Vogelvergrämer am Flugplatz Alle Vögel sind schon weg

Mission vogelfrei: Zusammenstöße zwischen Vogel und Flugzeug können verhängnisvoll enden. Profis an der Landebahn sollen das Federvieh fernhalten. Statt scharf zu schießen, lassen sie lieber Gras wachsen.

Flughafen Dresden GmbH; Michael Weimer

Von David Krenz


Am Horizont zeichnet sich Arbeit ab. Steffen Mäder starrt durch die Windschutzscheibe. Hunderte Wildgänse, in V-Formation ziehen sie quer an der Startbahn vorbei. Befände sich jetzt eine Maschine im Anflug, würde er sofort die Kollegen im Tower informieren. Der Pilot müsste Warteschleifen drehen. Doch Entwarnung, kein Flugzeug in Sicht, das Funkgerät bleibt stumm.

Mäder, 41, ist der Vogelschlagbeauftragte des Dresdner Flughafens. Damit die Flieger sicher starten und landen können, nimmt er sich all jener Geschöpfe an, die es sich auf dem Gelände bequem machen.

Es kommt nicht selten vor, dass Flugzeug und Federvieh aufeinandertreffen: Alljährlich gehen beim deutschen Vogelschlagkomitee, dem DAVVL, zwischen 1000 und 1300 Meldungen ein. Zwar ist die Zahl der Schadensfälle in den letzten Jahren gesunken, doch die Begegnungen bleiben oft folgenreich. Erst Ende Oktober musste ein Ferienflieger wegen Vogelschlags zum Flughafen Hamburg zurückkehren.

Manchmal droht mehr als eine verspätete Ankunft. Vor drei Jahren flog ein Airbus kurz nach dem Start vom New Yorker La Guardia Airport in einen Schwarm Kanadagänse - der wohl spektakulärste Fall der vergangenen Jahre: Beide Triebwerke fielen aus. Weil der Pilot die Maschine auf dem Hudson notwassern konnte, blieben die 155 Passagiere unverletzt. Der Pilot, Chesley B. Sullenberger, gilt seither als "Held vom Hudson".

Letztes Mittel: Tödlicher Schuss

Die meisten Vogelschläge passieren während der Start- oder Landephasen, in Höhen unterhalb von 150 Metern. Auf jedem Flughafen fahren deshalb die schwarz-gelb-gescheckten Autos der Verkehrsaufsicht Streife. In Dresden schreitet zusätzlich ein Mitarbeiter den zwölf Kilometer langen Außenzaun ab. "Wir achten auf alles, was größer ist als eine Amsel", sagt Mäder.

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Er koordiniert die Einsätze und fährt heute selbst raus. Am Hangartor hocken vier Krähen. Wären es mehr, müsste er einschreiten. "Dann fahr ich nah mit dem Auto ran, hupe vielleicht noch, und gucke, ob die wegfliegen." Bleiben sie sitzen, lädt er den Schreckschussrevolver. Die Böller sausen bis zu 50 Meter weit, pfeifen und knallen dabei.

Scharfe Munition fliegt auch. Viele der Vogelschlagbeauftragten besitzen einen Jagdschein. "Man muss nur ein paar der Tiere erledigen", sagt Mäder. "Die anderen wissen dann schon: böse Gegend, bloß weg hier." Der tödliche Schuss sei jedoch immer das letzte Mittel. In anderen Teilen der Welt mache man deutlich häufiger kurzen Prozess. "Die amerikanischen oder britischen Bird Controller fahren große Jeeps mit Suchscheinwerfern und ballern in der Gegend rum", sagt er. "Dort herrscht richtig Action."

In Deutschland lässt man lieber Gras wachsen. Biotopmanagement nennt sich das; die wichtigste Aufgabe der Vogelschlagbeauftragten. Die Wiesenflächen sind so zu beackern, dass dort niemand mehr nisten oder jagen will. Dafür wird spezielles Saatgut geordert: Langgras, kniehohe Halme, dazu dicht wuchernde Kräuter. Mäders Erklärung: "Greifvögel sehen die Maus nicht mehr."

Kadaver landen in die Tiefkühltruhe

Die Wachstumsstrategie hat sich erst in den letzten 20 Jahren durchgesetzt. "Als ich in den Achtzigern angefangen habe, liefen hier noch Schafe rum", sagt er. An deren Hinterlassenschaften taten sich die Vögel gütlich. Heutzutage muss er höchstens prüfen, dass die Leute vom Catering keine Essensreste vor der Tür stehen lassen. Möwen mögen Müll.

Ebenfalls auf menschliche Unbedarftheit führt Mäder eine weitere tierische Begegnung auf seiner Kontrollrunde zurück. Auf einem Warnschild am Rande der Landebahn hockt ein Greifvogel, dunkelbraunes Gefieder. Eigentlich sollte ihn Stacheldraht am Draufsitzen hindern. Doch der ist platt. "Da hat wohl einer beim Festmachen mit dem Hammer draufgekloppt."

War übrigens ein Mäusebussard, schiebt er nach. Vogelarten aus der Distanz bestimmen - nach 20 Jahren Vogelverscheuchen keine große Sache für den gelernten Flugzeugtechniker.

Immer wieder kommt er den Tieren näher, als ihm lieb ist. Die Wirbelschleppen, mächtige Luftverwirbelungen hinter den Flugzeugtragflächen, sind tödliche Gefahrenherde. Alle Kadaver werden eingesammelt und nummeriert. Dann landen sie in der Tiefkühltruhe. Die 119, einen Turmfalken, hat es auf der Rollbahn im Abschnitt D erwischt.

Tot oder lebendig - jede Beobachtung wird gründlich dokumentiert. Tauchen vermehrt Enten auf, hat sich bestimmt irgendwo eine Wasserstelle gebildet. Schwärme von Staren deuten darauf hin, dass auf dem Gelände verlockende Früchte wachsen. Als sich nach dem regenreichen Frühjahr vor zwei Jahren Hunderte Haustauben um die sprießende Vogel-Wicke scharten, wurden die Mähmaschinen früher als üblich bestellt.

Füchse und Falken als natürliche Feinde

In anderen Fällen lässt man der Natur ihren Lauf. "Was wir am Flughafen gerne sehen, sind Füchse", sagt Mäder. Zehn seien es dieses Jahr. Deren bevorzugte Beute: Mäuse und Bodenbrüter. "Naturschützer finden das nicht so toll, uns aber erleichtert es die Arbeit."

Auch auf anderen Flughäfen setzt man auf natürliche Feinde. In Stuttgart wurden vier künstliche Fuchsbauten angelegt, in Düsseldorf schicken die Vergrämer dressierte Wüstenbussarde und Wanderfalken auf die Jagd.

Der Dresdner Flughafen hat keinen Falkner engagiert. Mit 35.000 Starts und Landungen im Jahr zählt er zu den kleineren Flughäfen Deutschlands, nicht mehr als zehn Vogelschläge werden alljährlich registriert. "In Düsseldorf haben sie zwar genauso viele Tiere, aber drei bis vier Mal mehr Vorfälle", so Mäder.

Ende der Patrouille. Wie erwartet blieb die Luft rein. "Die großen Züge Richtung Süden sind längst durch", sagt er. Erst im Frühjahr kehrt die ganze Vogelschar zurück. Zumindest auf den Flughäfen dürfte die Wiedersehensfreude nicht groß ausfallen.

  • KarriereSPIEGEL-Autor David Krenz (Jahrgang 1984) ist Absolvent der Zeitenspiegel-Reportageschule und lebt als freier Journalist in Berlin.

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