In Kooperation mit

Job & Karriere

Fotostrecke

Junge deutsche Wissenschaftler: Karriere an US-Unis

Uni-Karriere in den USA Professur statt Arbeitsamt

Deutsche Nachwuchsforscher kann eine Juniorprofessur leicht in die Sackgasse führen. In den USA dagegen winken feste Stellen und gute Gehälter. Zwei junge Wissenschaftler berichten über die Unterschiede zwischen beiden akademischen Welten, über Bewerbungen und den Arbeitsalltag an US-Unis.
Von Astrid Langer

Promotion plus Habilitation gleich Professur - so lautete lange Zeit die Formel für eine Karriere an deutschen Hochschulen. Nur im akademischen Olymp winken sichere Stellen auf Lebenszeit, eigene Forschungsgelder, festangestellte Mitarbeiter.

Die Lehrstühle sind indes hart umkämpft. 2002 wurden Juniorprofessuren geschaffen, um eine zweite Formel für den Traumjob zu schaffen: Promotion plus Juniorprofessur gleich Professorenstelle. Der neue Weg sollte die akademische Karriere bis zur regulären Professur deutlich beschleunigen und verkürzen.

Die Wirklichkeit 2011 sieht für Juniorprofessoren anders aus: Viele bekommen selbst nach jahrelanger Lehr- und Forschungstätigkeit keine Stelle, für die Wirtschaft sind sie schon zu alt - willkommen bei der Arbeitsagentur. Zudem haben zahlreiche Universitäten ein Hausberufungsverbot erlassen: Dort dürfen Juniorprofessoren sich nicht um eine volle Professur bewerben, sie müssen die Hochschule wechseln. Um ihre Jobchancen zu steigern, habilitieren sich viele zusätzlich. Dabei sollten Juniorprofessuren die Habilitation ersetzen.

Nach sechs Jahren Arbeit auf der Straße

"Die Bildungspolitik in Deutschland ist derzeit nicht nachhaltig, es gibt keine vernünftigen Jobgarantie für Juniorprofessoren", sagt Andreas Taubert, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft Juniorprofessur. Nach DGJ-Schätzung gibt es momentan zwischen 700 und 900 Juniorprofessoren bundesweit, rund zehn Prozent seien mit der Option auf eine Beförderung versehen, einem tenure track. "Ganz langsam kommen die Hochschulen zu der Erkenntnis, dass man Juniorprofessoren nach sechs Jahren Arbeit nicht einfach auf die Straße setzen kann", so Taubert.

Die Idee eines tenure track stammt aus dem angloamerikanischen Hochschulen: Nachwuchswissenschaftler werden bei guten Leistungen an der Uni stufenweise befördert und dauerhaft beschäftigt. Das Modell bietet also noch keine Karrieregarantie, aber zumindest sicherere Aufstiegschancen in der unsicheren akademischen Welt.

Dass der tenure track an US-Universitäten weit verbreitet ist, hat sie zu einer attraktiven Alternative für deutsche Nachwuchswissenschaftler gemacht. "Assistant professors sind an amerikanischen Unis auch besser respektiert und geschätzt, als es Juniorprofessoren in Deutschland sind", sagt Taubert.

Die Unterschiede zwischen Universitäten in den USA und Deutschland sind beträchtlich. Zwei deutsche Nachwuchswissenschaftler erzählen im KarriereSPIEGEL von ihren Erfahrungen an US-Universitäten.

Christian Geiser: Wenig Papierkram, viele Welcome-Mails - US-Unis sind viel flexibler"

Christian Geiser, 32, ist seit Dezember 2009 "assistant professor" für Psychologie an der Arizona State University

"Studierende zu unterrichten hat mir schon immer Spaß gemacht. Deswegen wollte ich nach meinem Studium der Psychologie unbedingt an der Uni bleiben und habe an der Freien Universität in Berlin promoviert. Nach dem Abschluss 2008 hatte mir mein damaliger Doktorvater eine Juniorprofessur an der FU angeboten. Aber was wäre danach gekommen?

