Karriere Soll ich mich weiter ins Büro schleppen - oder endlich kündigen?

Der richtige Zeitpunkt für den Absprung ist oft schwer zu finden. Eine Expertin erklärt, wie man ihn ausmacht - und wann man doch besser bleibt.

imago images / Westend61

Aufgezeichnet von


Stress mit der Chefin, Hänseleien im Team, das anstehende Gehaltsgespräch: In jedem Arbeitsleben gibt es Situationen, die für schlaflose Nächte sorgen können. In der Serie "Sollte ich...?" erklären Experten, wie sich mit konkreten Konflikten im Beruf umgehen lässt. Die Fälle sind konstruiert; sie stehen symbolisch für Schwierigkeiten, die am Arbeitsplatz auftauchen können.

Der Fall:

Ich bin schon lange unzufrieden mit meinem Job. Ich habe das Gefühl, mich im Kreis zu drehen, nicht voranzukommen. Am schlimmsten ist es mit meinem Chef. Eigentlich hätte ich längst kündigen sollen, aber ich finde einfach nicht den richtigen Punkt.

Es antwortet Anne Schabel, Arbeitspsychologin:

Zur Person
  • Privat
    Anne Schabel, 34, ist systemische Beraterin und betreut als Human Resource Business Partner Führungskräfte und Mitarbeitende eines Münchner Unternehmens. Zuvor studierte Schabel Psychologie mit Schwerpunkt Arbeits- und Organisationspsychologie.

Jeder hat mal einen schlechten Tag, das ist ganz normal. Wer aber über einen langen Zeitraum keine Lust auf seinen Job hat, sollte dringend etwas ändern. Ein deutliches Anzeichen ist, wenn Sie eine klare Veränderung benennen können, zum Beispiel: "Ich habe keine Motivation mehr, mich auf der Arbeit zu engagieren - und das war früher anders."

Ein Alarmzeichen ist, wenn die Arbeit krank macht - wenn Sie also körperliche oder psychische Beschwerden entwickeln. Spätestens dann sollten Sie die Reißleine ziehen.

Ich empfehle, in diesem Fall bei sich selbst zu beginnen. Wer klar sagen kann, was ihn an seiner Arbeit stört, kann auch etwas daran ändern. In vielen Fällen ist das grundlegende Problem, dass der Mitarbeiter nicht genug Wertschätzung erfährt. Es fehlt das Feedback vom Chef oder das Verhältnis zu den Kollegen stimmt nicht.

Stellen Sie sich folgende Fragen:

  • Gab es ein konkretes Erlebnis, seitdem mein Job keinen Spaß mehr macht?
  • In welchen Situationen fühle ich mich auf der Arbeit unwohl?
  • Fühle ich mich von meinen Aufgaben überfordert oder unterfordert?
  • Welche Aufgaben machen mir Spaß und motivieren mich?

Nach dieser Analyse folgt Schritt zwei: das Gespräch mit dem Chef oder der Chefin. Das fällt den meisten sehr schwer, und klar - es ist eine unangenehme Situation. Doch es ist die einzige Möglichkeit, etwas zu verändern. Ist die Beziehung zum Chef selbst schwierig, rate ich, einen Kollegen aus der Personalabteilung zum Gespräch dazu zu bitten.

Überlegen Sie vorab gut: Was möchte ich meinem Chef mitteilen? Formulieren Sie Ihre Botschaften möglichst neutral und achten Sie darauf, nicht von vornherein Vorwürfe zu machen - auch nicht implizit. Das gelingt, indem Sie beschreiben, in welchen konkreten Situationen Sie sich unwohl gefühlt haben und warum. Wenn Sie dabei bei sich bleiben, fühlt sich Ihr Gegenüber nicht in die Ecke gedrängt.

Im besten Fall reagiert die Führungskraft mit Verständnis und Sie überlegen gemeinsam, wie Sie die Probleme lösen können. Ein Ansatz kann etwa ein Coaching sein, das man entweder allein oder gemeinsam mit Kollegen und dem Chef macht. Die meisten Arbeitgeber unterstützen ihre Mitarbeiter in solchen Fällen gern. Es ist ja auch im Interesse ihres Chefs, dass Sie motiviert zur Arbeit kommen.

Sollte der Chef Ihren Vorstoß einfach abtun oder gar wütend werden, könnte es tatsächlich Zeit sein, das Unternehmen zu verlassen. Nehmen Sie sich für diese Entscheidung ausreichend Zeit und treffen Sie sie in keinem Fall spontan.

