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Debatte um Acht-Stunden-Tag Wenn Angestellte ihre Arbeitszeit selbst bestimmen

Acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche: Der Chef der Wirtschaftsweisen will diese Arbeitsregeln lockern. Unnötig, sagen Experten. Denn es gibt ein viel besseres Modell.
Foto: Andreas Hoff

Dr. Andreas Hoff, Jahrgang 1952, berät Firmen und Gewerkschaften bei der Entwicklung alternativer Arbeitszeitsysteme.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hoff, der Chef der Wirtschaftsweisen fordert ein Ende des starren Acht-Stunden-Arbeitstags. Das Arbeitszeitgesetz müsse gelockert werden. Was halten Sie davon?

Hoff: Die Forderungen des Sachverständigenrats ärgern mich. Die Behauptung, das Arbeitszeitgesetz sehe einen Acht-Stunden-Tag vor, ist schlichtweg falsch. Die Diskussion ist überflüssig. Die Grenze liegt nicht bei acht Stunden, sondern bei zehn Stunden, und zwar nicht wie häufig dargestellt in Ausnahmefällen, sondern ohne weitere Hürden. Auch die maximale wöchentliche Arbeitszeit von 48 Stunden gilt grundsätzlich nur im Durchschnitt von sechs Monaten, sodass pro Woche ohne rechtliche Probleme bis zu 60 Stunden gearbeitet werden kann. Und schließlich darf die Zehn-Stunden-Regelung unter bestimmten Bedingungen auch noch überschritten werden. Insgesamt sind die Regelungen zur täglichen Höchstarbeitszeit also angemessen und ausreichend flexibel.

SPIEGEL ONLINE: Der Chef der Wirtschaftsweisen argumentiert, die Ruhezeiten zwischen den Arbeitszeiten müssten verkürzt werden, damit ein Arbeitgeber nicht fürchten muss, gegen das Gesetz zu verstoßen, wenn der Angestellte abends noch an einer Telefonkonferenz teilnimmt und beim Frühstück seine E-Mails liest. Ist das eine berechtigte Forderung?

Hoff: Derzeit liegt die gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeit grundsätzlich bei elf Stunden, kann bei entsprechender Tarifregelung aber auf bis zu neun Stunden verkürzt werden. Eine darüber hinausgehende Verkürzung lehne ich ab, weil sie langfristig den Arbeitnehmern schadet. Aus arbeitsmedizinischer Sicht ist eine Schlafdauer von sieben bis acht Stunden pro Nacht sinnvoll. Wird diese Dauer unterschritten, sind die Arbeitnehmer weniger leistungsfähig.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das für den Angestellten, der abends bei einer Telefonkonferenz ist und morgens seine E-Mails liest?

Hoff: Ein solches Modell ist auch heute schon möglich, wenn beispielsweise der vereinbarte Arbeitszeitrahmen dementsprechend angepasst wird. Arbeiten nach 22 Uhr halte ich außerhalb von Schicht- und Dienstplänen aber für nicht vertretbar. Wer beispielsweise um 22.15 Uhr noch eine E-Mail an den Kunden in den USA beantwortet, erhöht sein Burnout-Risiko, weil damit das Risiko nicht erholsamen Schlafs zunimmt. Und geringfügige Aktivitäten wie das bloße E-Mail-Checken sind nach meiner Auffassung auch heute schon während der Ruhezeit möglich, wobei dies jedoch höchstrichterlich noch nicht ausgeurteilt ist.

SPIEGEL ONLINE: Bei vielen Arbeitnehmern verschwimmt die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit. Welche Folgen kann diese Entgrenzung haben?

Hoff: Das führt zu Dauerstress und Dauerdruck. Betroffene kommen nie zur Ruhe. Wer beispielsweise im Homeoffice arbeitet, schläft häufig schlechter, wie Studien zeigen. Das kann auf Dauer krankmachen, und die Produktivität sinkt.

SPIEGEL ONLIINE: Welche Modelle halten Sie für sinnvoll, um dem entgegenzuwirken?

Hoff: Ich halte viel von Vertrauensarbeitszeit, in der die Mitarbeiter ihre Arbeitszeit eigenverantwortlich einteilen können. Allerdings muss es den Mitarbeitern möglich sein, die Arbeitsmenge innerhalb der Vertragsarbeitszeit zu bewältigen; es dürfen keine überzogenen Ziele vorgegeben werden, wie dies leider häufig der Fall ist. Ich schätze, dass Vertrauensarbeitszeit bereits für etwa 20 Prozent der Arbeitnehmer gilt. Es ist beispielsweise das Standardmodell im Vertrieb. Im Schichtbetrieb lässt sich das Modell allerdings nicht umsetzen, weil die Mitarbeiter nicht für die Einhaltung ihrer Vertragsarbeitszeit verantwortlich gemacht werden können.

SPIEGEL ONLINE: Vertrauen klingt gut, doch wer profitiert mehr davon, Arbeitgeber oder Arbeitnehmer?

Hoff: Tatsächlich arbeiten Mitarbeiter mit Vertrauensarbeitszeit im Schnitt um die 15 Minuten länger am Tag, wie Umfragen zeigen. Oft weil sie nicht den Eindruck erwecken wollen, das System zu ihrem Vorteil auszunutzen. Trotz der geringfügigen Mehrarbeit empfinden die meisten Angestellten Vertrauensarbeitszeit aber als positiv, weil sie ihnen mehr Flexibilität verschafft und ihnen damit Vertrauen entgegengebracht wird. Zudem ist der Arbeitgeber auch weiterhin verpflichtet, die gesetzlichen und tariflichen Arbeitszeitregelungen einzuhalten. Wenn ein Angestellter merkt, dass er die vereinbarten Aufgaben nicht wie vorgesehen erfüllen kann, sollte er sofort das Gespräch mit dem Chef suchen. Sinnvoll ist es auch, Zeiten festzulegen, in denen gearbeitet werden darf, beispielsweise zwischen sieben Uhr morgens und 20 Uhr abends.

SPIEGEL ONLINE: In den Jamaika-Verhandlungen geht es auch um das Thema Wahlarbeitszeit - eine Art flexible Vollzeit. Was bedeutet das?

Hoff: Bei der Wahlarbeitszeit wird die herkömmliche Regelarbeitszeit durch einen Arbeitszeit-Korridor ersetzt. Eine Vollzeitstelle kann dann beispielsweise zwischen 30 und 40 Stunden pro Woche beinhalten. Der Mitarbeiter entscheidet selbst, wie viel er innerhalb dieser Spanne arbeiten will, und teilt das dem Chef rechtzeitig - beispielsweise mit sechs Monaten Vorlauf - mit. Der Arbeitsplatz und die Aufgabe bleiben dieselben, Arbeitsvolumen und Entgelt werden entsprechend angepasst. Dadurch können die Arbeitnehmer ihre Arbeit an ihre Lebensumstände anpassen, beispielsweise wenn sie gerade einen Angehörigen pflegen müssen. Ich halte dieses Modell für sehr sinnvoll. Die Arbeitgeber könnten es übrigens sofort umsetzen - die gesetzlichen Richtlinien stehen dem nicht im Weg.