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Job & Karriere

Sabine Votteler

Tipps von der Karriereberaterin Gerade den Job gewechselt, aber ich will schon wieder weg

Sabine Votteler
Ein Gastbeitrag von Sabine Votteler
Jörg hatte seine alte Firma verlassen, weil er sich dort nicht mehr entwickeln konnte. Nach wenigen Monaten in der neuen Position ist er schon wieder unzufrieden. Und jetzt?
Wohin jetzt? Und kann ich überhaupt schon weg?

Wohin jetzt? Und kann ich überhaupt schon weg?

Foto: Fanatic Studio/Gary Waters/SCIENCE PHOTO LIBRARY / Getty Images/Science Photo Library RF

Jörg, 46 Jahre, fragt: »Ich habe meinen Job als Abteilungsleiter nun gerade mal sechs Monate und bin schon wieder unzufrieden. Dabei habe ich nach einem Wechsel das, was ich wollte: mehr Verantwortung und flachere Hierarchien. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich oft nicht machen kann, was ich für richtig halte, und das frustriert mich. Meine Motivation lässt jetzt schon spürbar nach. Habe ich vielleicht unrealistische Erwartungen? Ich kann doch nicht schon wieder kündigen. Wie sieht das denn im Lebenslauf aus?«

Zur Autorin

Sabine Votteler war mehr als 20 Jahre lang Führungskraft, bevor sie sich 2014 selbstständig machte. Sie berät und unterstützt Menschen, die sich aus einer langjährigen Karriere heraus selbstständig machen wollen, und bloggt  und podcastet  auch über dieses Thema.

Lieber Jörg,

zunächst einmal möchte ich Sie beruhigen. Ihrem Lebenslauf schadet es nicht, wenn da mal kürzere Engagements auftauchen. Solange Sie diese plausibel erklären können, ist das kein Problem. Eine konsequente und folgerichtige Handlung, um eine unbefriedigende Situation zu verändern, wird niemand als Makel sehen – auch dann nicht, wenn sich das als kurze Station bei einem Arbeitgeber niederschlägt.

Es ist daher gut, dass Sie Ihrer Unzufriedenheit auf den Grund gehen und herausfinden wollen, was die Geschichte dahinter ist.

Ein neuer Job ist nicht immer die Lösung. Das erfahren Sie gerade am eigenen Leib. Und Sie haben schon eine leise Ahnung, dass Ihre Unzufriedenheit mit Ihnen selbst zu tun haben könnte.

Definieren Sie, was Sie konkret stört

Um dies herauszufinden, fangen Sie bei Ihrer vorherigen Stelle an. Was machte Sie unzufrieden? Berücksichtigen Sie dabei nicht nur die Arbeitsinhalte und Tätigkeiten, sondern auch die Rahmenbedingungen, wie etwa die Personen, mit denen Sie zu tun hatten. Und schließlich ganz entscheidend: Fragen Sie sich, WARUM sie das störte.

Welche Erwartungen hatten Sie?

Hinter der von Ihnen erwähnten größeren Verantwortung und den flacheren Hierarchien im neuen Job scheinen andere Wünsche zu stecken, die sich nicht wie erhofft durch die passende Position erfüllt haben.

Worum geht es Ihnen tatsächlich? Wollen Sie mehr Entscheidungsfreiheit? Mehr Bedeutung, mehr Anerkennung oder Wertschätzung? Oder wollen Sie mehr Wirkung erzielen, mit den Dingen, die Sie tun? Geht es um Ihren Selbstwert?

Welche von all den Punkten wurden und werden auch jetzt nicht erfüllt?

Was sind die maßgeblichen Emotionen und Werte?

Sie werden feststellen, dass es im Grunde um Emotionen geht. Sie möchten bestimmte Gefühle empfinden. Und es geht um Werte, die Sie leben wollen.

Damit sind wir bei einem essenziellen Thema: Werte. Wenn Sie Ihre wichtigsten Werte in einem Job nicht leben können, ist die Unzufriedenheit programmiert.

Ist Ihnen an der Verantwortung etwa Wirksamkeit wichtig, also, dass Ihr Tun eine Wirkung hat? Wenn Sie dann in Ihrem Job aber ständig gebremst werden, wie etwa durch Einschränkungen beim Budget, beim Team oder in der Strategie, dann werden Sie immer frustriert sein. Verantwortung hin oder her. Vielleicht nahmen Sie an, dass mit der größeren Verantwortung automatisch mehr Wirksamkeit verbunden ist. Das muss aber nicht so sein.

Ermitteln Sie Ihre wichtigsten Werte

Dazu lassen sich online etliche Wertelisten finden, etwa hier  oder hier . Haben Sie einmal Ihre Werte klar, ist das ein tolles Hilfsmittel, um persönliche Entscheidungen sicherer zu treffen.

Nur wenn Sie sich über sich selbst und Ihre Motive im Klaren sind, können Sie den Job finden, der zu Ihnen passt. Und dann können Sie auch Ihren derzeitigen Job noch einmal neu bewerten.

Ein neuer Job oder eine andere Lösung

Vielleicht stellt sich heraus, dass ein klärendes Gespräch oder ein paar machbare Veränderungen schon ausreichen, damit sich die Situation verbessert. Gehen Sie nicht davon aus, dass in einem neuen Job automatisch alles besser wird.

Womöglich erkennen Sie auch, dass das, was Sie tatsächlich wollen, in jeder Anstellung grundsätzlich schwer zu finden sein wird. Dann lohnt sich die Überlegung, ob eine Selbstständigkeit etwas wäre.

Möglicherweise liegt Ihrer Unzufriedenheit auch ein genereller Veränderungsprozess zugrunde. Sie sind in einem Alter, in dem viele Menschen an den Punkt kommen, an dem andere Ansprüche an eine Aufgabe in den Vordergrund rücken als noch ein paar Jahre zuvor. Oft werden Wirksamkeit und Sinnhaftigkeit wichtiger als etwa Status und Einfluss. Vielleicht sind Sie in dieser Umbruchphase.

Wie können Sie eine sinnvolle Entscheidung treffen?

Probieren Sie sich aus. Aktionismus oder radikale Veränderungsschritte empfehle ich Ihnen nicht. Knüpfen Sie stattdessen Kontakte zu Menschen, die eine ähnliche Geschichte erlebt haben oder die etwas tun, das Sie interessant oder bewundernswert finden – etwa Firmengründer oder Freelancer. Arbeiten Sie ehrenamtlich oder machen Sie eine Art Praktikum für ein paar Tage.

»Mindestdauer«? Das ist Quatsch

Noch etwas: Es gibt keine »Mindestdauer«, die man in einer Position verharren muss, bevor man wechseln »darf«. Wenn Sie feststellen, dass Sie und Ihr Job einfach nicht zusammenpassen, dann sollten Sie nicht um jeden Preis daran festhalten und Ihre Zeit mit halbherzigen Versuchen vergeuden. Freuen Sie sich lieber, dass Sie das so schnell bemerkt haben und einen neuen Weg einschlagen können.