Solche Stellen sind in Deutschland auf sechs Jahre begrenzt, danach beginnen ein Bewerbungsmarathon und ein Dauerschaulaufen an Hochschulen im ganzen Land - das kenne ich von Kollegen. Das Ausland, selbst das europäische Ausland, bietet da für frisch Promovierte wesentlich attraktivere Möglichkeiten.

In meinem Fall war es ein Gastwissenschaftler aus den USA, der in meiner Arbeitsgruppe in Berlin zu Besuch war und mich zu einer Bewerbung an der Arizona State University angeregt hat. Für zwei volle Tage wurde ich nach Phoenix eingeladen. Flug, Hotel und Essen hat die US-Universität übernommen, ich hätte keinen einzigen Dollar in der Tasche haben müssen.

US-Unis: Die akademische Leiter hinauf

Vom Frühstück bis zum Abendessen führte ich Gespräche mit meinen heutigen Kollegen. Die haben sich richtig Zeit genommen, mich kennenzulernen. Sogar nach meinen Hobbys haben sie sich erkundigt und mir gleich ein paar Angelplätze in der Wüste gezeigt.

Was für eine Erfahrung im Vergleich zu meinen Bewerbungen an deutschen Hochschulen! Dort werden in der Regel sechs Kandidaten auf einmal eingeladen, die dann jeweils 30-minütige Vorträge halten - auf dieser Grundlage und externen Gutachten trifft die Auswahljury ihre Entscheidung. Manchmal musste ich sogar die Anreisekosten selbst zahlen. Ein wirklich antiquiertes und häufig zähes Berufungsverfahren im Vergleich zu den Vereinigten Staaten.

Empfehlungsschreiben sind sehr wichtig für die Bewerbung

An der Arizona State University hielt ich neben den zahlreichen persönlichen Gesprächen einen wissenschaftlichen und einen Lehrvortrag. Außerdem musste ich ein teaching statement sowie ein research statement einreichen: einen Aufsatz über mein Selbstverständnis als Professor und Details darüber, wo ich mich selbst in fünf Jahren sehe. Im Gegensatz zu Deutschland verlangen US-Unis außerdem Empfehlungsschreiben, die extrem wichtig im Bewerbungsprozess sind.

In einem Berufungsverfahren an deutschen Hochschulen MUSS die Stelle am Ende neu besetzt werden, so kann auch mal der Letzte auf der Liste ernannt werden, wenn er der Einzige ist, der den Ruf annimmt. US-Unis sind hingegen flexibler - sind sie mit keinem der Kandidaten zufrieden, besetzen sie die Stelle erst mal nicht, schließlich haben die meisten Hochschulen eine größere Personalausstattung.

Ich hatte Glück, von drei Bewerbern um die Stelle als assistant professor im Bereich quantitative Methoden entschied sich die Uni für mich. Und da die Stelle einen tenure track hatte, musste ich nicht lange überlegen: Im Dezember 2009 zog ich nach Arizona, auch das bezahlte mir die US-Uni.

Papierkram ist eine deutsche Spezialität

Gerade zwei Wochen nach meinem Besuch in Arizona hielt ich die Zusage der Universität in den Händen, aus Deutschland war ich monatelange Wartezeiten gewöhnt. Meine Ankunft an der Arizona State University war ähnlich wie das Auswahlverfahren - ich bekam Dutzende 'Welcome'-E-Mails und hatte gleich ein eigenes Büro. Alles verlief erstaunlich unbürokratisch, eine einzige Unterschrift musste ich leisten. Im Vergleich: Als ich vor einigen Jahren eine halbe Stelle an der Uni Landau als wissenschaftlicher Mitarbeiter antrat, kämpfte ich noch Wochen später mit Papierkram.

Die Lehre in den USA verläuft sehr anders als in Deutschland: Derzeit unterrichte ich drei Kurse im Jahr, die jeweils zwei Mal pro Woche für eineinhalb Stunden stattfinden. Das sind weniger Stunden als in Deutschland, doch die Veranstaltungen sind viel aufwendiger, der Zeitaufwand ist etwa doppelt so hoch.

