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Job & Karriere

Vom Physiker zum Brettspielerklärer »Aufsteigen? Will ich gar nicht«

Er kennt die Regeln von 1600 Spielen: Mirko Schäfer hat sein Physikstudium abgebrochen und arbeitet als Brettspielerklärer. Jetzt verdient er 1400 Euro netto im Monat - und ist glücklich.

Ein Jobprotokoll von Maren Hoffmann
Mirko Schäfer, 34, kann rund 1600 Spiele erklären - und weiß, welches sich für welche Gruppe am besten eignet

Mirko Schäfer, 34, kann rund 1600 Spiele erklären - und weiß, welches sich für welche Gruppe am besten eignet

Foto: Maren Hofmann/ manager magazin

Das Café "Würfel und Zucker" in Hamburg hat 120 Sitzplätze - und mehr als 1700 Brett- und Kartenspiele warten in den Regalen. Gäste zahlen fünf Euro pro Abend und können dann etliche Stunden lang alles spielen, was sie wollen. Moderne Brettspiele mit Klassikern wie Monopoly oder Mensch-Ärgere-Dich-Nicht zu vergleichen, ist in etwa so, als würde man ein Smartphone nur in die Kategorie Telefon einordnen: Es gibt Spiele voller erzählerischer Tiefe, deren Regelwerk Dutzende Seiten umfasst und in deren Welten man sich stundenlang verlieren kann. Wie ein Sommelier geht deshalb der 34-jährige Mirko Schäfer von Tisch zu Tisch und hilft Gästen dabei herauszufinden, welches Spiel das richtige für diese Gruppe und diesen Abend sein könnte - und dann erklärt er es ihnen. Schäfer ist Brettspielerklärer - ein so seltener Beruf, dass er keinen anderen hauptberuflich tätigen Kollegen kennt. Hier erzählt er, was ihn antreibt.

 "Mir ging es nie darum, viel Kohle zu machen. Gefühlt war mir der akademische Weg vorbestimmt: Ich war in der Schule ein schlauer Junge, also bin ich auf die Uni gegangen. Ich habe in Köln Physik studiert und meinen Bachelor gemacht. Ich habe mich mit der Rotation und Schwingung von Gasen beschäftigt. Wir haben quasi Fingerabdrücke von Molekülen genommen, um sie mit Daten, die man im Weltall misst, zu vergleichen. Astromolekularphysik. Das Team war großartig, aber ich habe gemerkt, dass ich mich da mit einem Thema befasse, über das ich mich mit höchstens 50 Leuten gut unterhalten kann.

Ich bin wahrscheinlich der erste fest angestellte Erklärbär in Deutschland

Da war ich schon im Masterstudiengang. Ich wollte mehr unter Menschen - und nicht so viel allein vorm Computer sitzen. Ich habe dann das Studium abgebrochen, sogar mal als Mathelehrer gearbeitet, weil ich ja gut erklären kann, aber das war nichts für mich. Zuletzt habe ich in einem Brettspielcafé in Bonn gekellnert - und darüber auch Silke Christensen kennengelernt, die 2017 das "Würfel und Zucker" in Hamburg eröffnet und mich dorthin geholt hat.

Ich bin wahrscheinlich der erste fest angestellte Erklärbär in Deutschland. Ich kann mittlerweile gut 1600 Spiele erklären. Das ist eine Berufssache: Wenn du 300 Spiele gut kennst, ist es leichter, die nächsten 100 zu lernen, weil grundlegende Mechanismen sich oft ähneln: Man sammelt Punkte, man baut sein Kartendeck aus, man platziert Arbeiter, man erkundet Terrain oder würfelt Kämpfe aus.

Ich verdiene ungefähr 1400 Euro netto, damit komme ich super über die Runden. Aufstiegschancen gibt es nicht, weil es keine Hierarchie gibt. Aber das macht nichts, denn ich habe hier jeden Tag mit meinem größten Hobby zu tun. Es ist unfassbar abwechslungsreich, weil ich jede Woche mehrere neue Spiele kennenlerne. Wie bei Filmen oder Serien driftet man dabei komplett in andere Welten ab - kann aber viel mehr Einfluss darauf nehmen. Ich liebe es, strategische Probleme zu lösen. Ich muss natürlich auch Spiele lernen, die ich nicht so mag. Ehrlichkeit ist die oberste Maxime in meinem Leben. Spiele, die qua Regel verlangen, dass man schummelt oder andere möglichst überzeugend belügt, sind nicht mein Ding.

