In Kooperation mit

Job & Karriere

SPIEGEL ONLINE

Besuch beim Schäfer Stress machen nur die Menschen

Als Chef der größten Schäferei Niedersachsens ist Klaus Seebürger auch Herdenmanager. Aber viel lieber ist er draußen bei seinen Tieren, springt als Hebamme ein oder gibt Lämmern die Flasche.
Von Marika Gantz

Die Tage im April und Mai haben nie genug Stunden für Klaus Seebürger. Bei dem Schäfer in Niedersachsen ist Lamm-Saison, Hunderte Lämmer werden geboren, immer wieder muss er als Hebamme einspringen. Jeden Morgen schaut er bei den "Mutter-Kind-Stationen" vorbei und kontrolliert, ob die Lämmer genug Milch bekommen.

"Wenn die Mütter morgens in einer Gruppe lammen, dann wissen sie manchmal nicht, welches Lamm zu ihnen gehört, und nehmen irgendeines", sagt er. "Meist gibt sich das nach einigen Stunden. Aber wir müssen gucken, ob alles gut gegangen ist." Ein paar unterversorgte Lämmer nimmt er mit auf seinen Hof. Hier werden sie mit der Flasche großgezogen - ein 24-Stunden-Job. "Schafe richten sich einfach nicht nach Arbeitszeiten, Sonn- oder Feiertagen", sagt Seebürger, 56.

Seine Schäferei liegt in Preten, einem kleinen Ort im nord-östlichsten Zipfel Niedersachsens an der Elbe. Mit sieben Herden und Tausenden Schafen ist sie die größte des Bundeslandes. 25 Menschen arbeiten hier: Landwirte, Bürokräfte - und natürlich Schäfer. Sie kümmern sich nicht nur um die vielen Schafe, sondern auch um Rinder, Pferde, Esel und Ziegen.

Fotostrecke

Von Beruf Schäfer: Das Treiben der Lämmer

Foto: NDR

Seebürger selbst ist in den vergangenen Jahren vom Schäfer zum "Schafs-Manager" geworden. "Dass ich das mal in einem so großen Stil machen würde, habe ich mir auf keinen Fall vorgestellt", sagt er und scheint noch immer verwundert, dass das alles geklappt hat.

Ursprünglich kommt Seebürger aus der Nähe von Hildesheim. Seine Liebe zu Tieren entdeckte er schon als Kind: "Bevor ich Schäfer geworden bin, hatte ich schon zehn Ziegen und wusste, was jedes Tier an Arbeit machen kann." Seine Ausbildung begann er in den siebziger Jahren in Hannover. Vor 13 Jahren zog es ihn in den Norden Niedersachsens, weil er dort einen ehemaligen LPG-Hof und ein paar Weideflächen übernehmen konnte.

Lammfleisch ist weniger wert als vor 30 Jahren

Trotz der vollgepackten Tage ist die Lamm-Zeit für den Schäfer zugleich die schönste des Jahres. Als stressig empfindet er die Arbeit mit den Tieren nicht: "Wenn ich viel mit Menschen zu tun habe, dann habe ich Stress."

Zu seinen Manager-Aufgaben gehört auch die Vermarktung des Fleisches. Für den Nachmittag hat sich wichtiger Besuch aus Hamburg angekündigt: Zwei Betreiberinnen einer neuen Online-Plattform zeigen Seebürger, wie Interessenten das Fleisch direkt von seinem Hof bestellen könnten. Bislang verkauft er es über Zwischenhändler und ist so an deren Preise gebunden, das soll sich nun ändern.

Eigentlich wollte sich der Schäfer nie mit solchen Themen beschäftigen, Er ist viel lieber bei seinen Tieren und macht nur ungern Büroarbeit. Aber es gehöre nun einmal dazu, sagt Seebürger: "Ich würde mich nicht als modernen Schäfer bezeichnen, eher als Schäfer, der sich den Bedingungen erfolgreich angepasst hat."

Der Sohn soll die Schäferei übernehmen

Im Laufe der Jahre ist seine Schäferei immer weiter gewachsen. Anders, sagt Seebürger, rentiere sich das Geschäft nicht mehr. Für sein Lammfleisch bekomme er heute 15 Prozent weniger Geld als noch vor 30 Jahren. Zudem habe der bürokratische Aufwand in den letzten Jahren stark zugenommen; jedes Schaf muss zum Beispiel eine individuelle Ohrmarke haben.

Ein weiteres Problem für viele Schäfer: Die so genannte Mutterschafprämie wurde von der EU zugunsten einer Flächenprämie abgeschafft. Schäfer, die kein Land besitzen, verdienen jetzt weniger. Einige mussten ihren geliebten Beruf sogar aufgeben. Seebürger hatte Glück; er hatte mit dem Hof auch Land gekauft. Trotzdem empfindet er die Zukunft als ungewiss: "Keine Ahnung, was nächstes Jahr ist, wie der Absatz läuft. Ich weiß ja nicht einmal, wie es in einem halben Jahr sein wird."

Irgendwann soll sein Sohn die Schäferei übernehmen. "Der muss es nicht in meinem Sinn weiterführen, sondern in seinem Sinne", sagt Seebürger. Hauptsache, sie werde weitergeführt. Bis dahin will er arbeiten, draußen bei den Tieren. Wie in den letzten 35 Jahren.

Der Film "Typisch! Der Schäfer in der Elbtalaue" von Marika Gantz läuft am 28. Mai um 18.15 Uhr im NDR-Fernsehen.

Fotostrecke

Tierische Jobs: Ich glaub, mich tritt ein Pferd

Foto: Friso Gentsch/ dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.