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Job & Karriere

Jobprotokoll Verkehrspolizist »Es kann immer etwas passieren, von jetzt auf gleich«

Thomas Richter war lange Kraftfahrer, bis er mit 35 Jahren zur Polizei wechselte. Hier erzählt er, warum heute kaum einer mehr Lkw fahren will – und in welchen Fällen er weniger streng kontrolliert.
Aufgezeichnet von Franca Quecke
Verkehrspolizist Thomas Richter: »Von dem Tod der beiden Polizisten im Dienst zu hören, hat mich mitgenommen« (Symbolbild)

Verkehrspolizist Thomas Richter: »Von dem Tod der beiden Polizisten im Dienst zu hören, hat mich mitgenommen« (Symbolbild)

Foto: Julien Becker / HMB-Media / IMAGO

»Polizist wollte ich eigentlich nie werden. Nach der Bundeswehr konnte ich mir eine Arbeit im Büro oder in der Werkstatt nicht wirklich vorstellen. Deshalb habe ich mich für die Fahrerkabine eines Lkw entschieden und mehrere Jahre als Kraftfahrer gearbeitet. Über Umwege bin ich dann bei einer Fahrzeugbaufirma gelandet und war dafür verantwortlich, Material und Fahrzeuge zwischen unseren Lieferanten und unseren Kunden zu transportieren.

Als ich 2008 mitten in der Wirtschaftskrise meinen Job verlor, war ich 34 Jahre alt, frisch verheiratet und wollte erst mal nur noch eines: Sicherheit. Ich weiß nicht mehr, wie ich von dem Altanwärterprogramm der Münchner Polizei erfahren habe. Menschen bis zu 34 Jahren haben dort die Gelegenheit bekommen, auch über das maximale Einstiegsalter hinaus Polizeibeamte zu werden. In meinem Jahrgang 2010 waren wir damals ungefähr 50 Teilnehmer: Ein Profisportler, dessen Karriere vorbei war, mehrere Zeitsoldaten, Menschen, die etwas komplett Neues machen wollten. Die meisten waren um die 30, mit meinen 35 Jahren war ich der Exot.

Früher noch als »Altanwärterprogramm« bekannt, richtete sich das 1993 eingeführte Sonderprogramm der Münchener Polizei  gezielt an ehemalige Zeit- und Berufssoldaten sowie Frauen und Männer zwischen 24 und 34 Jahren, die zuvor schon eine Berufsausbildung oder ein Studium absolviert haben. Im Sonderprogramm München betrug die Ausbildungsdauer 24 Monate, die allgemeine Ausbildung dauert 30 Monate. Zum Jahresende 2017 wurde das Sonderprogramm eingestellt. Allerdings ist das reguläre maximale Diensteintrittsalter in Bayern  auf 30 Jahre angehoben worden.

Wie alt Bewerberinnen oder Bewerber maximal sein dürfen, ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Wichtig ist deshalb, die jeweiligen Voraussetzungen zu beachten. In Mecklenburg-Vorpommern  etwa dürfen Bewerber höchstens 34 Jahre alt sein, in Nordrhein-Westfalen  36 Jahre. In vielen Bundesländern beträgt das Mindestalter 16 oder 17 Jahre.

Bei der Bundespolizei  gibt es ebenfalls Möglichkeiten für Ältere: Wer etwa in den mittleren Polizeivollzugsdienst möchte, bereits eine abgeschlossene Berufsausbildung hat und mehr als drei Jahre Berufserfahrung mitbringt, kann das mit bis zu 35 Jahren tun.

Die Ausbildung ist schon für jüngere Leute nicht leicht, aber mit 35 war es eine echte Herausforderung. Meine Schulzeit war fast 20 Jahre her, und es war anstrengend, noch einmal zwei Jahre die Schulbank zu drücken und etwa Gesetze zu wälzen. Verkehrsrecht ist mir allerdings schon in der Ausbildung leichtgefallen. Ich hatte als ehemaliger Berufskraftfahrer gewisse Kenntnisse und das Interesse für große Fahrzeuge war nach wie vor da. Also bin ich zur Verkehrspolizei gewechselt.

Mit Joe Biden im Konvoi

Jetzt begleite ich zum einen Staatsbesuche, angemeldete Demonstrationen oder Schwertransporte. Joe Biden und Mike Pence sind schon in unserem Konvoi mitgefahren, genauso wie Königin Silvia von Schweden und Frank Walter-Steinmeier. Außerdem kontrolliere ich an Bundesstraßen Lkw, Kleintransporter und Busse nach ihren Dokumenten, der Ausrüstung und ob das Fahrzeug in einem technisch einwandfreien Zustand ist.

