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Deutsche Ergotherapeutin in Neuseeland »Ich verdiene jetzt fast dreimal so viel wie in Deutschland«

Tausende Euro für Visumsantrag und dann monatelanges Warten – der Start in Neuseeland wurde Anne Neumann nicht leicht gemacht. Wie sie die Behörden überzeugte und warum sie einen Maori-Kurs machen musste, erzählt sie hier.
Aufgezeichnet von Verena Töpper
Anne Neumann ist ihrem Freund nach Neuseeland gefolgt und lebt nun auf der Nordinsel

Anne Neumann ist ihrem Freund nach Neuseeland gefolgt und lebt nun auf der Nordinsel

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privat

»Meinem Visumsantrag musste ich fünf Jahre alte Liebesbriefe, Fotos und Urlaubsrechnungen beilegen, als Beweis dafür, dass mein Freund und ich auch wirklich schon so lange ein Paar sind. Mir war es sehr unangenehm, intime E-Mails an unbekannte Beamte zu schicken, aber es war nur eine der vielen Anforderungen, die ich erfüllen musste, um endlich eine Aufenthaltserlaubnis in Neuseeland zu bekommen.

Für IT-Spezialisten, Ingenieure oder Krankenpfleger gelten in Neuseeland vereinfachte Visaregeln. Aber ich bin Ergotherapeutin, und die stehen leider nicht auf der Liste der gefragten Berufe. Ich bewarb mich deshalb für ein sogenanntes Partnervisum. Ob man verheiratet ist oder nicht, macht dabei keinen Unterschied. Man muss nur seit mindestens fünf Jahren mit einem Neuseeländer zusammen sein und seit mindestens einem Jahr zusammenleben.

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Paradies vor der Haustür

Foto: Mara Brandl / imagebroker / imago images

Verlangt werden mindestens 7,5 von 9 Punkten im IELTS-Sprachtest und ein umfangreicher medizinischer Check, inklusive Röntgenbild, Blut- und Urinanalyse, was mich allein 600 Euro gekostet hat. Außerdem musste ich polizeiliche Führungszeugnisse aller Länder besorgen, in denen ich länger als ein Jahr gearbeitet hatte. Und das waren in meinem Fall Deutschland, Großbritannien – und Indien. Dort hatte ich zwei Jahre lang ein Kinderheim geleitet. Es dauerte ewig, bis ich diese Papiere zusammenhatte, dann musste ich sie noch übersetzen und von einem Notar beglaubigen lassen.

Alles in allem kostete mich die Visabewerbung um die 4000 neuseeländische Dollar, das entspricht ungefähr 2400 Euro. Und dann begann das Warten und Bangen: Der Antrag kann jederzeit ohne Begründung abgelehnt werden, einfach so. Neun Monate später hatte ich noch immer kein Visum.

Sie lieben Geschichten von Auswanderern?

Für das Buch »Mittagspause auf dem Mekong«  haben die SPIEGEL-Redakteurinnen Kristin Haug und Verena Töpper mit 35 deutschen Auswanderern in 28 Ländern auf sechs Kontinenten gesprochen. Der Jüngste ist 27, die Älteste 77 Jahre alt. Einige sind verheiratet, manche geschieden, viele haben Kinder, aber alle haben eines gemeinsam: Sie haben sich nicht beirren lassen von anderen und sind ihren eigenen Weg gegangen.

Oliver und ich lebten damals in Großbritannien. Kennengelernt hatten wir uns in München in meiner Stammkneipe, einem Irish Pub. An dem Abend wurde dort ein Spiel der neuseeländischen Rugby-Mannschaft übertragen, was mir aber gar nicht bewusst gewesen war.

Die ersten Monate pendelten wir zwischen München und Kaiserslautern, wo er als Ingenieur arbeitete. Dann zog er zu mir nach Bayern. Erstaunlicherweise ist das Leben in Kaiserslautern für englische Muttersprachler sehr viel einfacher. Weil dort lange Zeit viele amerikanische Soldaten stationiert waren, kommt man mit Englisch noch immer sehr weit. In München wurde Oliver nicht richtig glücklich, dann bekam er ein tolles Jobangebot in Nottingham und ich eines in Indien. Mehrere Jahre führten wir wieder eine Fernbeziehung, aber auf Dauer wollten wir das beide nicht. Also zog ich zu ihm nach England.

Anruf vom Sachbearbeiter: Ist Ihre Beziehung beendet?

Neuseeland kannte ich von einer Urlaubsreise, auf der mich Oliver auch seiner Familie vorgestellt hatte. Ich war sehr herzlich aufgenommen worden, konnte alle aber nur schwer verstehen: Der neuseeländische Akzent ist sehr gewöhnungsbedürftig. Trotzdem zögerte ich nicht, als Oliver fragte, ob ich mit ihm nach Neuseeland ziehen würde. Das Land hatte mir wahnsinnig gut gefallen.

Oliver war sicher, dass ich das Visum kriegen würde. Wir warteten und warteten, und als sein Arbeitsvertrag und damit auch das europäische Arbeitsvisum auslief, flog er schon mal zurück nach Neuseeland – und ich bekam in Großbritannien einen Anruf eines neuseeländischen Sachbearbeiters, der fragte, ob unsere Beziehung jetzt beendet sei. Ich dachte, ich spinne!

Der Beamte riet mir, sofort einen Flug nach Neuseeland zu buchen, ohne Visum, um zu beweisen, dass wir noch ein Paar seien und ich es ernst meinte. Und tatsächlich: Fünf Tage nach der Buchung bekam ich endlich das Partnervisum. Damit hatte ich aber noch keine Akkreditierung als Ergotherapeutin. Diese zu beantragen, war noch mal genauso nervenaufreibend und teuer.

