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Deutschlands Hochschulen erfinden immer neue Studiengänge. Aber was soll man bloß anfangen mit einem Abschluss in Integrativem Projektmanagement? Kolumnistin Uta Glaubitz warnt: Manchen Fächern sieht man gleich an, dass sie zu nichts führen.
Uni-Abschluss: Hurra, wir sind Komplementärmediziner!

Uni-Abschluss: Hurra, wir sind Komplementärmediziner!

Foto: Corbis

Jan Fleischhauer beschrieb kürzlich in seiner SPIEGEL-ONLINE-Kolumne, wie man neue Arbeitsplätze schafft: Man etabliert ein Fach an der Universität und züchtet damit neue "Experten". Sagen wir, nur so als Beispiel, für Gender Studies. Danach drängt man auf die Bildung einer Expertenkommission. Die empfiehlt dem Gesetzgeber, alle Unternehmen dazu zu verpflichten, die Absolventen einzustellen - zum Beispiel als Genderbeauftragte. Damit schafft man Arbeitsplätze für Leute, die sonst vielleicht anderen auf der Tasche lägen.

Auch der Studiengang Beratungswissenschaft wird Unterstützung brauchen. Zunächst muss er tiefschürfend beworben werden: "Mit dem Wandel der Arbeitswelt werden Bildung, Qualifizierung und Wissenserwerb zur kontinuierlichen Anforderung an jeden Einzelnen", so die Universität Heidelberg. Allerdings gibt es den hier beschworenen "Wandel der Arbeitswelt" in Deutschland spätestens seit der Reichgründung 1871. Denn bis dahin arbeiteten die meisten Deutschen in der Landwirtschaft. Seit der Industrialisierung aber geht's rund.

Ich vermute sogar, dass es die "kontinuierliche Anforderung an jeden einzelnen" Mediziner, Juristen oder Ingenieur bereits seit mehr als 2000 Jahren gibt. Denn mindestens so lange schon ersinnt die Menschheit neue Werkzeuge, Maschinen, Medikamente oder Gesetze. Selbst Naturwissenschaftler mussten sich schon ziemlich früh (nämlich vor Christi Geburt) damit arrangieren, dass die Erde möglicherweise keine Scheibe ist. Dass im Mittelalter noch alle an die flache Erde glaubten, gehört ins Reich der Wissenschaftsmythologie.

Apropos Mittelalter: 1386 wurde die Universität Heidelberg als erste deutsche Universität gegründet. Damals mit den vier Fakultäten Medizin, Jura, Theologie und Philosophie. Das ist die Tradition, auf die sich eine deutsche Universität besinnen könnte, wenn sie neue Studiengänge erfindet.

Nikotinentwöhnung, Bushido-Forschung, Geschirrspültradition

So wie den Master-Studiengang Integratives Projektmanagement der TU Dresden. Dort sollen auch Soft Skills vermittelt werden. Vermutlich sind damit Flexibilität, Kommunikation und Teamfähigkeit gemeint, was als Fach an einer Universität so viel verloren hat wie Nikotinentwöhnung, Bushido-Forschung oder der Wandel der Geschirrspültradition (die letzten beiden allerdings mit vermutlich interessanten Anknüpfungen zu Gender Studies).

Natürlich kann man alles erforschen: die Kiste als Verpackungsmaterial, die Liebe in Zeiten der Cholera oder den Wandel im Selbstverständnis deutscher Universitäten. Wer Korrelationen zwischen dem Verkauf von Windeln und Dosenbier mathematisch darstellen will, soll das tun. Wobei ich die Aldi-Vertriebsabteilung dabei für den geeigneteren Ort halte als eine Universität.

Das Problem hat der Studiengang Komplementäre Medizin am Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder offensichtlich nicht. Hier wurde eine Master-Arbeit gelobt, die sich mit Visionen von Probanden befasst. Dabei soll es zu Kontakten mit Toten, Hellsichtigkeit und Persönlichkeitsveränderungen mit Hilfe einer Aluminiumröhre gekommen sein. Der "Student" bezieht sich dabei auch auf Meditationsübungen mit dem Betreuer der Master-Arbeit während des Seminars.

Zur Erinnerung: Wissenschaft ist das, was zu objektiven Erkenntnissen über die Welt führt, zumindest aber zu überprüfbaren, nachvollziehbaren und wiederholbaren Untersuchungen und Ergebnissen. Im Fall der Aluminiumröhre aber heißt es in der Master-Arbeit selbst: Die experimentellen Daten seien eben "meist nicht replizierbar". Eine schöne Umschreibung also für wissenschaftlichen Unfug. Die Hochschule handelte sich den Ruf eines "Hogwarts an der Oder" ein.

Dieser Firlefanz entspringt der deutschen Romantik, die man beispielsweise in dem schönen alten Fach Germanistik seit Beginn des 19. Jahrhunderts erforschen kann. Dort lernen die Studiosi, wie die Romantiker auf die Aufklärung reagierten: Es könne doch nicht sein, dass die Wissenschaft am Ende alles erklärt. Was vielleicht stimmt.

Für die Studienwahl an einer deutschen Universität empfiehlt es sich aber zumindest, seinen Verstand anzuknipsen: Sapere aude!

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