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Geigenbauer: Hörst Du das Holz?

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Geigenbauer Horchen am Holzscheit

Antonio Stradivari wusste, wie es geht. Seine Geigen sind heute ein Vermögen wert. Die Aussichten für den Nachwuchs der Geigenbauer sind aber alles andere als verlockend: Ausbildungsplätze sind rar, die Bezahlung schlecht. Trotzdem sind viele von dem Handwerk fasziniert.

200 Arbeitsstunden dauert es, bis aus einem flachen Holzscheit eine Geige wird. "Schon jetzt klingt es", sagt Florian Friedrich Lehmann und klopft mit den Fingerknöcheln auf das Holz. Was für Außenstehende einfach nur dumpf klingt, ist für Lehmann eine Wissenschaft. Als Geigenbauer kann er Hölzer allein an ihrem Klang erkennen.

Der Berliner kam aber nicht über die Musik, sondern über den Geruch zu seinem Beruf. Als Kind führte sein Schulweg jeden Tag an der Werkstatt der Firma Geigenbau Jung im Stadtteil Pankow vorbei. Der Geruch von Holz, Leim und Lack zog ihn magisch an."Mit sieben Jahren wusste ich, dass ich Geigenbauer werden möchte", sagt Lehmann. Später lernte er dann tatsächlich von Klaus-Dieter Jung das Handwerk.

Auch heute noch ist die Ausbildung im Betrieb eines Geigenbaumeisters der klassische Weg in den Beruf. Drei Jahre dauert die Lehre, sie endet mit einer Gesellenprüfung vor der Handwerkskammer. Doch Ausbildungsstellen sind rar. Anfang des Jahres zählte zum Beispiel die Handwerkskammer Reutlingen rund 5500 neu unterzeichnete Ausbildungsverträge im Handwerk - lediglich ein Geigenbauerlehrling war darunter. Bundesweit fingen im Jahr 2010 nur drei Azubis bei Geigenbauern an.

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"Viele renommierte Betriebe bilden nicht aus, sondern stellen nur Gesellen ein", sagt Frederik Habel, Geigenbaumeister und Leiter der staatlichen Berufsfachschule für Musikinstrumentenbau Mittenwald. Sie bietet eine Alternative zur betrieblichen Ausbildung. Dreieinhalb Jahre dauert die Lehre dort, ein halbes Jahr länger, bedingt durch die langen Schulferien.

Auf dem Lehrplan stehen neben dem Bau von Geigen die Fächer Physik und Akustik, Lackzubereitung, Musiktheorie und Instrumentalunterricht. "Nur den Kundenkontakt können wir nicht bieten", sagt Habel.

Die Anforderungen der Schule sind hart: Bewerber müssen nachweisen, dass sie mindestens zwei Jahre lang regelmäßig Unterricht auf einem Streichinstrument genommen haben, sie müssen eine Geigenschnecke in zwei Ansichten zeichnen können und eine ärztliche Bescheinigung über Sehvermögen und Gehör mitbringen. Wer zur Eignungsprüfung eingeladen wird, muss ein Musikstück vorspielen und beweisen, dass er die Unterschiede im Klang von Hölzern hört. Nur zwölf Schüler werden pro Jahr aufgenommen.

15 Euro Stundenlohn

Wer sich durchbeißen will, braucht Leidenschaft. "Geigenbauer sollte mehr eine Berufung als ein Beruf sein", sagt Lehmann. Dennoch dürfe man nicht vergessen, dass man von der Arbeit auch leben müsse. Und das ist gar nicht so einfach.

Nach Angaben der Agentur für Arbeit verdienen Geigenbauerlehrlinge im ersten Ausbildungsjahr rund 300 Euro pro Monat. 400 Euro gibt es im zweiten Jahr und 430 Euro im dritten. Bei Gesellen liegt die tarifliche Bruttogrundvergütung zwischen 15 und 16 Euro in der Stunde.

"Ohne einen festen Kundenstamm geht es nicht", sagt Lehmann. Der Berliner hat das Geschäft seines Meisters übernommen. Als Geigenbauer in der Großstadt hat er hauptsächlich mit Reparaturen von Profi- und Musikschulinstrumenten zu tun. "Das Hauptgeschäft läuft im Sommer, wenn die Orchester Urlaub haben. Dann bringen die Profimusiker ihre Instrumente zur Überprüfung", sagt er. Sommerurlaub plane er mit seiner Familie deshalb schon gar nicht mehr.

Sein Geselle arbeitet derzeit in Italien. Der Blick ins Ausland lohne sich, sagt Lehmann. Italien, Frankreich und Deutschland gehörten zu den führenden Geigenbauländern. "Am Besten ist es, in allen drei Ländern die verschiedenen Arten der Geigenbaukunst zu lernen." Lehmanns Geselle soll später einmal das Geschäft von ihm übernehmen - inklusive Kundenstamm und eingelagerten Hölzern.

Momentan verarbeitet Lehmann das Material vom Meister seines Meisters. Geigenholz muss mindestens ein halbes Jahrhundert lagern. "Holz, das ich jetzt kaufe, klingt noch nicht", sagt Lehmann. Zum Beweis klopft er mit dem Fingerknöchel gegen ein Stück Ahorn - es hört sich hohl an.

Vanessa Biermann/dpa/vet
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