PR-Coup Virgin-Chef Branson spendiert Mitarbeitern ein Jahr Elternzeit - jedenfalls einigen

Die Ankündigung klingt toll: Richard Branson zahlt seinen Mitarbeitern für ein Jahr das Gehalt weiter, wenn sie sich um ihren Nachwuchs kümmern. Doch der Virgin-Chef ist nicht so großzügig, wie es scheint.

Kennt sich aus mit der Animation von Kindern: Das großzügige Angebot von Richard Branson gilt nur für einen kleinen Teil der Virgin-Gruppe
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Kennt sich aus mit der Animation von Kindern: Das großzügige Angebot von Richard Branson gilt nur für einen kleinen Teil der Virgin-Gruppe

Von Helene Endres


Virgin-Chef Richard Branson sorgt mal wieder für eine Überraschung: Wer in seiner Firma Virgin Management ein Kind bekommt oder adoptiert, darf künftig ein Jahr Elternzeit nehmen - bei vollem Lohnausgleich.

"Als Vater und Großvater weiß ich, wie wunderbar das erste Jahr mit einem Kind ist - aber auch, wie anstrengend. Die Möglichkeit zu haben, viel Zeit mit deinen Lieben zu verbringen, ist entscheidend, besonders wenn sie noch klein sind", so Branson in seinem Blog, den er gleich mit verschiedenen Kinderfotos dekorierte.

Und mit viel Eigenwerbung: "Wenn du dich um deine Mitarbeiter kümmerst, kümmern diese sich um deine Firma - diese Firmenphilosophie funktioniert hier bei Virgin seit vierzig Jahren ziemlich gut."

Angebot beschränkt sich auf 140 Mitarbeiter

Doch die 50.000 Angestellten der Virgin Gruppe sollten genau hinschauen, bevor sie in die zügellose Reproduktion einsteigen: Die Regelung gilt nur für die etwa 140 Angestellten von Virgin Management in London und Genf, die mehr als vier Jahre dabei sind. Wer weniger als zwei Jahre nach seinem Antritt bei Virgin zu Vater oder Mutter wird, bekommt 25 Prozent des Gehaltes.

Dies ist nicht der erste ungewöhnliche Vorstoß, mit dem Branson sich öffentlichkeitswirksam als vermeintlich tollsten Chef der Welt inszeniert. So schaffte er vor einem halbem Jahr den Urlaubsantrag ab: Die Mitarbeiter in Bransons Stab, in seiner Stiftung und der Vermögensverwaltung dürfen Urlaub nehmen, so viel sie wollen und wann sie wollen. "Es ist allein Sache des Arbeitnehmers zu entscheiden, ob und wann er ein paar Stunden, einen Tag, eine Woche oder einen Monat freinehmen will", so Branson im vergangenen September.

Eine perfekte Schlagzeile - doch das Kleingedruckte machte wachsam: Mitarbeiter sollten nur frei nehmen, "wenn sie sich 100 Prozent wohl damit fühlen und sicher sind, dass sie und ihr Team bei jedem Projekt im Zeitplan liegen und ihre Abwesenheit in keiner Hinsicht das Unternehmen schädigt - und übrigens auch ihre Karriere".

Wer jemals mit seinem Team bei jedem Projekt im Zeitplan lag, möge sich hier bitte entspannen - alle anderen, vermutlich die meisten Arbeitnehmer würden unter Branson eher weniger Urlaub nehmen.

Diesmal schränkt der Milliardär sein Elternzeit-Geschenk nicht ein - zumindest nicht gleich. Und seine Leistungen gehen weit über die gesetzlichen Regelungen vor Ort hinaus: In Großbritannien gibt es seit Kurzem eine einjährige Elternzeit, diese wird mit 139,50 Pfund (etwa 190 Euro) pro Woche vom Staat unterstützt, wenn beide Eltern sich um den Nachwuchs kümmern. In der Schweiz gibt es gar keine vom Staat finanzierte Elternzeit. Bransons Ansage könnte also durchaus als Motivation für Eltern in spe gemeint sein, Virgin als Arbeitgeber zu wählen.

Neun Tipps für einen Abschied von der Vollzeit

Elternzeit
Während ihrer Elternzeit können Mütter und Väter ihre Stunden auf mindestens 15 und höchstens 30 Stunden pro Woche reduzieren und anschließend auf eine volle Stelle zurückkehren. Laut Gesetz müssen sie den Arbeitgeber mindestens sieben Wochen vorher informieren. Wollen Eltern die Auszeit zwischen dem dritten und achten Geburtstag ihres Kindes nehmen, beträgt die Frist 13 Wochen.

Familienpflegezeit
Im Januar 2015 ist eine Reform des Familienpflegezeit-Gesetzes in Kraft getreten: Berufstätige können eine zweijährige Auszeit beantragen, um sich um kranke Angehörige zu kümmern. Ganz freigestellt sind sie aber in dieser Zeit nicht, sondern müssen in der Woche mindestens 15 Stunden arbeiten. Die Regelung gilt für Unternehmen mit mindestens 25 Beschäftigten.

Wer hat einen Anspruch auf Teilzeit?
In der Regel können alle Beschäftigten einen Antrag auf Teilzeit stellen, wenn das Arbeitsverhältnis seit mindestens sechs Monaten besteht und der Betrieb mehr als 15 Angestellte hat.

