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Veganer Metzger: "Ich mache jetzt Würstchen ohne Fleisch"

Foto: Markus Kirchgessner

Veganer Metzger "Ich mache jetzt Würstchen ohne Fleisch"

Aus roten Linsen macht er Teewurst, aus Reiswaffeln Mett: Michael Spahn ist Metzgermeister - und lebt seit drei Jahren vegan.
Von David Krenz
Zur Person
Foto: Markus Kirchgessner

Michael Spahn (Jahrgang 1961) ist gelernter Metzger und lebt seit drei Jahren vegan. Seine Biofleischerei in Frankfurt-Bornheim betreibt er weiter. Parallel entwickelt und verkauft er vegane Lebensmittel unter der Marke "Voody's".

SPIEGEL ONLINE: Herr Spahn, wann haben Sie zuletzt ein Schwein durch den Wolf gedreht?

Spahn: Seit 2013 esse ich kein Fleisch mehr, zur selben Zeit haben wir unsere Fleischproduktion an einen Partnerbetrieb ausgelagert. Ich stelle nur noch Veganes her.

SPIEGEL ONLINE: Bezeichnen Sie sich noch als Metzger?

Spahn: Ja, meine Arbeit läuft auch eigentlich so ab wie früher, ich tausche nur die Rohstoffe aus: Mehl für Weißwurst, schwarze Linsen für Blutwurst. Auch ein Stück Fleisch schmeckt pur und ungesalzen eher strohig und sonst nach ziemlich nichts. Das angenehme Mundgefühl entsteht durch Würzung und leistungsstarke Maschinen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre veganen Produkte verkaufen Sie ausgerechnet in Ihrer alten Metzgerei. Trauen sich da überhaupt Veganer rein?

Spahn: Die Käufer unserer veganen Produkte sind langjährige Stammkunden der Metzgerei. Wir hatten direkt daneben ein veganes Café, aber damit haben wir in anderthalb Jahren fast 60.000 Euro Verlust gemacht. Also mussten wir umdenken. Wir richten uns jetzt eher an die Großmutter, deren Enkel plötzlich ihre Rinderroulade verschmähen. Und das Meiste verkaufen wir über den Onlineshop. Unser Verkaufsschlager sind die veganen Bratwürste, eine große Imbisskette aus Frankfurt kauft jede Woche 300 Stück.

SPIEGEL ONLINE: Die Bratwurst verkaufen Sie unter der Bezeichnung "Griller". Warum?

Spahn: Am Anfang war ich sehr euphorisch beim Entwickeln meiner veganen Alternativen und habe sie nach den Fleischpendants benannt. Das brachte mir den Ärger meiner Kollegen bei der Fleischerinnung ein. Mein Obermeister schrieb mir einen bösen Brief und verwies darin auf die Leitsätze für Fleisch und Fleischerzeugnisse, die regeln, was in welche Wurst gehört. Seither heißt meine Zwiebelmettwurst aus Reiswaffeln eben "Hackepetra".

SPIEGEL ONLINE: Auf Facebook werden Sie von Veganern angegriffen, weil Sie Ihren Lebensunterhalt mit der Metzgerei verdienen.

Spahn: So wie aus Kettenrauchern oft militante Nichtraucher werden, lebt so mancher meiner Kritiker erst seit Kurzem vegan und sieht nicht, dass ich mich auf den Weg gemacht habe und ich meine Metzgerei nicht von jetzt auf gleich aufgeben kann. Ich bin verantwortlich für meine Mitarbeiter und deren Familien, alles in allem 50 Leute. Die Metzgerei subventioniert das vegane Geschäft. Darüber kommt nur ein Fünftel des Umsatzes. Sobald sich dieses Verhältnis umkehrt, würde ich sie schließen.

SPIEGEL ONLINE: Die Massenindustrie ließ überall Metzgereien sterben, in Ihrem Viertel sind Sie der Letzte Ihrer Zunft. Jetzt entdecken Fleischfabrikanten das vegane Geschäft. Wiederholt sich die Geschichte?

Spahn: Ein Markt hat meinen "Griller" nach einem halben Jahr aus dem Regal geräumt für ein Produkt eines großen Konkurrenten, das nur die Hälfte kostete. So sehe ich meine Rolle: Ich werde immer ein Wegbereiter für die Großen sein. Wir machen weiter und versuchen gerade, mit veganem Quark aus weißen Bohnen durchzustarten. Der ist nicht nur für Veganer, sondern auch für Allergiker interessant.

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