht liest Herr Rittler ja mit und kann dazu was sagen.
wdiwdi 05.12.2012
2. Kanalreiniger mit Realschulabschluss?
Ich wundere mich nicht mehr, dass Langzeitarbeitslose ohne Qualifikation kaum Jobs finden, wenn schon zur Arbeit als Kanalreiniger lt. Tabelle ein Realschulabschluss Voraussetzung ist....
statussymbol 05.12.2012
3.
Zitat von wdiwdiIch wundere mich nicht mehr, dass Langzeitarbeitslose ohne Qualifikation kaum Jobs finden, wenn schon zur Arbeit als Kanalreiniger lt. Tabelle ein Realschulabschluss Voraussetzung ist....
Genau - und wenn man jetzt noch den Artikel gelesen hätte, dann hätte man festgestellt dass der gute Mann offensichtlich zum Großteil mit modernster Technik und am Monitor mit einem Roboter im Wert von knapp einer halben Million Euro rumwerkelt. Dürfte in Verbindung mit dem Gefährdungspotenzial wenn man einen Fehler macht (wenn man den Roboter oder den Kanal beschädigt könnte das teuer werden) also durchaus ein Beruf sein bei dem die nötige Grundqualifikation im Gegensatz zu früheren Zeiten sich gesteigert hat. Finde ich in diesem Fall halbwegs nachvollziehbar. Abgesehen davon wird ein Bewerber vermutlich auch mit einem guten Hauptschulzeugnis nicht zwangsläufig abgelehnt, wenn das Gesamtbild stimmt! So ist das doch in den meisten Jobs heutzutage.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.