Welche Fristen gibt es?
Arbeitnehmer müssen den Antrag auf Teilzeit mindestens drei Monate im Voraus stellen. Wenn der Arbeitgeber nicht mindestens vier Wochen vorher widerspricht, gilt der Antrag als genehmigt. Argumente für eine Ablehnung könnten zum Beispiel betriebliche Gründe wie Schichtarbeit sein: wenn sich feste Produktionsabläufe mit Teilzeitarbeitern nur schwer organisieren lassen oder Mehrkosten drohen. Auch Kitas könnten möglicherweise darauf bestehen, dass ihre Mitarbeiter Vollzeit arbeiten: wenn etwa das pädagogische Konzept vorsieht, dass die Kinder durchgehend eine feste Bezugsperson haben.

Wie viele Stunden sind perfekt?
Hierbei stehen Arbeitnehmer vor einem Dilemma: Halbieren sie ihre Arbeitszeit, haben sie große Einbußen beim Gehalt. Reduzieren sie nur ein paar Stunden, kommen sie mit Überstunden vielleicht schnell wieder auf die volle Arbeitszeit. Bevor sie den Antrag stellen, sollten sich Beschäftigte deshalb gut überlegen, welche Zeiteinteilung für sie perfekt ist: Den nächsten Antrag können sie nämlich frühestens in zwei Jahren stellen.

Mit dem Chef über die Arbeitstage reden
Wer von 40 Stunden auf 20 oder 24 Stunden reduziert, hat anschließend nicht automatisch eine Dreitagewoche. Deshalb sollte ein Arbeitnehmer gleichzeitig mit dem Teilzeitwunsch auch die Tage angeben, an denen er künftig arbeiten will. Laut Gesetz können Beschäftigte nämlich die Verteilung nicht einseitig vorgeben, sondern müssen mit dem Chef eine einvernehmliche Lösung finden.

Mit dem Chef die Arbeitszeiten regeln
Wenn Teilzeitkräfte nur zu den Kita- oder Schulzeiten in die Firma kommen wollen, müssen sie mit dem Vorgesetzten darüber reden. Gibt es genug Kollegen, die sie ersetzen können, sollte der Chef den Wunsch erfüllen. Schwierig kann es aber werden, wenn jemand zum Beispiel nur von 9 bis 13 Uhr arbeiten will, aber niemand das Loch bis 17 Uhr füllen kann. Im Streitfall muss der Arbeitgeber nachweisen, dass kein passender Ersatz gefunden werden konnte.

Wie viel Urlaub haben Teilzeitkräfte?
Arbeiten Teilzeitkräfte weiter fünf Tage pro Woche, bleibt der Urlaubsanspruch gleich. Bei einer Dreitagewoche reduziert er sich entsprechend: Wer vorher 30 Urlaubstage hatte, bekommt dann nur noch drei Fünftel oder 60 Prozent, also 18 Tage. Das ergibt ebenso wie bei Vollzeitkräften sechs arbeitsfreie Wochen. Unstimmigkeiten kann es aber zum Beispiel geben, wenn ein Teilzeit-Beschäftigter an wechselnden Tagen kommt. Wie viele Urlaubstage muss er dann opfern, wenn er 2,5 Wochen freihaben will? Und gilt dann ein Feiertag an einem Montag als Arbeitstag oder nicht? Um Streit zu vermeiden, sollten deshalb besser die Arbeitstage festgelegt werden: Wer regelmäßig montags arbeitet, bekommt auch den Ostermontag bezahlt.

Ist eine Rückkehr auf Vollzeit möglich?
Wechselt ein Beschäftigter auf eine Teilzeitstelle, kann er später nicht automatisch wieder auf eine Vollzeitstelle zurückkehren. Deshalb sollten Beschäftigte mit dem Chef eine befristete Teilzeit vereinbaren - beispielsweise auf ein oder zwei Jahre. Werden neue Vollzeitstellen besetzt, müssen Arbeitnehmer in Teilzeit bevorzugt berücksichtigt werden.

  • Helene Endres ist Redakteurin beim manager magazin.



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
petrasha 11.06.2015
1. grossartige sache....
wäre ja gut, wenn es mehr nachahmer bekäme...
Atheist_Crusader 11.06.2015
2.
Begrenzt mag das sein, aber für die USA ist das schon ziemlich gut. Der Mindesturlaub für die Arbeiter dort liegt irgendwo um die zwei Wochen, und viele nehmen die nicht einmal zur Gänze, weil sie befürchten müssen, dass bei ihrer Rückkehr der Arbeitsplatz weg ist. Von daher: Vielleicht nicht so toll wie es aussieht, aber ein Schritt in die richtige Richtung.
baboinfinite 11.06.2015
3.
Typisch deutsche meckerkultur. Über ach so grausame Arbeitswelt heulen, aber wenn es auf einmal Vorbild-Chefs und tolle Arbeitsplätze gibt, dann gleich wieder verreißen.
Sibylle1969 11.06.2015
4. In den USA...
...gibt es mittlerweile etliche Firmen, die auch eine "Unlimited vacation"-Policy haben. Doch erfahrungsgemäß hat das dazu geführt, dass die Leute tendenziell weniger Urlaub nehmen als vorher, wo 2-3 Wochen fest vorgeschrieben waren. Eine solche Policy macht nur Sinn, wenn gleichzeitig die Mindestzahl von Urlaubstagen vorgeschrieben ist, die man auf jeden Fall nehmen muss. Im Übrigen habe ich noch nie in einem Projekt gearbeitet, dass voll im Zeitplan lag. Wenn man solche Kriterien anlegt, kann man nie Urlaub nehmen.
voiceecho 11.06.2015
5. Billige PR!
Die Reglung gilt nur für 140 Mitarbeiter! Bei 50000 Beschäftigten ist es lächerlich und nur als. billige Populismus-PR-Kampagne zu verstehen! 140 Mitarbeiter ein Jahr lang zu bezahlen, ist billiger als eine aufwendige und teuere Werbemaßnahme! Er sollte sich wirklich schämen!
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