Dabei habe ich sicher weniger Berührungsängste als einige Kollegen. Ich schiebe mich gern mit dem Rollbrett unter den Lkw – und kenne die Mängel darunter. Weil ich mal eine Weile in einer Werkstatt gearbeitet habe, weiß ich gut, wie eine defekte Bremse oder Rahmenrisse aussehen. Eigentlich gilt: Je älter der Lkw, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass etwas daran kaputt ist. Meine Erfahrungen von früher kann ich hier voll einbringen.

Bei einer Kontrolle muss man nicht immer gleich die große Keule herausholen, wenn jemand etwa die Fahrzeit um ein paar Minuten überschritten hat. Bei anderen Arbeitnehmern kommt auch niemand ins Büro und stellt eine Strafe von 15 Euro aus, weil jemand zu spät in die Mittagspause geht. Ich spreche mit den Kraftfahrern, mahne und belehre – aber lasse bei kleineren Verstößen auch mal fünf gerade sein. Ich behandle mein Gegenüber so, wie ich früher selbst behandelt werden wollte – und diesen Respekt bekomme ich auch zurück. Meist höre ich während der Kontrolle eher: ›Wenn ich schon jemand da habe, der Ahnung hat, kann ich Sie was fragen?‹

Viele Lkw-Fahrer sind ungelernt

Denn viele Lkw-Fahrer wissen gar nicht genau Bescheid, was sie alles dürfen und was nicht. Das liegt daran, dass viele ungelernt sind: Sie haben einen Führerschein gemacht und sich dann in einen Lkw gesetzt. Bei mir war das ja früher ähnlich: Wäre ich bei meiner ersten Spanienfahrt angehalten worden, würde ich wahrscheinlich heute noch Strafen bezahlen. Auch deshalb geht es mir nie darum, den Lkw-Fahrern das Leben schwer zu machen. Dafür habe ich selbst viel zu lange hinter dem Steuer eines Lkw gesessen.

Ich finde es nicht fair, dass der Job eines Kraftfahrers und der eines Polizisten so unterschiedlich in unserer Gesellschaft wahrgenommen werden. Wenn man sieht, wie Kraftfahrer in Deutschland behandelt werden, braucht man sich nicht zu wundern, dass keiner mehr diesen Job ergreifen will.  Alle wollen die Ware bei Amazon bestellen, aber keinen interessiert es, wie sie nach Deutschland kommt. Alle wollen Pakete und schimpfen dann, wenn die Lieferdienste in der zweiten Reihe parken.

Gerade in der Pandemie bereue ich es keine Sekunde, dass ich zur Polizei gewechselt bin. Meine Frau arbeitet als Krankenschwester, dementsprechend hilft es mir sehr, dass ich meine Schichten so flexibel an ihre anpassen kann. Als Polizist bin ich verbeamtet – meine Pension wird aber nicht so hoch wie die meiner Kollegen ausfallen. Dadurch, dass ich erst so spät eingestiegen bin, bekomme ich dafür die vorgeschriebenen Rentenpunkte nicht zusammen. Außerdem hatte ich das maximale Alter überschritten, um in den gehobenen Dienst wechseln zu können. Für mich ist das kein Nachteil, weil das sowieso nie zur Debatte stand. Dafür gefällt mir meine aktuelle Arbeit zu gut. Das ist, was ich kann und was ich mag.

Von dem Tod der beiden Polizisten im Dienst zu hören, hat mich mitgenommen. Gerade bin ich in Quarantäne und konnte mich darüber mit Kollegen noch nicht austauschen. Aber vor einigen Tagen habe ich im Fernsehen einen Beitrag über Polizeibeamte gesehen, die bei der Arbeit gestorben sind. Mir hat es wieder einmal vor Augen geführt, dass so etwas immer passieren kann, von jetzt auf gleich.

Früher ist mir bei bestimmten Einsätzen in Wohnungen, bei denen es unübersichtlich wird, schon mal der Puls in die Höhe geschnellt. Wenn ich gemerkt habe, dass sich das Gegenüber langsam nicht mehr beruhigen lässt, mir bedrohliche Blicke zuwirft, immer aggressiver wird. Bei Verkehrskontrollen ist mir zum Glück noch nie etwas passiert. Klar, manche sind aggressiver, brüllen auch mal. Handgreiflich ist aber nie jemand geworden.

Statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit auch höher, dass mich bei der Kontrolle ein Lkw übersieht und überfährt. Trotzdem habe ich mir vorgenommen, wieder mehr auf die Hände meines Gegenübers zu achten.«

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