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Frage nach Kinderbetreuung Wenn Chefs angelogen werden wollen

"Wer kümmert sich um die Kinder, während Sie arbeiten?" Bei dieser Frage musste eine Texterin im Vorstellungsgespräch lügen - weil die Chefs die Wahrheit nicht glauben wollten. Protokoll eines verstörenden Jobinterviews.

Meine Mutter hatte mich gewarnt. "Die werden dich fragen, wie du den Job mit der Kinderbetreuung vereinbaren willst. Sag einfach, dass ich in der Nähe wohne und mich um sie kümmere."

Meine Mutter wollte mich zur Lüge in einem Vorstellungsgespräch anstiften!

Sie wohnt 180 Kilometer entfernt, um die Kinder kümmern sich mein Mann und ich gemeinsam. "Und das ist auch heute völlig normal", erklärte ich meiner Mutter. "Da hat sich viel geändert. Vermutlich fragen die Chefs gar nicht."

Darauf sagte sie nichts mehr. Und ich war sicher, dass ich recht behalten würde. Es ging um eine Teilzeitstelle in einem modernen Unternehmen. Kreativbranche, Kategorie: gläserne Büros, Duz-Atmosphäre, Kickertisch. Meines Wissens nach waren die zwei Chefs Mitte 40, progressiv denkende Männer, die mitten im Leben stehen.

Das Vorstellungsgespräch lief auch wirklich gut. Doch kurz vor Schluss kam dann doch das Kinderthema auf.

"Soweit ich weiß, haben Sie ein Kind", sagte Chef A.
"Drei", verbesserte ich ihn.
"Oh!" Er überflog noch mal schnell meinen Lebenslauf. "Drei!"
"Und wie machen Sie das?", wollte Chef B wissen. Er frage auch, weil ihn das privat interessiere, als Vater. Wer kümmere sich denn um die Kinder während ich arbeite?
"Mein Mann", sagte ich. "Wir teilen uns das."
"Ach?" Chef A guckte interessiert. "Ist Ihr Mann arbeitslos?"
Ich war leicht irritiert. "Nein."
Chef B: "Freiberufler?"
"Nein, auch nicht. Er ist Chemiker und Projektleiter in einem kleinen Unternehmen."
Die Antwort amüsierte die Herren. Wie das denn gehen solle?

Das sehen Sie doch, hätte ich fast gesagt. Es mag Jobs geben, in denen es tatsächlich unmöglich ist, so früh zu gehen, dass man spätestens gegen 15.30 Uhr am Kindergarten ist. Aber selbst der Wirtschaftsminister bekommt das zumindest einmal die Woche hin. Sagt er jedenfalls.

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Bewerbungsgespräch: Wann Sie straflos lügen dürfen

Foto: Daniel Reinhardt/ dpa

Mein Mann hat mit seinem Chef flexible Arbeitszeiten und Homeoffice vereinbart. Erstens, um Zeit für seine kleinen Kinder zu haben. Zweitens, weil ich sonst kaum arbeiten könnte und deshalb mies gelaunt wäre. In seiner Firma können das alle nachvollziehen. Deshalb haben sie vereinbart: keine Besprechungen nach 16 Uhr. Und früher gehen ist okay, dafür muss man öfter später am Abend noch mal ran.

"An einigen Tagen holt er die Kinder von der Kita ab, an den anderen ich", erklärte ich wahrheitsgemäß.
Aber die beiden Chefs glaubten mir offensichtlich nicht. "Also das dürfte ja alles sehr schwierig sein." Stirnrunzeln.
Und da fiel mir wieder meine Mutter ein. "Na ja", sagte ich. "Hin und wieder springt auch mal die Oma ein."

Das war immerhin nicht ganz gelogen, hin und wieder passt sie ja auf.

"Ach so!" Erleichtertes Aufatmen auf der anderen Seite des Schreibtisches. Aber es kam noch eine Frage hinterher: "Wohnt die in der Nähe?"

Also wirklich! Konnten sie es nicht gut sein lassen? Sind rund 180 Kilometer Entfernung in der Nähe? Ich rang mich zu einem "mhm" durch. Und damit waren die Herren nun zufrieden. "Na, dann geht das natürlich. Ja, so eine Oma hätten wir auch gerne in der Nähe."

Dass Mann sich um die Kinder kümmert - für die Chefs unvorstellbar

Meine Mutter ist vollzeit berufstätig, aber danach fragten sie nicht. Warum konnten sie sich so schwer vorstellen, dass ein normal arbeitender Vater im Alltag seine Kinder betreut? Weil sie das für sich selbst ausgeschlossen hatten?

Sie kamen jetzt sogar noch mal auf meinen Mann zurück. Die Stelle sei langfristig eventuell mit einem Umzug in die Stadt xy verbunden. Ob ich mir das vorstellen könne? Und ob denn auch mein Mann dort eine Stelle finden würde?

Wir hatten das tatsächlich schon besprochen. "Ja", antwortete ich also. Aber die Männer wollten mir wieder nicht glauben.

Als Chemiker sei es doch sehr schwierig an dem Standort xy. Wer da denn überhaupt als Arbeitgeber in Frage käme? Ich erklärte also, welche beruflichen Kontakte mein Mann in xy hatte - und kam mir langsam ziemlich blöd vor. Um wen ging es hier eigentlich?

Die Stelle habe ich übrigens nicht bekommen. Das hatte sehr wahrscheinlich nichts mit der Kinderfrage zu tun, und schlimm war es auch nicht. Denn schon kurze Zeit später bekam ich eine andere. Trotzdem ärgerte ich mich noch eine Weile über mich selbst. Ich hätte das Weltbild der beiden Männer auf den Kopf stellen können - und hab's nicht geschafft.