Ganz wichtig: Reden Sie vorab mit den Menschen darüber, die Ihnen nahestehen. Denn im Zweifel treffen Sie die Entscheidung nicht nur für sich selbst, sondern auch für Ihre Familie. Freunde und Partner können die individuellen Faktoren gut einschätzen, die bei Ihnen eine Rolle spielen. Trotzdem gilt: Am Ende kann ihnen leider niemand die Entscheidung abnehmen - Ihre Kündigung müssen Sie selbst unterschreiben.



insgesamt 44 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
escherischiacoli 10.05.2019
1. Sofort weggehn
ich bin selbst jahrelang von einem Abteilungsleiter gemobbt worden. Und nur weil ich fachlich sehr gut war, konnte man mir nichts grösseres anhängen. Als ich dann nach 12 Jahren mit über 60 Patenten gegangen bin, habe ich noch nicht einmal einen Händedruck von den Problembären bekommen. Ich kann nur empfehlen, zu gehen, wenn man sich nur noch so hinschleppt. Sich verantwortlich fühlen wird so gut wie nie honoriert. Einen Grund muss es ja geben, wenn halb Deutschland in den vorgezogenen Ruhestand flüchtet.
krautrockfreak 10.05.2019
2. Das Problem ist in der Regel eine schlechte Führung durch Personen,
die durch Ehrgeiz, Beziehungen o. ä. zu ihrem Job gekommen sind, aber im Prinzip unfähige Chefs sind, d. h. schlechte Führungskräfte. Die Folgen sind Demotivation, Frust usw. Dies ist meine langjährige Erfahrung, zu 90% liegt es nur daran. Einfachste menschliche Verhaltensweisen werden da missachtet, nicht gelobt (kostet null Euro), kurzum, es sind die falschen Personen an der Macht. Die Folgen kennt man ja, über 50% haben innerlich schon gekündigt. Warum wohl?
GyrosPita 10.05.2019
3.
Zitat von krautrockfreakdie durch Ehrgeiz, Beziehungen o. ä. zu ihrem Job gekommen sind, aber im Prinzip unfähige Chefs sind, d. h. schlechte Führungskräfte. Die Folgen sind Demotivation, Frust usw. Dies ist meine langjährige Erfahrung, zu 90% liegt es nur daran. Einfachste menschliche Verhaltensweisen werden da missachtet, nicht gelobt (kostet null Euro), kurzum, es sind die falschen Personen an der Macht. Die Folgen kennt man ja, über 50% haben innerlich schon gekündigt. Warum wohl?
Ich bin im vergangenen Jahr nach Jahren des Frusts und des Ärgers in einem Unternehmensbereich in dem jahrelang nur Figuren wie oben beschrieben das Sagen hatten in einen anderen Bereich gewechselt. Unser Konzern ist gottlob so groß das der interne Stellenmarkt immer wieder gute Gelegenheiten bietet. Im Nachhinein ärgere ich mich schwarz das ich mir so einen Sch..... so lange mitgemacht habe, aber in meiner alten Arbeitsumgebung herrschten halt sado-masochistische Tendenzen in Verbindung mit der Sehnsucht nach dem Heldentod. Dem kann man sich nur schwer entziehen wenn da alle so gepolt sind, das merkt man erst wenn man da weg ist wie bescheuert und hirnverbrannt das ganze Getue da war...
meresi 10.05.2019
4. Spannendes Thema
Bin zwar kein Experte auf diesem Gebiet hatte aber meine eigenen Regeln für das Verbleiben in einer Firma. Ab meinem 25. Lebensjahr machte ich am Jahresende eine Liste mit plus und minus meinen Arbeitsplatz betreffend. Überwog minus, war es Zeit nachzudenken über den Verbleib. Zuerst mal sachlich und konstruktiv Kritik oder Wünsche angebracht, wenn das nicht gefruchtet hat, den Stellenmarkt sondiert und Bewerbungen versandt und auch gleich beworben bei Antworten die mein Interesse weckten. Hatte ich 2-3 Zusagen die meinen Vorstellungen entsprachen und neue Perspektiven eröffneten, nochmals mit dem Zuständigen gesprochen, traf keine Veränderung ein, wurde gekündigt. Und siehe da, plötztlich waren sie hellwach die Chefs und kamen mit Konzessionen an. Bei einer Firma wurde mir sogar das Gehalt innerhalb der Kündigungsfrist 3x erhöht und ein Firmenwagen obendrauf geworfen. Ich ging trotzdem, denn die neue Firma für die ich mich entschieden hatte war weltweit tätig. Und wenn sie nicht nach 9 Jahren am Rande der Pleite gewesen wäre, hätt ich dort wahrscheinlich meine Pension angetreten. Textilindustrie...die Auslagerungen der Maschinen vieler Kunden Richtung fernen Osten brach vielen Herstellern das Genick. Fazit: Man muß es Handhaben wie der Personalchef, man legt eine Akte an über die Firma für die man tätig ist: stellt eine Liste der Kriterien auf (ähnlich Personalakte) und überprüft am Jahresende. Den das Leben ist zu kurz um sich durch die Arbeit zu quälen. Mein größtes Plus ohne Zweifel war meine Fähigkeit mich auch räumlich zu verändern. Ich ging dort hin wo es Spaß machte und gutes Geld für Leistung bezahlt wurde.
JackGerald 10.05.2019
5. Schon die Überschrift ist Mumpitz -
- als würden alle Menschen "im Büro" arbeiten. Außerdem fehlt ein wichtiger Punkt: Wie soll man denn sicher sein, dass es mit einer neuen Stelle nicht noch schlimmer wird? In jedem Beruf und in jedem Arbeitsverhältnis dürfte es hin und wieder Ärger geben - es arbeiten eben unterschiedliche Menschen zusammen, und keine Roboter. Aber man sollte nicht vergessen: Was man hat, das hat man - und was man bekommt, dass weiß man in der Regel nicht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.