Vormundschaft für Flüchtlinge Frau Schier und ihre 75 Jungs

Nadine Schier hat die Vormundschaft für junge unbegleitete Flüchtlinge übernommen. Sie trifft Entscheidungen, die eigentlich Eltern fällen würden - und wägt täglich neu ab: Wie viel Nähe ist zu viel?

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Fußgängerzone Bad Oldesloe, elf Uhr vormittags, es nieselt. Im blauen Fleece-Pulli kommt Ramin*, 17, Flüchtling aus Afghanistan, zum Eiscafé gelaufen. Rechtsanwältin Nadine Schier wartet schon. "Warum hast du keine Jacke an?", fragt sie streng. Dann umarmt sie ihn, "herzlichen Glückwunsch nachträglich zum Geburtstag!".

Ramin ist eins von Schiers 75 Mündeln. Die 39-Jährige vertritt unbegleitete minderjährige Flüchtlinge als amtliche Vormundin. 75 Namen, 75 Geschichten, viele Sorgen, viel Arbeit.

Ramin darf einen Himbeerbecher bestellen, Schier löffelt ein Spaghetti-Eis mit Smarties. Sie fragt nach der Schule, Ramin erzählt vom Englischtest vor den Ferien, von der Klassenfahrt nach Berlin, die ansteht, und dass er gern in einen Tischtennisverein gehen würde.

Ramin im Eiscafé
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Ramin im Eiscafé

Über seine Familie sprechen sie nicht. Ramin hat auf der Flucht Vater, Mutter und Bruder verloren. Er weiß nicht, wo sie sind und ob sie noch leben. "Schau nicht so traurig", sagt Schier eine Stunde später beim Abschied.

Sie macht tägliche Gratwanderungen. Mitgefühl ja, aber nicht zu viel, "sonst bewegen sich die Jungs gar nicht mehr". Nähe ja, aber nicht zu viel, sie braucht selbst auch etwas Abstand. Die ersten Mündel sagten noch Mama zu ihr. "Das wollte ich nicht", sagt die Juristin. "Sie haben ja Mütter, und ich bin nicht immer nur nett." Jetzt ist sie für alle Frau Schier.

Sie übernimmt trotzdem fast alle Aufgaben, die sonst Eltern übernehmen. Sie hilft, einen Platz in der Schule oder im Sportverein zu organisieren. Sie geht mit zum Arzt. Sie setzt sich dafür ein, dass das Jugendamt mit jedem Flüchtling persönliche Gespräche führt. Sie besucht regelmäßig alle Unterkünfte, sie hört zu, ermahnt, lobt, stellt Asylanträge.

Die Rechtsanwältin ist eine kleine Frau mit kurzen blonden Haaren, einem blau-weißen Hemd, dessen Ärmel etwas zu lang sind, und fliederfarbenen Doc Martens. "Ich hatte mir fest vorgenommen, bei 25 Mündeln aufzuhören", sagt sie. Doch es "ergab sich so", dass das Familiengericht sie zum Vormund für dreimal so viele Jugendliche bestellte. Die meisten kommen aus Afghanistan, manche aus Syrien und dem Irak.

Nadine Schier
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Nadine Schier

Rund 70.000 unbegleitete Flüchtlinge unter 18 Jahren leben derzeit in Deutschland. Bis sie volljährig sind, brauchen sie einen Vormund. Das Kinder- und Jugendhilfegesetz legt eine Obergrenze von 50 Mündeln pro Vormund nahe. Doch die ist bundesweit kaum einzuhalten. Der SPIEGEL berichtete unlängst von einem Berliner Vormund, der für 200 Mündel verantwortlich ist.

Schier spricht von einem "vorübergehenden Ausnahmezustand". Zum Jahresende würden viele ihrer Mündel volljährig, dann könne sie die Obergrenze wieder einhalten - wenn nicht mehr so viele neue Flüchtlinge ankommen wie im vergangenen Jahr.

Wenn doch? Dann wären viele Kommunen nach wie vor schlecht darauf vorbereitet. Die Bundesregierung hat zwar erkannt, dass Schier und ihre Kollegen Hilfe brauchen. Doch statt die Amtsvormundschaften zu stärken, setzt sie auf mehr ehrenamtliche Vormünder, Gastfamilien und Paten. 660.000 Euro stehen dafür in den nächsten zwei Jahren zur Verfügung.

Die Ehrenamtlichen sollen jeweils nur ein bis zwei Flüchtlinge vertreten. Dafür müssen sie aufwendig im komplizierten Asyl- und Aufenthaltsrecht, im Kinder- und Jugendhilfegesetz, in Trauma-Bewältigung und interkultureller Kompetenz geschult werden.

Schier ist Anwältin für Familienrecht. Statt sich für die jungen Flüchtlinge einzusetzen, könnte sie in ihrer Kanzlei auch Eheleute in Scheidungsfragen beraten - für einen Stundensatz von mindestens 120 Euro. Der Job als Vormund bringt 33,50 Euro die Stunde, plus Fahrtkosten. Dafür ist sie jeden Tag erreichbar und fast die ganze Woche unterwegs.