Fotostrecke

Arbeitsnomaden: Wie man in den USA an einen Job kommt

Foto: Katharina Finke

In den USA zahlen die Studenten immense Studiengebühren, deswegen sind ihre Erwartungen an die Professoren sehr hoch. Alles wollen sie vorgekaut haben, Eigenrecherche gibt es kaum, meine Sprechstunden sind ständig voll. Im ersten Semester fraß die Lehre meine komplette Zeit auf. Jeden Kurs musste ich ja zum ersten Mal vorbereiten, ich kam überhaupt nicht zum Forschen.

Dafür nutze ich hier wie alle Professoren den Sommer. Bezahlt werden wir jedoch nur für die neun Monate Vorlesungszeit - doch dann meist so gut, dass es auch über das ganze Jahr verteilt ausreicht. Überhaupt ist das Jahresgehalt als assistant professor tendenziell besser als das eines Juniorprofessors in Deutschland, zumindest an renommierten US-Universitäten.

US-Unis haben einen starken Hang zur Dauerevaluation

Überrascht hat mich in den USA vor allem, wie autonom und unglaublich schnell die Institutsleiter entscheiden und handeln können - das sollten sich die deutschen Unis mal abschauen. Welche Forschungsbereiche wollen wir expandieren, wo benötigen wir mehr Personal, was für Ausrüstung müssen wir noch anschaffen? All das regelt sich wesentlich flexibler und autonomer als in Deutschland.

Nach rund eineinhalb Jahren hier nervt mich eigentlich nur der Hang zur Evaluation. Überall gilt das Leistungsprinzip: zeigen, wie und wo man einen Output geliefert hat. Jedes noch so kurze Treffen mit einem Studenten muss ich dokumentieren, jede wissenschaftliche Veröffentlichung zählt. Da ist das Professorenleben in Deutschland schon angenehmer - hat man eine der begehrten W3-Professuren ergattert, kann man sich in Ruhe auf seine Forschung konzentrieren, hat mehr Mitarbeiter und genießt seine Freiheiten. Allerdings verdient man möglicherweise auch schlechter als ein full professor in den Vereinigten Staaten, da die Gehälter dort nicht gedeckelt, sondern Verhandlungssache sind.

Rückblickend bin ich wirklich froh, dass ich die Stelle hier angenommen habe. In Deutschland gibt es ein echtes Loch zwischen Promotion und Professur, da wäre meine Zukunft ungewiss gewesen. Prinzipiell kann ich mir dennoch vorstellen, irgendwann nach Deutschland zurückzukehren. Dafür müsste ich eigentlich jetzt schon die Augen und Ohren offen halten - denn wenn ein Lehrstuhl in Deutschland besetzt wird, dann bleibt er gleich für 30 Jahre besetzt."

Jochen Teizer: "Professoren, Studenten, Doktoranden sind motivierter, Teamarbeit ist allen wichtig"

Jochen Teizer, 35, ist seit fünf Jahren "assistant professor" für Bauingenieurwesen am Georgia Institute of Technology in Atlanta

"Dass ich promovieren wollte, wusste ich schon früh während meines Studiums. An eine Auslandspromotion dachte ich aber erst, als mir mein Professor an der Uni Karlsruhe von einer Doktorarbeit in Deutschland abgeraten hatte - was mich sehr überrascht hat. Er sagte: "Die Forschung in den USA ist zielgerichteter, Deutschland ist da etwas engstirnig!" Also informierte ich mich über die Promotionsmöglichkeiten in den Vereinigten Staaten, machte den TOEFL- und GRE-Test und konnte 2002 tatsächlich meine Doktorarbeit an der University of Texas in Austin beginnen.

Als ich dann 2006 mit meiner Dissertation fertig war, stellte sich erneut die Frage: Zurück in die Heimat? Oder weiter in den USA an der Uni arbeiten? Der Schritt vom Doktoranden zum Professor in den USA ist viel einfacher als in Deutschland: Pro Fachbereich gibt es nicht nur eine, sondern gleich mehrere Professorenstellen, abgestuft in assistant-, associate- und "full-professor. Außerdem wäre ich in Deutschland sicher belächelt worden, hätte ich mich mit meinen 29 Jahren um einen eigenen Lehrstuhl beworben. Ich musste nicht lange überlegen - die Ernennung zum assistant professor an einer US-Uni war nun mein Ziel.