Ich musste einen 36-seitigen Aufsatz darüber schreiben, wie ich mit Patienten arbeite und den kompletten Lehrplan meiner deutschen Ergotherapie-Schule übersetzen lassen. 140 Seiten, das kostete mich rund tausend Dollar. Und weil Neuseeland ein bikulturelles Land ist, musste ich auch einen Onlinekurs über die Maori-Kultur absolvieren. Ob sich der ganze Aufwand überhaupt lohnen würde, war ungewiss.

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Kristin Haug, Verena Töpper

Mittagspause auf dem Mekong

Verlag: Penguin Verlag
Seitenzahl: 256
Für 14,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

03.12.2022 18.13 Uhr

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Ohne die finanzielle Unterstützung von Olivers Eltern wären wir das erste halbe Jahr in Neuseeland kaum über die Runden gekommen. Die Lebenshaltungskosten sind sehr hoch, ich durfte nicht arbeiten, und er machte eine Umschulung zum Lehrer. Zwischendurch war ich völlig niedergeschlagen und dachte: Das wird nie was, hier wirst du nie dazugehören.

Jetzt, zwei Jahre später, verdiene ich fast dreimal so viel wie in Deutschland und kann mir trotz der hohen Lebenshaltungskosten sehr viel mehr leisten. In den Mittagspausen spaziere ich am Strand, meine Arbeitszeiten kann ich mir frei einteilen, und ich staune immer wieder, wie freundlich und hilfsbereit alle sind und wie wenig Kontrollzwang es gibt.

Selbst viele Neuseeländer finden das Leben im Norden der Nordinsel exotisch

Ich arbeite für eine große Firma in Auckland, richte Arbeitsplätze ergonomisch ein und versorge Patienten mit medizinischem Equipment. Manchmal fahre ich sechs Stunden mit dem Auto für einen Vor-Ort-Besuch. Wir leben im dünner besiedelten Teil der Nordinsel, selbst viele Neuseeländer finden das exotisch.

Aber im Gegensatz zu Auckland, wo ein durchschnittliches Häuschen schon zwei Millionen Dollar kostet, können wir es uns hier leisten, ein Haus zu bauen. Und mittlerweile habe ich auch sehr gute Freunde gefunden. Das war nicht so leicht, denn anders als in der Stadt gibt es hier wenige öffentliche Veranstaltungen und die meisten Nachbarn und Kollegen interessieren sich vor allem fürs Angeln und die Jagd wilder Schweine.

Meine Zulassung als Ergotherapeutin bekam ich wie das Visum von einem Tag auf den anderen. Während der Wartezeit hatte ich ehrenamtlich in einer Schule mit Kindern mit Handicap gearbeitet. Eines Tages meinte mein Chef, er habe einen Termin beim Bildungsministerium für mich ausgemacht, vielleicht ergebe sich da ein Job.

Ich hatte wenig Hoffnung. In Deutschland war ich selbst bei Stellen, für die ich perfekt geeignet gewesen wäre, abgewiesen worden, weil man eher unflexibel ist, wenn sich Quereinsteiger bewerben. Aber tatsächlich bekam ich schon eine Woche nach dem Gespräch ein Jobangebot: Ich wurde eingestellt als Beraterin für Schulen, die Kinder mit körperlichen Behinderungen oder Autismus in ihren Klassen unterrichten und eine spezielle Förderung brauchen.

Neuseeländische Schulen sind digital sehr gut aufgestellt, und als der erste Lockdown kam, wurden in kürzester Zeit sogar Internetleitungen verlegt und Tablets verschickt, damit auch Kinder in abgelegenen Haushalten online am Unterricht teilnehmen können. Meine Stelle wurde allerdings gestrichen.

Für mich war das nicht weiter schlimm, weil ich durch den Tipp eines Kollegen schnell einen neuen Job fand, diesmal als Ergotherapeutin, und dort jetzt auch sehr glücklich bin. Ich habe einen Firmenwagen, einen Laptop, ein Diensthandy. In München hatte ich nichts dergleichen, habe 45 Stunden pro Woche gearbeitet und konnte mir trotzdem nur ein WG-Zimmer leisten.

Zwei Wochen Warten auf den Röntgentermin

Ganz so paradiesisch, wie das Leben in Neuseeland aus der Ferne erscheinen mag, ist es aber auch nicht. Die Häuser haben zum Beispiel keine Heizungen und die meisten Fenster sind undicht. Viele haben deshalb Probleme mit Schimmel. Und wer sich keine private Krankenversicherung leisten kann, muss schon mal zwei Wochen auf einen Röntgentermin warten – im schlimmsten Fall mit gebrochenem Fuß.

Es gibt keine gesetzliche Krankenversicherung wie in Deutschland, nur eine Unfallversicherung. Das führt zu der kuriosen Situation, dass ein Kind mit Handicap nur dann ein Recht auf Zuschüsse hat, wenn während der Geburt etwas schiefgelaufen ist. Ist eine Behinderung angeboren, müssen die Eltern sämtliche Kosten tragen.

Meine Eltern und Freunde habe ich schon seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. In wenigen Monaten wollen mein Freund und ich heiraten, und ich fürchte, auch die Hochzeit wird ohne Gäste aus Deutschland stattfinden müssen, denn noch immer sind wegen Corona für Einreisende zwei Wochen Quarantäne in einem Hotel und eine Woche Quarantäne zu Hause vorgeschrieben – und wer hat schon so viel Urlaub? Touristen dürfen derzeit gar nicht ins Land.

Trotz allem will ich mich nicht beschweren. Ich lebe hier inmitten wunderschöner Natur, habe eine wunderbare Work-Life-Balance und würde mit niemandem tauschen wollen.«

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