Volkswagen Vorstand fragt vor Beförderung nach "IG-Metall-Mitgliedschaft"

Was muss man für eine Karriere bei Volkswagen mitbringen? Hilft es, in der Gewerkschaft zu sein? Eine Aktennotiz des VW-Markenchefs Herbert Diess legt das jetzt nahe.

VW-Markenchef Herbert Diess (l.) und VW-Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh
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VW-Markenchef Herbert Diess (l.) und VW-Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh

Von manager-magazin-Redakteur Michael Freitag


Es gibt ein paar Themen, die sind nach allgemeinem Verständnis tabu für Vorstellungs- und Mitarbeitergespräche. Die Mitgliedschaft in einer Partei gehört dazu, die Frage nach der Krankheitsgeschichte oder - bei Frauen - nach Kinderwunsch und Schwangerschaft.

Auch die Gewerkschaftszugehörigkeit fällt in diese Rubrik. "Es ist ein absolutes No-Go für einen Vorgesetzten, vor Neueinstellungen oder Beförderungen danach zu fragen", sagt der Stuttgarter Arbeitsrechtler Stefan Nägele.

Genau das ist aber vor drei Monaten bei Volkswagen passiert, und im Fokus steht ausgerechnet Herbert Diess. Der VW-Markenchef gilt im Unternehmen ohnehin als umstritten.

Jetzt kursiert im Management eine Mail aus dem vergangenen November, in der es um die Beförderung von sechs Mitarbeitern ins obere Management geht. Auch Diess habe diese Mail erhalten und handschriftlich kommentiert, heißt es im Unternehmen. "Keine Frauen dabei?!" merkte Diess an und "Priorisierung?" Dann setzte er einen dritten Punkt: "IG-Metall-Mitgliedschaft?"

Ein VW-Sprecher bestätigte, dass Diess nach der Gewerkschaftszugehörigkeit gefragt habe. Der Markenchef habe aber aus Datenschutzgründen keine Antwort erhalten. Bei VW werde immer wieder behauptet, Mitglieder der IG Metall würden bei Beförderungen bevorzugt, erläuterte der Sprecher die Frage. Das sei, wenn es so wäre, unfair. Diess habe daher versucht, mehr Klarheit zu gewinnen.

"Unsoziales Verhalten" des Markenchefs?

Arbeitsrechtler Nägele hält dagegen, die Gewerkschaftszugehörigkeit dürfe bei einer Beförderung keine Rolle spielen, "weder in die eine noch in die andere Richtung. In Deutschland gilt die negative Koalitionsfreiheit."

Ein Sprecher des VW-Betriebsrats kündigte an, der Sache nachzugehen. "Wir werden den Vorstand auffordern, zu überprüfen, ob es einen solchen Vorgang gibt." Und, "sollte sich dies als Tatsache herausstellen", werde der Betriebsrat den Vorstand der IG Metall einschalten und um rechtliche Prüfung bitten.

Der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder an den Beschäftigten ist in den deutschen Autokonzernen generell hoch. Bei VW heißt es, in den Werken liege die Quote der IG-Metall-Mitglieder bei mehr als 90 Prozent. Im oberen Management seien rund 50 Prozent der Beschäftigten in der IG Metall, im Top-Management rund 30 Prozent.

Markenchef Diess und Betriebsratschef Bernd Osterloh gelten als zerstritten. Aktuell streitet Diess mit den Arbeitnehmervertretern um die Umsetzung eines Sparpakets, des sogenannten Zukunftspakts. Die Arbeitnehmer werfen ihrem Chef "unsoziales Verhalten" vor. Diess' Leute kontern, der Betriebsrat blockiere. Das Programm, mit dem allein in Deutschland drei Milliarden Euro gespart werden sollten, steht auf der Kippe.



insgesamt 45 Beiträge
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der_durden 15.02.2017
1. Es stinkt immer mehr im Hause VW.
Ich gehöre zu denen, die die Produkte der Kernmarke, für durchaus gute Fahrzeuge hält. Aber langsam reicht es. Ich frage mich, was in diesem Haus noch geschehen muss, bis mal etwas Demut und Bescheidenheit Einzug hält. Wie es scheint, ist die Marke noch nicht angekratzt genug, der Absatzmarkt zu gut. Es ist an der Zeit, dass der Stall ausgemistet wird, am besten beginnend am neuen Chef Müller, der sich erdreistet, auch noch die eigenen Kunden im Rahmen des selbst gemachten Betrugsskandals anzugehen. So langsam verliert VW wirklich den letzten Rest Sympathie.
Bernd S 15.02.2017
2. Mitgliedschaft ist nicht notwendig, aber sehr hilfreich
In der Branche erzählt man sich nicht erst seit drei Monaten, sondern seit Jahren: Eine IG-Metall-Mitgliedschaft ist für eine Karriere bei VW zwar nicht absolut notwendig, aber sehr hilfreich. Insbesondere für das mittlere Management. Auch bei zugekauften Unternehmen wird den dortigen Führungskräften abseits des Protokolls ein Beitritt zu IG-Metall nahe gelegt. Ich kann aber nicht sagen, ob das wirklich für alle Unternehmensbereiche gilt. Und da wir alle ja auf solide Quellenangaben achten sollten: Mir ist das nicht persönlich passiert, aber sehr glaubhaft von zwei unmittelbar persönlich Betroffenen berichtet worden.
tommuc1978 15.02.2017
3. Vw nein!
Was geht denn in diesem Unternehmen vor. Der Betrug an Umwelt, Kunden und Mitbewerbern hat da wohl einen Stein ins rollen gebracht. Wann räumt da mal einer auf?
upalatus 15.02.2017
4.
Eine Frage nach der Gewerkschaftszugehörigkeit stellt für den Arbeitsrechtler schon ein absolutes nogo dar? Ob den Nogos, die nicht einmal verschämt abgefragt werden, sondern offen definiert substantielle Bedingungen für Karriere sind, würde der Herr Nägele sich ungläubig die Augen reiben. Natürlich gaaanz allgemein formuliert, könnte man ihm dann beispielsweise erklären, dass das einfach so geht in einer Struktur, wo Dreck am Stecken absolut keinen Minuspunkt darstellt, ganz im Gegenteil.
naeggha 15.02.2017
5. Mitgliedschaft ist notwendig
Es geht nicht mal nur um den OMK. Als mir vor 2 Jahren bei VW MItglied des Betriebsrates ein Angebot zur Festanstellung machte, war eine Grundvoraussetzung der Beitritt zur IGM. Ich bin nicht beigetreten und lebe bis heute ein glückliches Zuliefererleben. nicht reich, aber dafür mit Würde und gern auch in Zukunft weiter so.
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