Im Gegensatz zu deutschen Hochschulen wird es in den USA allerdings als verwerflich angesehen, als "ill bread", wenn Doktoranden an ihrer Hochschule auch eine Professur bekommen. Es wird erwartet, dass Doktoranden die Universität wechseln und so ihren Horizont erweitern. Also bewarb ich mich an mehreren US-Universitäten und wurde zu insgesamt zehn Interviews von Alaska bis Florida eingeladen.

Am Anfang hart verhandeln

Meine Wahl fiel letztlich auf das Georgia Institute of Technology, das auf Platz vier im Ingenieurwesen rangiert. Als assistant professor ist es anfangs extrem wichtig, in einem guten Forschungsumfeld zu landen und das start-up-funding, also die Anfangsfinanzierung, hart zu verhandeln: Was genau zahlt mir die Uni an Umzugskosten und Berufsreisen, wie viele studentische Hilfskräfte stehen mir zu, bekomme ich auch während der dreimonatigen Sommerpause der ersten Jahre ein Gehalt? In meinem Fall hat mir die Universität letztlich einen mittleren sechsstelligen Betrag zugesprochen, der gerade in den ersten ein, zwei Jahren vieles einfacher gemacht hat.

Arbeiten in den USA

Forschungsgelder in den USA aufzutreiben ist vergleichbar schwierig wie in Deutschland. Lediglich 5 bis 15 Prozent aller Forschungsanträge an die National Science Foundation werden erfahrungsgemäß auch bewilligt. Auch machen die US-Unis oft Druck, genügend Forschungsgelder aufzutreiben. Besonders wenn man sich, so wie ich derzeit, in seinem letzten Jahr als assistant professor befindet und kurz vor der tenure-Evaluierung steht, sollte man eine ausreichende und langfristige Finanzierung nachweisen können.

Im Gegensatz zu vielen deutschen Unternehmen sind US-Firmen eine gute Anlaufstelle für Forschungszuschüsse, da sie gewillt sind, Neuerungen voranzutreiben und finanziell zu unterstützen. Gelegentlich besuchen mich Unternehmen sogar in meinem Forschungslabor.

Devise: "Wir holen uns die schlauesten Köpfe ins Land"

Überhaupt ist die Einstellung vieler US-Amerikaner gegenüber Forschung eine ganz andere als in Deutschland. Auf dem Campus arbeite ich fächerübergreifend mit anderen Professoren zusammen, im interdisziplinären Arbeiten sind die USA wirklich stark. Auch die gute Arbeitsatmosphäre hat mich überrascht. Die Professoren, Studenten, Doktoranden erscheinen mir viel motivierter als in Deutschland, Teamarbeit ist allen wichtig.

Anders als an deutschen Hochschulen kommen in den USA viele meiner Kollegen aus dem Ausland. 'Wir holen uns die schlauesten Köpfe ins Land' ist die Devise der Amerikaner. Deutsche Bewerber gibt es jedoch kaum, dabei ist es für Deutsche mit einem guten Uni-Abschluss und Doktortitel erfahrungsgemäß einfach, zumindest zu den Interviews eingeladen zu werden.

Interessierten rate ich, ständig im Internet zu schauen, welche US-Unis gerade Stellen ausschreiben und sich mit den jeweiligen Kollegen in Verbindung zu setzen. Auch internationale Konferenzen eignen sich zur ersten Kontaktaufnahme. Welche Universitäten im jeweiligen Fachbereich top sind, ist als Außenstehender kaum zu überblicken; die Universitäts-Rankinglisten der USA geben eine gute Übersicht.

Im Augenblick stelle ich meine tenure track-Mappe zusammen: Anhand von wissenschaftlichen Veröffentlichungen, Empfehlungsschreiben und studentischen Bewertungen werden dann mehrere Auswahlkommissionen entscheiden, ob ich ab 2012 als associate professor bleiben darf. Sollte es am Georgia Institute of Technology nicht klappen, bewerbe ich mich einfach an anderen US-Universitäten - schließlich ist die Stellenauswahl hier sehr groß."