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Verleumdung, Diffamierung, Gewalt Mitarbeiter von Vielfalt-Projekten fühlen sich bedroht

Wer sich hauptberuflich in Projekten für mehr gesellschaftliche Vielfalt einsetzt, ist oft Hass und Häme ausgesetzt. Mittlerweile wird es mancherorts schwer, überhaupt Mitarbeitende zu finden.
Demo gegen Rassismus (in Hamburg, 2018): Vielfalt als Zielscheibe

Demo gegen Rassismus (in Hamburg, 2018): Vielfalt als Zielscheibe

Foto: Romy Arroyo Fernandez / NurPhoto / Getty Images

Sie setzen sich beruflich für gesellschaftliche Vielfalt ein – und werden deshalb bedroht. Mitarbeiter staatlich geförderter Projekte, die sich mit Themen wie Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit und Rassismus beschäftigen, berichteten in einer Befragung von Diskreditierung, Verleumdung und Diffamierung (54 Prozent) bis hin zu körperlichen Übergriffen (8 Prozent). In mehreren Fällen sahen sich die Organisationen zudem mit Hackerangriffen und anderen Formen von Cyberattacken konfrontiert. Sachbeschädigung, Beleidigung und Vandalismus wurden ebenfalls als Formen der Bedrohung genannt.

Durchgeführt hatte die Befragung das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM). Die Wissenschaftler hatten für ihre Untersuchung 2020 zunächst die Verantwortlichen für 68 Modellprojekte kontaktiert, die über das Programm »Demokratie leben!« des Bundesfamilienministeriums Zuwendungen erhalten. Die unter dem Titel »Vielfaltgestaltung« geförderten Projekte bearbeiten außer den oben genannten auch Themen wie Antiziganismus, Homo- und Transfeindlichkeit sowie »Chancen und Herausforderungen der Einwanderungsgesellschaft«. Von den 50 Organisationen, die den Onlinefragebogen zumindest teilweise ausfüllten, gaben rund zwei Drittel an, in den zurückliegenden zwölf Monaten »mit konkreten, unmittelbaren Bedrohungen konfrontiert gewesen zu sein«.

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Die Betroffenen gaben an, dass die Bedrohungen zum weitaus größten Teil aus dem rechten bis rechtsextremen Spektrum stammen, wozu sie auch sogenannte Reichsbürger und Verschwörungsgläubige zählen. Jüdische Initiativen hätten darüber hinaus Anfeindungen aus dem islamistischen Bereich und auch vereinzelte Übergriffe aus dem linksextremen Spektrum geschildert. Organisationen, die sich gegen Transfeindlichkeit positionieren, berichteten zudem von Diffamierungsversuchen »aus der bürgerlich-konservativen Mitte«.

Zu den Modellprojekten, die unter dem Titel »Vielfaltgestaltung« gefördert werden, gehören unter anderem ein Projekt mit dem Titel »Meet a Jew« des Zentralrats der Juden in Deutschland, ein Projekt in Halle an der Saale, das sich für Teilhabe und Mitgestaltung junger Migranten in Ostdeutschland einsetzt sowie eine Initiative, die sich »Aufbau, Qualifizierung und Stärkung queerer Bildungsprojekte in strukturschwachen Regionen« zur Aufgabe gemacht hat.

Die Forscher kommen zu dem Schluss, die Bedrohungen seien für die Mitarbeiter der Projekte nicht nur psychisch belastend, sondern beeinträchtigten auch die Arbeitsabläufe. Die Auseinandersetzung mit Bedrohungen, Sicherheitsvorkehrungen sowie Absprachen mit Sicherheitsbehörden und anderen Akteuren seien aufwendig und schränkten dadurch die Mitarbeitenden in ihrer inhaltlichen Arbeit stark ein. Hinzu kämen Schwierigkeiten bei der Personalgewinnung. Gerade in einigen Regionen Ostdeutschlands sei es schwer, Mitarbeitende für rassismuskritische Arbeit zu gewinnen, vor allem solche, die selbst einen Migrationshintergrund haben, berichteten die Betroffenen den Wissenschaftlern.

Nach Einschätzung des DeZIM brauchen engagierte Organisationen und ihre Mitarbeiter »wirksame und konsequente Unterstützung«. Nur so könne verhindert werden, »dass die unmittelbaren und mittelbaren Angriffe zu einem nachhaltigen Rückzug zivilgesellschaftlichen Engagements führen«.

mh/dpa