Ehrlichkeit ist die oberste Maxime in meinem Leben. Spiele, die qua Regel verlangen, dass man schummelt oder andere möglichst überzeugend belügt, sind nicht mein Ding

Ich bin ein Regelfuchs, derjenige in einer Spielerunde, der es immer genau wissen will und jeden Zweifelsfall noch mal genau in der Anleitung nachschlägt. Es ist schön zu sehen, wie Stammgäste, die mit Partyspielen anfangen, mittlerweile die absoluten Strategiebrocken spielen, wie sie in diesem Hobby aufblühen.

Im Grunde bin ich also auch Berater. Das habe ich bei der Wohnungssuche als Beruf angegeben: Kundenberater. Denn unter einem Erklärer in einem Spielecafé stellen sich die meisten Vermieter wohl eher irgendeinen Typen in einer Automatenspielhalle vor. Meine Eltern finden meinen Beruf gut - meine Mutter hat gesagt, ich soll machen, was mich glücklich macht, mein Vater hat immer alle meine Interessen gefördert. Ich sehe mich nicht als Aussteiger, eher als Umsteiger.

Silke ist die Inhaberin des Cafés. Ich bin der Erste Maat, und sie ist die Kapitänin. Diese Verteilung liegt mir. Ich habe viele Ideen, aber ich sehe mich nicht als Chef. Es ist wie beim Spielen: Ich mache gern etwas und probiere einfach aus, ob es klappt. Das ist ja das Schöne am Spielen: Jedes Spiel ist irgendwann vorbei und man kann resetten. Man macht einfach eine neue Schachtel auf - oder probiert das gleiche Spiel noch einmal und versucht, es besser zu machen. Das ist im Leben schwieriger: Da können Fehler passieren, die man nicht so leicht rückgängig machen kann. Ich hatte bisher aber Glück: Alle Umwege, die ich genommen habe, führten mich an das richtige Ziel. Auch mein Physikstudium hilft mir bei dem, was ich jetzt tue; Naturwissenschaftler lernen, strukturiert zu denken - und sie sind oft begeisterte Spieler, weil sie es lieben, Probleme zu lösen.

Wo ich mich in fünf Jahren sehe? Immer noch hier!

Wir sehen häufig Dates hier, das Café ist beliebt für Kennenlerntreffen. Silke und ich sind demnächst auf eine Hochzeit eingeladen, das Paar hat sich hier kennengelernt. Ich selbst bin Single: Frauen in meinem Alter, die dieses Hobby so leidenschaftlich betreiben wie ich, die haben meist schon jemanden - und es ist schwierig, in meinem Job jemanden kennenzulernen, weil ich an den Abenden und am Wochenende arbeite. In meiner Freizeit treffe ich mich gern mit Freunden, um Brettspiele zu spielen. Weil ich nachmittags und abends ja arbeiten muss, auch zu ungewöhnlichen Zeiten: morgens oder ab Mitternacht.

Wo ich mich in fünf Jahren sehe? Immer noch hier! Ich bin sehr zufrieden. Ich bin nicht so extrovertiert, aber mein Job hilft mir, aus mir herauszugehen. Wir drehen auch noch Videos für unseren YouTube-Kanal. Ich muss auch mal Getränkekisten schleppen oder den Tresen schrubben. Das Gute ist: Man geht voll in der Szene auf, die sehr herzlich ist. Spieleverlagschefs, Autoren - wir kennen alle, viele kommen öfter hierher, wir sind mit allen per du. Wir haben einmal im Monat einen Prototypentag, an dem Autoren neue Spiele testen können. Mit einem Freund zusammen habe ich auch angefangen, ein eigenes großes Spiel zu entwickeln - wenn man so viel spielt, fängt man fast zwangsläufig damit an."

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