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Unternehmensberater im Homeoffice "In unserem Business wird mehr als nötig gearbeitet"

Berater sind eigentlich jede Woche bei einem anderen Kunden, leben im Hotel, kennen die Kollegen besser als die eigenen Kinder. Corona zwingt sie, zu Hause zu bleiben. Wie fühlt sich das an? Drei von ihnen erzählen.
Aufgezeichnet von Florian Gontek
Geschäftsreisen gehören zum Alltag vieler Unternehmensberater - Corona verändert ihren Alltag

Geschäftsreisen gehören zum Alltag vieler Unternehmensberater - Corona verändert ihren Alltag

Foto: Lost Horizon Images/ Cultura RF/ Getty Images

Das Klischee der Unternehmensberater geht so: Sie reisen um die Welt, um vor Ort beim Kunden für hohe Honorare Probleme zu lösen. Das kostet zwar die Work-Life-Balance, dafür gibt es Goldstatus bei allen Airlines und ein Gefühl der Unentbehrlichkeit. Doch jetzt ist Corona - und die Welt bleibt zu Hause. Eine Beraterin und zwei Berater haben dem SPIEGEL davon erzählt, wie ihr Arbeitsalltag heute aussieht, ob Geschäftsreisen wirklich nötig sind und wie es sich anfühlt, zum ersten Mal in der Karriere nicht permanent übermüdet zu sein. Zwei unserer Gesprächspartner haben darum gebeten, anonym bleiben zu dürfen.

"Die Arbeit von zu Hause macht austauschbar"

Moritz T.*, 29, berät Firmen im Finanzsektor im In- und Ausland.

"Meine Branche ist ein diskretes Geschäft; hier regieren nicht die bunten Kanarienvögel. Ich arbeite Vollzeit beim Kunden und bin daher meistens von montags bis freitags unterwegs. Die Erwartung ist, dass ich vor Ort bin. Doch die Zeit gerade verdeutlicht mir, dass Projekte auch aus dem Homeoffice gut funktionieren.   

Die Aufgaben sind in dieser Zeit die gleichen geblieben, ebenso die Erwartungshaltung. In unserem Business wird mehr als nötig gearbeitet. Von zu Hause kann ich in deutlich weniger Zeit das Gleiche schaffen.

Nun kann ich mich direkt nach dem Aufstehen an den Laptop setzen. Auch, wann ich frühstücke und wie ich mir meine Pausen nehme, kann ich viel flexibler entscheiden.

Mein Alltag außerhalb von Corona ist ein anderer. Für mein aktuelles Projekt würde ich normalerweise montags um vier Uhr morgens aufstehen, um dann um sechs Uhr im Flieger und um acht beim Kunden zu sitzen. Die Müdigkeit durch den wenigen Schlaf zieht sich durch die ganze Woche.

Wenn ich dann Donnerstag- oder Freitagabend wieder zu Hause ankomme, bin ich oft gerädert. Das Wochenende ist dann häufig sehr kurz. Sonntag beginne ich dann damit, die neue Woche vorzubereiten, meinen Koffer wieder zu packen. Da ist die Zeit gerade ein enormer Gewinn. Viele Tätigkeiten, und wenn es nur darum geht, eine Hose kürzen zu lassen, kann ich mir jetzt auch mal dazwischen legen und muss sie nicht an meinem freien Tag erledigen.

Der Kontakt mit dem Kunden läuft gerade komplett telefonisch, auch die Meetings. Am Anfang haben wir das auch über Video versucht - aber dann schnell auf Telefon umgeschwenkt. Die ersten drei, vier Minuten sind Small Talk. Wie war der Tag bislang, wie es geht - solche Dinge. Gespräche, die man sonst noch bei einem Kaffee führen würde. Das ist über Telefon und Video natürlich schwer zu ersetzen.

Dass unsere Branche sich langfristig verändert wird, glaube ich nicht. Beratung ist ein People Business. Es geht darum, sich zu zeigen und sich gegenüber dem Kunden zu verkaufen. Die Arbeit von zu Hause macht austauschbar.

Persönlich da zu sein, das zeichnet dieses Geschäft aus. Doch jetzt merke ich, dass ich auch vom Homeoffice aus gut arbeiten kann. Künftig würde ich diese Erkenntnis gern nutzen, um private Reisen und Arbeiten mehr zu verbinden. Das Ziel von Unternehmen sollte es sein, ihren Mitarbeitenden zu ermöglichen, von überall auf der Welt zu arbeiten. Denn was ist am Ende denn besser als ein glücklicher Mitarbeiter?"

Hanne Bänsch

Hanne Bänsch

Foto: MARION STEPHAN PHOTOGRAPHIE/ Marion Stephan Photographie


"Reisen sind für meinen Beruf unersetzlich"

Hanne Bänsch, 56, arbeitet seit fünf Jahren selbstständig als Coach und berät Unternehmen im Bereich Human Resources.  

"Ich berate Unternehmen zu Personal- und Führungsthemen und arbeite auch projektbezogen. Meistens bin ich dafür vor Ort beim Kunden, ob für einen Workshop, ein Interview oder eine Beratung. Gerade ist das nur eingeschränkt möglich. 

Auch wenn die Tools zur Videotelefonie über die Jahre sehr viel besser geworden sind, muss ich doch sehr genau hinschauen und -hören. Die Körpersprache des Gegenübers ist nur eingeschränkt sicht- und wahrnehmbar. Bei Interviews zum Beispiel ist es oft ein ganz schöner Aha-Effekt, wenn man sich zum ersten Mal persönlich sieht. Ich muss per Video viel deutlicher auf die Zwischentöne achten. Bei einem Gespräch in der Gruppe ist das online fast unmöglich. Natürlich ist es einfacher, je besser man sich und sein Gegenüber kennt.

