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Unternehmensführung Mittelstand lässt mehr Frauen ran

Das käme als Frauenquote nie durch: Im Mittelstand gibt es deutlich mehr weibliche Führungskräfte als in Konzernen - bis zu 20 Prozent. Mit diesem Ergebnis kratzt eine aktuelle Studie am Bild des greisen Provinzpatriarchen, der seine kleine Fabrik nur von Männern führen lässt.
Frauen gefragt: Damit sind Mittelständler auf den demografischen Wandel gut vorbereitet

Frauen gefragt: Damit sind Mittelständler auf den demografischen Wandel gut vorbereitet

Foto: Joerg Sarbach/ dapd

Einen leichten Stand hat er nicht, der Mittelstand. Sicher, er wird hoch gelobt, wahlweise als "Herz" oder "Motor" der deutschen Wirtschaft, als Exportlokomotive, die auch nach der Finanzkrise das deutsche Bruttosozialprodukt wieder aus dem Tal und an den meisten anderen Nationen vorbei zu neuen Höhen gezogen hat.

Doch andererseits wollen immer noch zu wenige exzellente Manager ihr Dasein in der Provinz fristen, der Glamourfaktor der "hidden champions" ist qua Definition gering, und bei vielen Führungskräften spukt in den Köpfen noch immer das Bild des greisen, doch nichtsdestotrotz überall mitmischenden Patriarchen im Kopf herum, der moderner Unternehmensführung so zugetan ist wie der katholische Dorfpfarrer auf der Schwäbischen Alb einer gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft.

Dabei ist der Mittelstand moderner als gedacht. Dies zeigt erneut die Studie "Unternehmerperspektiven", die es sich, von der Commerzbank initiiert und betreut, zur Aufgabe gemacht hat, die Welt der kleinen und mittleren Unternehmen für die breitere Öffentlichkeit anschaulich zu machen. Unter dem Titel "Frauen und Männer an der Spitze - So führt der deutsche Mittelstand" lag der Fokus in diesem Jahr auf Führungspersonal und -verständnis des wirtschaftlichen Mittelbaus. Befragt wurden Geschäftsführer und Inhaber von 4000 Unternehmen mit einem Umsatz von mindestens 2,5 Millionen Euro. Die Ergebnisse veröffentlicht KarriereSPIEGEL vorab.

Der vielleicht überraschendste Befund: Mit Blick auf den demographischen Wandel und den Fachkräftemangel sind zahlreiche mittelständische Unternehmen schon jetzt besser aufgestellt als mancher Dax-Konzern. So ist selbst im gehobenen Mittelstand fast jede fünfte Führungskraft an der Spitze eine Frau.

Vor allem im Osten sind Frauen an der Führungsspitze gern gesehen

Damit liegt ihr Anteil weit über dem von Großunternehmen und Dax-Konzernen, der sich laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bei 3,5 Prozent bewegt. Besonders im Osten der Republik sind Frauen an der Führungsspitze gern gesehen: In Sachsen wird jedes dritte Unternehmen von einer Frau geleitet, in Sachsen-Anhalt sind es 28 Prozent und in Berlin immerhin noch 25 Prozent.

Schlusslicht im Bundesvergleich sind dagegen Niedersachsen, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein mit einer Frauenquote zwischen 14 und 16 Prozent.

Da mittelständische Unternehmen oft eine geringere Strahlkraft auf Bewerber ausüben, bekamen sie den demografisch bedingten Fachkräftemangel schon länger und früher zu spüren. Und sie haben darauf reagiert: Unter den Nachwuchsführungskräften sind Frauen unter 30 Jahren besonders stark vertreten. Am höchsten liegt ihr Anteil im Gesundheits- und Sozialwesen, am niedrigsten in den Branchen Chemie und Pharma, Verkehr und Logistik sowie im Maschinenbau.

"Die Herausforderung für mittelständische Firmen wird es jetzt sein, die jungen Frauen im Unternehmen zu halten und sie nach Erziehungszeiten zügig und ohne Reibungsverluste wieder in die Arbeitswelt zu integrieren", sagt Commerzbank-Vorstand Markus Beumer, verantwortlich für die Mittelstandsbank des Finanzinstituts.

Sachlich, teamorientiert und pragmatisch

Auch das Bild des alleinherrschenden Patriarchen wird von der Studie korrigiert: Jede zweite Führungskraft stellen angestellte Manager ohne Beteiligung am Unternehmen. Im großen Mittelstand beträgt ihr Anteil 74 Prozent, in Familienunternehmen immerhin noch 42 Prozent. Geführt wird häufig in altersgemischten Teams, oft zusammen mit dem Eigentümer.

Ihren Führungsstil beschreiben die mittelständischen Topmanager überwiegend als sachlich, teamorientiert und pragmatisch - Visionäre und Charismatiker bilden die Ausnahme. Auch klassische Personalinstrumente der Konzerne sind im Mittelstand längst nicht selbstverständlich: Zwar setzen 88 Prozent regelmäßige Mitarbeitergespräche ein, doch nur 47 beziehungsweise 40 Prozent vertrauen auf Mitarbeiter und Führungskräftebewertungen. Auch, weil die Mehrzahl überzeugt ist, einen guten Chef forme das Leben und die Erfahrung.

Nur 52 Prozent der Befragten beschäftigen sich zusätzlich mit Fachliteratur, und nur 34 nutzen Einzelcoaching. Nur 14 Prozent haben Mentorenprogramme installiert und erstaunlich niedrige zehn Prozent fördern gezielt Frauen. Den weitgehenden Verzicht auf formalisierte Personalführung erklärt Commerzbank-Vorstand Beumer mit der bodenständigen Kultur vieler Mittelständler: "Selbst Unternehmer, die mehrere hundert Mitarbeiter beschäftigen, identifizieren sich stark mit ihren Belegschaften und suchen über die Hierarchien hinweg den persönlichen Kontakt."

Und in einem Punkt entspricht der Mittelstand dann allerdings doch dem Klischee: Nur ganz wenige Führungskräfte stammen selbst oder in zweiter Generation aus dem Ausland - lediglich 4 Prozent der Chefs sind Ausländer oder Deutsche, deren Eltern nicht aus Deutschland kommen.

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