Die Jugendlichen fit machen für die Zukunft

Mittags, halb eins, Flüchtlingswohnheim in Hoisdorf, Hilfeplangespräch. An einer langen Tafel sitzen Schier, ein Dolmetscher, eine Mitarbeiterin des Jugendamts, der Leiter und ein Betreuer der Unterkunft - und Moshtaq. Auf dem Tisch stehen Teetassen, Kekse und gelbe Topfblumen ohne Übertöpfe. Vor der Frau vom Jugendamt liegt Moshtaqs Akte.

Auch der 16-Jährige wurde auf der Flucht von seiner Familie getrennt. "Vielleicht melden sich deine Eltern, vielleicht dauert es aber auch noch fünf Jahre", sagt die Frau vom Jugendamt. "Aber du musst dein Leben jetzt planen, auch ohne sie." Moshtaq nickt, schaut auf die Tischkante, reibt sich verstohlen eine Träne aus dem Auge.

Moshtaq hat Alkohol getrunken, ist schwarzgefahren und eine Nacht weggeblieben. "Es holt ihn ein, dass er seine Familie vermisst", sagt sein Betreuer.

Krisensitzung, Therapiegespräch, Coaching - die Hilfeplangespräche sind alles in einem. Sie sollen die Jugendlichen fit machen für ihre Zukunft in Deutschland, ebenso wie der streng strukturierte Alltag in den Unterkünften, in denen sie leben.

Warum sie neben Putzplan, festen Essenszeiten und Krisengesprächen mit mehreren Erwachsenen auch noch einen Vormund brauchen, ist für viele Jungs schwer zu verstehen.

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Schier stellt sich für ihre Mündel oft quer. Zum Beispiel wenn das Jugendamt wieder einige zur Altersfeststellung schicken will, weil es bezweifelt, dass sie noch minderjährig sind. Dafür sollen die Jungs ihre Hände, Zähne und Schlüsselbeine röntgen und manchmal auch ihre Genitalien untersuchen lassen, obwohl das seit November 2015 untersagt ist.

In den Gutachten stehen später Sätze wie diese: "Herr T. ist von muskulösem, athletischem Körperbau. Das Haupthaar ist schwarz und kurz, die Achselhöhlen kräftig behaart. Die Stimmlage männlich sonor, der Kehlkopf prominent. Alle körperlichen Untersuchungsbefunde wurden fotodokumentiert."

"Das ist menschenverachtend", sagt Schier. Solche Untersuchungen sind nicht in allen Bundesländern üblich. Sie seien wissenschaftlich unhaltbar, schrieben drei Verbände von Kinder- und Jugendpsychiatern unlängst in einer Stellungnahme.

Schier kann meist nur ein paar Monate mehr in der Jugendhilfe für die Jungs herausschlagen. Wenn sie volljährig werden, sind sie auf sich allein gestellt.

Nachmittags, drei Uhr, Schier will in ihr Auto steigen. Abdul steht im Regen auf dem Hof der Hoisdorfer Unterkunft. "Ich brauche viele, viele deine Hilfe, Frau Schier", sagt er. Der Flüchtling hat mit einem Freund gechattet, in seiner Heimat fallen wieder Bomben. "Wir machen mal was Schönes zusammen, ja?", sagt Frau Schier. "Bummeln in Lübeck oder so."

Sie nimmt Abdul in den Arm, manchmal hilft das schon. Manchmal wirds ihr auch zu viel. Dann sagt sie das den Jungs. Einmal hat einer von ihnen mit ihrer 13-jährigen Tochter geflirtet. "Ich habe ihm klargemacht, dass das nicht geht, und das Thema war gegessen", sagt die Juristin.

"Die Welt für meine Kinder bereiten"

Sie lehrt ihre beiden Töchter, auf sich aufzupassen. Generell. "Auch die deutschen Jungs sind nicht immer erste Sahne."

Schier macht täglich einen Spagat, damit ihre eigenen Kinder bei so vielen "Arbeitskindern", wie sie die Jungs manchmal nennt, nicht zu kurz kommen. Bis sechs Uhr abends versucht sie daheim zu sein, etwas zu kochen, Kindergeburtstage sind im Kalender geblockt. Den Schriftkram erledigt sie spätabends, oft bis 23 Uhr.

Ihr Job ist so anstrengend, dass sie ihn manchmal am liebsten hinwerfen würde. Doch sie tut es nicht. "Ich helfe, die Welt für meine Kinder zu bereiten", sagt Schier und klingt dabei pragmatisch. "Das Zusammenleben kann nur gelingen, wenn sich die, die herkommen, irgendwie zurechtfinden."

* Alle Namen der Jugendlichen geändert

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge: Gemeinsam einsam
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    Sie kamen allein, aus Afghanistan, Iran oder Eritrea. Jetzt sollen sie sich schnell in die deutsche Gesellschaft einfügen. In einem Wohnheim in Neumünster gehen minderjährige Flüchtlinge durch die harte Schule der Integration.
  • Ein Besuch.

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