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08. März 2019, 18:15 Uhr

"Kinderfrei statt kinderlos"

Lehrerin schreibt Manifest gegen das Kinderkriegen

Kinder seien schlecht für die Umwelt: Die Lehrerin Verena Brunschweiger hält nichts vom Kinderkriegen - und tritt damit eine hitzige Debatte los.

Kinder sind unsere Zukunft - diese Losung ist in Deutschland sozusagen amtlich: Die Bundesregierung hat sie höchstselbst ausgegeben. Nun stellt eine Autorin diese Aussage infrage. Sie plädiert für ein Leben ohne Kinder, aus ökologischen Gründen.

Verena Brunschweiger beruft sich in ihrem Buch "Kinderfrei statt kinderlos - ein Manifest" auf eine Studie zum CO2-Ausstoß. Demnach könne man jährlich 58,6 Tonnen CO2 einsparen, "wenn wir nur ein Kind weniger in die Welt setzen", sagte sie im "Focus"-Interview.

Aber auch philosophische Gründe seien entscheidend. In der SWR-Sendung "Nachtcafé" sagte Brunschweiger Mitte Februar, sie vertrete die Sichtweise: "Wenn wir jemanden zur Welt bringen, dann fügen wir ihm immer Leid zu. Insofern ist es das Beste für mein Kind, wenn ich es nicht bekomme."

Elternschaft aus Egoismus

Eltern wirft die 38-Jährige dem "Focus" zufolge vor, nur aus egoistischen Gründen Kinder zu bekommen - und die Kinderlosen anschließend aufzufordern, ihnen die Kinder mitzufinanzieren. Dabei gehe es ihnen nur um einen höheren Lebensstandard.

Für ihre Thesen wird Brunschweiger in den sozialen Netzen scharf kritisiert. Sie seien menschenfeindlich oder gar faschistoid, ist dort zu lesen.

Auch der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, lehnt das Manifest von Brunschweiger, die im Hauptberuf Lehrerin ist, ab. "Ich hoffe, dass die Dame als Lehrkraft mehr Empathie für ihre SchülerInnen aufgebracht hat, als diese unsäglichen Äußerungen befürchten lassen", sagte er der "Bild"-Zeitung.

Diskriminierung von Kinderlosen

Brunschweiger selbst betonte im "Focus", mit Shitstorms könne sie gut leben. Kinderfeindlich sei sie übrigens nicht - im Gegenteil. "Ich muss sie nur nicht unbedingt selbst auf die Welt bringen."

Andere nahmen die Lehrerin in Schutz, Frauen sein nicht nur da, um Mütter zu sein, schrieb eine Twitter-Nutzerin.

Brunschweiger gibt an, sich immer wieder für ihre Kinderlosigkeit rechtfertigen zu müssen - und auch diskriminiert zu werden. Beispielsweise habe sie als Lehrerin bei der Versetzung an ihre Wunschschule immer wieder hinter Kollegen mit Kindern zurückstecken müssen. "Dass man im Jahr 2019 immer noch dafür bestraft wird, kinderlos zu sein, das finde ich schon krass."

Gründe für und gegen das Kinderkriegen wurden vor ein paar Jahren schon einmal hitzig debattiert. Damals hatten Frauen unter dem Schlagwort "Regretting Motherhood" erzählt, warum sie es bereuten, Mutter geworden zu sein.

Gegen Kinder richteten sie sich in ihren Aussagen aber explizit nicht. "Ich liebe meine Kinder", sagten die befragten Frauen unisono. Aber sie liebten es nicht, Mutter zu sein. Das sei für sie kein Gewinn, sondern ein Verlust: ein Verlust des Selbst, der Zeit sowie des Gefühls von Freiheit und Kontrolle.

sun/dpa

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