Vorstellungsgespräch Muss ich es sagen, wenn ich schwanger bin?

Manche Arbeitgeber wollen über Bewerber alles wissen: Wollen Sie Kinder haben? Sind Sie schwanger? Welche Fragen man beantworten muss - und welche nicht.

Schwanger im Büro: Bewerberinnen müssen nichts preisgeben
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Schwanger im Büro: Bewerberinnen müssen nichts preisgeben

Von Sabine Hockling und


Wer zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird, hat die erste große Hürde auf dem Weg zum Job übersprungen. Jetzt geht es darum, den positiven Eindruck, den die Bewerbungsunterlagen vermitteln, zu bestätigen. Um sich ein umfassendes Bild vom Bewerber machen zu können, stellen Personaler Fragen zum beruflichen Umfeld - und mitunter auch zum Privatleben. Aber längst nicht alle müssen auch beantwortet werden.

Die Rechtsprechung schützt die Persönlichkeitsrechte von Bewerbern: Zulässige Fragen müssen sie grundsätzlich wahrheitsgemäß beantworten, unzulässige Fragen nicht. Sie haben also das Recht, bei unerlaubter Neugier des Arbeitgebers gewissermaßen zu einer Notlüge zu greifen.

Zulässig sind Fragen zum beruflichen Werdegang. Wer hier die Unwahrheit sagt und später vom Chef ertappt wird, riskiert seine Kündigung. Unzulässig sind Fragen nach privaten Plänen.

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Bewerbungsgespräch: Wann Sie straflos lügen dürfen

Erkundigt sich ein Arbeitgeber beispielsweise nach Hochzeitsplänen, dem Kinderwunsch oder gar nach einer möglichen Schwangerschaft, sind Bewerberinnen und Bewerber bei der Antwort nicht zur Wahrheit verpflichtet. Und auch Fragen zum Gesundheitszustand sind nur teilweise erlaubt, wenn sie nämlich einen unmittelbaren Zusammenhang zur Tätigkeit haben.

  • Wichtige Urteile und ihre Folgen

Für das Bundesarbeitsgericht (BAG) war es früher zulässig, wenn Arbeitgeber im Bewerbungsgespräch nach einer möglichen Schwangerschaft fragten - und zwar dann, wenn die Tätigkeit im Falle einer Schwangerschaft untersagt war, wenn also zum Schutz des ungeborenen Kindes ein Beschäftigungsverbot galt.

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) urteilte anders. Die Begründung: Das mutterschutzrechtliche Beschäftigungsverbot besteht nur während der Schwangerschaft, hat somit nur einen vorübergehenden Charakter. Und in diesem Fall ist es einem Arbeitgeber zuzumuten, auf die Mitarbeiterin während des Zeitraums der Schwangerschaft auf diesem Arbeitsplatz zu verzichten. Dem schloss sich das Bundesarbeitsgericht an.

Das gilt sogar bei befristeten Arbeitsverhältnissen, wie ein Urteil des Landesarbeitsgerichts Köln zeigt: Eine Anwaltsgehilfin, die als befristete Schwangerschaftsvertretung eingestellt wurde, war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls schwanger und verschwieg das. Die Kanzlei als Arbeitgeber hat den Arbeitsvertrag aufgrund arglistiger Täuschung angefochten und teilte das der Angestellten in deutlichen Worten mit: "Wir hätten mit Ihnen niemals einen befristeten Arbeitsvertrag abgeschlossen, der selbst einer Schwangerschaftsvertretung dienlich sein sollte."

Nach Auffassung des Landesarbeitsgerichts Köln gibt es für Arbeitnehmerinnen jedoch keine Verpflichtung, eine Schwangerschaft zu offenbaren. In der Frage nach einer möglichen Schwangerschaft sahen die Richter generell eine Benachteiligung aufgrund des Geschlechts im Sinne des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG; § 3 Absatz 1 Satz 2), und zwar mit "unmittelbar diskriminierender Wirkung". Die Klage der Anwaltskanzlei wurde abgewiesen (Urteil vom 11. Oktober 2012, Aktenzeichen 6 Sa 641/12).

  • Das rät Ina Koplin, Fachanwältin für Arbeitsrecht

Arbeitgeber dürfen in Vorstellungsgesprächen danach fragen, was dauerhaft Einfluss auf die Tätigkeit haben kann. Allerdings müssen sie darauf achten, keine Fragen zu stellen, die eine geschlechtsspezifische Benachteiligung zur Folge haben.

