Von Beruf Stylistin Eins, zwei, Geschmackspolizei

Hübsche Nudel, inspirierende Tasse: Wer sorgt dafür, dass Gegenstände in der Werbung immer so verdammt gut aussehen? Es sind Stylisten wie Clara Kirchner. Sie glättet Matratzen, macht Möbel zu Models, arrangiert Tomaten zum perfekten Bild. Und weiß, dass nur eine Ölung Abzugshauben funkeln lässt.

Clara bei der Arbeit: Zärtliches Verhältnis zu Gegenständen
Juliane Werner

Clara bei der Arbeit: Zärtliches Verhältnis zu Gegenständen

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Eine Dunstabzugshaube hübsch machen? Aber gern. Kerzenhalter arrangieren oder Weingläser blitzen lassen? Kein Problem. Nur bei Zimmerpflanzen bekommt Clara Kirchner Bauchschmerzen.

Einmal hat ein Kunde sie gebeten, für ihn solches Grünzeug zu fotografieren. Sie hat überlegt, dann abgelehnt. "Dafür wäre ich nicht die Richtige gewesen", sagt sie. Die Stylistin mag kein Grünzeug, leider hat ihr Freund eine Pflanze fürs gemeinsame Schlafzimmer mitgebracht, die wird geduldet.

Clara Kirchner ist 31 Jahre alt, lange Fingernägel, große Augen, eine weiche Stimme. Firmen bezahlen sie dafür, dass ihre Gläser oder Tische in Katalogen oder auf Websites gut aussehen. Auch Zeitschriften buchen Kirchner, für Wohnreportagen. Sie ist eine Stylistin, wie es sie auch in der Modebranche gibt. Nur dass für sie keine Menschen modeln, sondern tote Dinge, Abzugshauben eben oder eine Matratze.

"Ich wurde mit schönen Dingen groß"

Kirchner hat ein geradezu zärtliches Verhältnis zu Gegenständen. Sie nimmt eine Vase vom Fensterbrett und fährt mit den Fingern über das Glas, fühlt das Material, prüft den Farbverlauf. Ein schön geschwungenes Glas kann sie inspirieren und erfreuen. Kitschige Puppen oder Tassen ohne Unterteller - da schüttelt es sie. Zu Matratzen pflegt sie ein eher nüchternes Verhältnis, die werden nur für die Fotos geglättet, damit die Ecken nicht hochstehen.

Als Kind half Kirchner in den Einrichtungsgeschäften ihrer Eltern in Norddeutschland aus. Sie betreute Kunden, wählte mit ihrer Mutter neue Produkte aus und sagt heute: "Ich wurde mit schönen Dingen groß." Nach dem Abitur zog sie nach Marburg, studierte sechs Semester BWL, bis sie dachte, "wenn ich meine Leidenschaft für Möbel und Buchungen kombiniere, lande ich womöglich als Filialleiterin in einem Möbelhaus". Das wollte sie nicht.

Sie brach ab, zog nach Hamburg, studierte Interior Design an der privaten Akademie Mode & Design.

Noch bevor das Studium losging, machte Kirchner ein Redaktionspraktikum bei einer Wohnzeitschrift, blieb dort als studentische Assistentin, später als Festangestellte. Sie schrubbte Böden, bis sie für die Fotos glänzten, zog Teppiche gerade und besorgte Requisiten für ihren Chef. "Das ist der übliche Weg", sagt sie. "Praktikum, Assistenz, dann selbständig arbeiten." Genau dies tut sie heute; zusammen mit einem Fotografen hat Kirchner ein Studio in Hamburg.

Praktikum, Assistenz, dann selbständig arbeiten

Stylisten wie Clara Kirchner haben häufig Design oder Architektur studiert oder eine Ausbildung in visuellem Marketing gemacht. Es ist eine überschaubare Branche, in der es sehr wichtig ist, wer wen weiterempfiehlt. Die Auftraggeber sind Hersteller und Verkäufer sowie Zeitschriften wie "Schöner Wohnen" oder "Living at Home".

Kirchner steht im Fotostudio in einem Gewerbehinterhof und wirft Spaghetti in kochendes Wasser. Auf den Fensterbänken und Tischen lagern Weingläser und Teller, die sie und ihr Kollege für einen Online-Versandhandel fotografieren sollen. Der Fotograf macht erst mal ein Bild von dem noch leeren Nudelteller. Der weiße Teller steht auf einer Holzplatte. Clara Kirchner hat eine rot-weiß karierte Tischdecke ausgebreitet, zwei Baguettes drapiert und ein Glas Wein dazugestellt.

Neben dem Teller liegen eine Serviette und Besteck, dann ist da noch ein Schälchen mit Olivenöl. Was die beiden da bauen, ist die Kulisse für eine Geschichte: ein Restaurant, Pasta, Genuss, schöne Dinge.

Aufhübschen, feststecken, ankleben

Kirchner betrachtet die ersten Fotos am Bildschirm. "Oben rechts ist so leer", murmelt sie, geht nach vorn, beugt sich über den Teller, schiebt und rückt die Utensilien hin und her. Sie schneidet ein paar Tomaten in Stückchen und schnippelt Basilikum. Bei größeren Projekten arbeite sie mit einem Food-Stylisten, sagt sie, "Nudeln und Spiegeleier mache ich auch mal selbst".

Sie wird die Spaghetti später nur kurz auf dem Teller lassen, ein paar Fotos machen, Pfeffer auf dem Tellerrand ausprobieren, prüfend schauen - und sie dann gegen Linguini austauschen. Die sind breiter und schöner, findet sie. Sie wird die Pfefferkörner wieder vom Tellerrand wischen und die Nudeln hinten etwas auftürmen, damit der Teller voller wirkt. Kleine Kniffe wie diese hat sie über die Jahre gelernt.

Dass man etwa roten Wein mit weißem mischt, damit er auf den Fotos nicht so dunkel aussieht. Dass heißer Dampf hilft, ein verdrehtes Stromkabel zu glätten, und Wasser dank Salz aussieht, als würde es sprudeln. Dass man Dunstabzugshauben mit Öl einreibt, damit sie schön glänzen. Die Hilfsmittel hat Kirchner immer griffbereit in einer Pappkiste. Ein paar Handtücher sind darin, einige Bücher zum Dekorieren, Nadeln, Klebeband, Bügeleisen und eine Heißklebepistole. Aufhübschen, feststecken, ankleben.

Sie sieht sich selbst als "Geschmackspolizei", würde aber ungern einen kompletten Haushalt ausstaffieren. "Mein größter Alptraum ist, dass ich ein ganzes Haus einrichte, und dann hängt sich jemand einen weinenden Delphin übers Sofa."

Laura Höflinger ist Autorin des UniSPIEGEL. Dort erschien dieser Artikel zuerst.



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