Es ist schon vorgekommen, dass ich für ein Meeting nach Singapur geflogen bin und das Gefühl hatte: Okay, das hättest du dir sparen können. Dennoch sind Reisen für meinen Beruf unersetzlich. Bei hochrangigen Personalentscheidungen zum Beispiel geht es für alle Beteiligten um sehr viel, nicht nur um Geld. Da lohnt sich jeder Flug. Für den Kunden, die Kandidaten und für mich. 

Denken Sie an Besprechungen und Verhandlungen: Das persönliche Kennenlernen, der Austausch von zusätzlichen Informationen und zum Teil auch Entscheidungen, werden oft in Randgesprächen oder beim Essen geteilt und vereinbart, diese Möglichkeit fehlt gerade - zu ersetzen ist es nicht.  

In Zukunft wird es selbstverständlicher werden, digitale Technik zu nutzen. Ich bin froh, dass ich für mein aktuelles Projekt in den letzten Wochen von zu Hause arbeiten konnte. Am Anfang der Corona-Zeit im Homeoffice dachte ich aber auch: Hey, das ist ja schlimmer als im Büro. Homeoffice braucht sehr viel mehr Struktur und Selbstdisziplin. Im Jogginganzug vor dem Laptop, ohne ein richtiges Frühstück – das finde ich keine gute Idee. Ich arbeite im Homeoffice mehr als normal, der Tag ist noch stärker durchstrukturiert. Dadurch, dass die Wegzeiten wegfallen, packe ich mir die Tage auch deutlich voller. Ein Reflex. Es ist ein anderes Arbeiten, und ich denke, da lernen wir alle gerade, wie das besser strukturiert und organisiert werden kann. 

Arbeit von zu Hause wird in Zukunft akzeptierter werden. Ich glaube, es wird sich umkehren: War man früher ab und an im Homeoffice, wird man zukünftig ab und an im Büro sein. Die Arbeit im Büro wird trotzdem bleiben. Sie ermöglicht die kleinen persönlichen Kontakte zwischendurch, der Treff in der Kaffeeküche oder das Mittagessen in der Kantine, selbst die Minuten im Aufzug. Hier findet Small Talk statt, Infos werden ausgetauscht, Gerüchte weitergegeben, gemeinsam an einem Problem gesessen – das Schmiermittel für Zugehörigkeit und Teamgeist. Die Menschen brauchen das, sonst wird die Arbeit beliebig."

"Es ist immer eine Sache der inneren Einstellung - ob auf Dienstreise oder von daheim"

Udo S.*, 41, arbeitet als Strategieberater für Konsumgüterartikel im asiatischen Raum. Er lebt in Peking.

"Als ich am 29. Januar von einer Reise nach Shanghai zurückflog, war nicht in meinem Kopf, dass es für lange Zeit meine letzte Reise werden würde. Doch dann wurden Flüge gecancelt, auch die Atmosphäre in der Stadt war schon damals gespenstisch. Ich bin einmal am Tag für einen Spaziergang vor die Tür gegangen. Das ist wichtig für das Seelenheil.

Für mich war es ungewohnt, nicht mehr so viel im Flugzeug zu sitzen. Im vergangenen Jahr war ich so häufig in der Luft, dass ich es spontan gar nicht zählen kann. Ich hatte weitere Messebesuche geplant, Dienstreisen nach Malaysia und Japan. All das wollte ich zuerst noch wahrnehmen. Mir wurde dann schnell bewusst, dass ich die Dienstreisen wohl nachholen muss.

Meine Arbeit verändert das. Zwar lief über WeChat und andere Kanäle auch zuvor schon vieles digital. Die Effizienz, die man im persönlichen Austausch erreicht, ist mit der eines Video- oder Telefonmeetings jedoch nicht zu vergleichen. Persönliche Meetings finden hier in China mittlerweile auch wieder ohne besondere Maßnahmen wie Mundschutz und Schutzhandschuhe statt. Das ist ein großer Gewinn.

Präsenz ist wichtig beim Kunden. Vor Ort zu sein, hat einen ganz anderen Status, Projekte im persönlichen Austausch einen anderen Zug. Etwa die Wahl eines neuen Distributors in einem Land. Kompetenz, Büro, Infrastruktur, all diese Dinge. Hier würde kein Hersteller einen Markt in fremde Hände geben, ohne nicht vorab die Chemie und Atmosphäre zu prüfen.

Persönlich zu einem Kunden zu reisen, bietet so viel mehr. Kurz vor Corona bin ich auf einer Dienstreise in der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator 20 Kilometer durch die Straßen gegangen und habe alles aufgesaugt, was für meinen Kunden und mich wichtig sein könnte. So etwas mache ich auf Reisen permanent, es ist Teil meines Berufes. All das geht gerade nicht. Es bleiben vor allem die digitalen Kanäle, um mit den Kunden verbunden zu bleiben. Man schickt also viele E-Mails und telefoniert.

Ich arbeite gerade jedoch auch sehr gern zu Hause. Wenn ich in die Ruhe und in die Hochkonzentration komme, das ist für mich die beste Arbeitsatmosphäre. Am Ende, und das ist das Wichtigste, ist es immer eine Sache der inneren Einstellung - ob auf Dienstreise oder von daheim."

*Anmerkung der Redaktion: Auf Wunsch der Protagonisten haben wir im Nachhinein die Namen verändert. Die inhaltlichen Aussagen sind davon nicht betroffen. Dem SPIEGEL sind die Personen wie die Namen bekannt.

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