Während die Frage nach einer Schwangerschaft eine Benachteiligung im Sinne des AGG darstellt, ist die Frage nach einer Vorstrafe beispielsweise erlaubt. Aber nur, wenn es sich hier um ein Delikt handelt, das für die Arbeit von Bedeutung ist (wie im Fall einer verkehrsrechtlichen Vorstrafe bei einem Kraftfahrer, etwa wegen Alkohol am Steuer).

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Seite 1
Spiegelleserin57 19.11.2015
1. alles gut und schön ABER
in der Realität zieht dieses Verschweigen böse Folgen nach sich. Wie wir alle wissen sind Zeugnisse sehr relativ und enthalten manchen versteckten Hinweis und es kommt oft vor dass auch Telefonate geführt werden um sich über den Bewerber zu informieren. Nicht selten schaut auch der neue Arbeitgeber mal in die sozialen Foren und googelt. Wer dort seine Schwangerschaft allen begeistert mitteilt hat den Job schon verloren bevor er sich vorstellt. Man sollte gerechterweise auch über die Interessen des Arbeitgebers nachdenken und schauen ob man den Job beginnen kann wenn man Kinder plant oder bereits schon schwanger ist. (Win-Win Situation) Es gibt immer Möglichkeiten auch Schwangere los zu werden. Das Beste ist man bleibt fair und offen. Wenn danach gefragt eine klar Antwort geben dann fühlt sich auch keiner belogen. Auch sollte eine junge Frau sich genau überlegen wann sie schwanger werden will. Einarbeitung und gleichzeitig schwanger dürfte schon eine sehr hohe Belastung für Mutter und Kind sein. Auch kann es passieren dass sie während der Schwangerschaft vom Arbeitgeber auf eine Stelle umgesetzt wird, (hier keine Möglichkeit dies zu verhindern) die der jungen Frau dann gar nicht gefällt die sie aber auch Mutterschutzgründen dann annehmen muss. So hilflos sind Arbeitgeber nicht die von so einer Situation überrascht werden. In der Regel sitzen sie am längeren Hebel!
renee gelduin 19.11.2015
2.
---Zitat--- Das gilt sogar bei befristeten Arbeitsverhältnissen, wie ein Urteil des Landesarbeitsgerichts Köln zeigt: Eine Anwaltsgehilfin, die als befristete Schwangerschaftsvertretung eingestellt wurde, war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls schwanger und verschwieg das ---Zitatende--- Und was lernt der Arbeitgeber daraus ? Statt, sinnvoller Weise, die potenziell zukünftige Schwangerschaftsvertretung nach einer möglichen Schwangerschaft zu fragen, einfach grundsätzlich keine Frau einstellen.
jogi1709 19.11.2015
3. Wer sich schwanger als Schwangerschaftsvertretung bewirbt, die
Ist charakterlich so unten durch, dass einem die Worte fehlen. Und über unsere Arbeitsgerichte will ich gar nichts mehr sagen.
giorgio2012 19.11.2015
4. Sehr lustig
das Bundesarbeitsgericht hat bei seiner Entscheidung wohl vergessen, dass die Bewerberin dann nicht nur während der Schwangerschaft fehlt, sondern im Zweifel auch drei Jahre danach - von weiteren Schwangerschaften ganz abgesehen.
Straussenblatt 19.11.2015
5. Deswegen stelle ich keine Frauen ein
Man muss sich mal diese Arroganz des Gerichts auf der Zunge zergehen lassen. ich habe einen Mitarbeiter und arbeite persönlich ohnehin schon 11 bis 13 stunden am Tag um alle Aufträge fertig zu bekommen. Jetzt stelle ich mir eine weitere Arbeitskraft ein um mich zu unterstützen und nachdem ich sie 3 monate lang eingelernt habe und sie anfängt eine hilfe zu sein lässt sie sich ein arbeitsverbot verpassen weil wir mit chemikalien (scheibenreiniger) arbeiten. Jetzt kann ich ihr nicht nur einen teil des Gehalts bezahlen sondern habe gleichzeitig auch keine hilfe mehr und müsste mir für die restlichen 6 Monate +Mutterschutz eine weitere arbeitskraft einstelöen die ich erstmal 3 monate lang einlernen muss. ich kann nur sagen ich bin froh dass die bewerber noch persönlich zum vorstellungsgespräch kommen müssen und ich da die frauen aussortieren kann. nie wieder.
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