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16. Januar 2019, 09:39 Uhr

Alltag eines Security-Mitarbeiters

"Die Menschen beäugen mich kritisch"

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Gemeinsam mit Kollegen hat er gestreikt und um ein besseres Gehalt gekämpft. Im Protokoll erzählt ein Mitarbeiter der Flughafen-Sicherheitskontrolle von Druck, nervigen Fluggästen - und warum er seinen Job mag.

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

Ich streike dieser Tage mit, wie viele meiner Kollegen. Mit Warnwesten und Trillerpfeifen demonstrieren wir für bessere Arbeitsbedingungen. Eines ist mir besonders wichtig: Mit dem Streik wollen wir die Passagiere nicht ärgern. Wir haben großen Druck und ständig Angst, unseren Job zu verlieren.

Auch die Bezahlung ist nicht in jedem Bundesland gleich. Im Osten verdienen die Sicherheitsmitarbeiter immer noch 2,30 Euro pro Stunde weniger als im Westen. Zudem haben wir keine eigenen Toiletten. Obwohl wir mit 800 Mitarbeitern eine große Firma sind, müssen wir die Örtlichkeiten der Reisenden mitbenutzen.

Das alles muss sich dringend ändern, damit auch alle Passagiere entspannt und sicher reisen können. Und das geht eben nur, wenn wir unsere Arbeit niederlegen. Sonst wird niemand auf unsere Probleme aufmerksam.

Ich habe im Jahr 2000 angefangen, bei einer Sicherheitsfirma in einer deutschen Großstadt zu arbeiten, die im Auftrag der Bundespolizei für die Flughafensicherheit zuständig ist. In meinem Bundesland sind die Luftsicherheitsassistenten, so meine eigentliche Berufsbezeichnung, nämlich bei einer externen Firma angestellt und nicht direkt beim Flughafen. Ich verdiene 17 Euro pro Stunde und habe einen Vollzeitvertrag, das sind 160 Stunden im Monat.

"Enormer Druck"

Viele meiner Kollegen dürfen nur 120 Stunden im Monat arbeiten und verdienen dementsprechend weniger. Wir arbeiten im Schichtdienst, zwischen 3.45 Uhr und Mitternacht, natürlich auch am Wochenende und an Feiertagen. Der Schichtwechsel ist meist in der Mittagszeit. Täglich sind pro Schicht etwa 150 Kollegen im Einsatz.

Das Sicherheitspersonal am Flughafen steht ständig unter Beobachtung. Jeden Tag muss ich selbst eine strenge Sicherheitskontrolle durchlaufen, bevor ich mit der Arbeit beginnen kann. Ich werde, wie später die Passagiere, durch einen Torbogen, also durch einen Körperscanner, geschickt. Auch die Menschen, die ich kontrolliere, beäugen mich kritisch. Das erzeugt einen enormen Druck.

Außerdem müssen wir seit 2012 alle drei Jahre eine Prüfung ablegen, in der wir zeigen müssen, dass wir die Luftsicherheitsgesetze beherrschen und auch kleinste metallische Gegenstände am Körper der Reisenden erkennen können. Diese Prüfung ist sehr hart.

"Jobverlust wäre schrecklich"

Das macht mir große Angst. Ich bin jetzt seit fast zwanzig Jahren bei der Sicherheitsfirma angestellt, aber ich befürchte, dass ich die Prüfung nicht bestehe und dann arbeitslos werde. Ich habe eine Familie und auch Enkelkinder. Der Jobverlust wäre für uns alle schrecklich. Und, wer die Prüfung beim dritten Mal nicht besteht, fliegt raus. Egal, wie lange er schon Mitarbeiter der Firma ist.

Meine Arbeit mag ich eigentlich sehr. In einer Stunde kontrolliere ich etwa 200 Passagiere. Als Mann taste ich nur andere Männer ab, für die Frauen sind meine Kolleginnen zuständig. Dann ist noch ein weiterer Kollege da, der das Handgepäck scannt und auf Flüssigkeiten und unerlaubte Gegenstände untersucht. Hier wechseln wir uns ab. Die Handgepäck-Kontrolle mag ich auch. Ich kann mittlerweile an der Form der Geräte im Röntgenbild erkennen, welche Marke Handys und Laptops haben, die die Reisenden in ihren Koffern transportieren.

"Jeder muss durch die Kontrolle"

Ich bin ein einfühlsamer Mensch und kann gut auf die Passagiere eingehen. Gerade bei kleinen Kinder versuche ich, besondere Rücksicht zu nehmen. Sie können die Situation nicht einschätzen und bekommen Angst. Auch für die Eltern ist es eine belastende Situation.

Gern kontrolliere ich Geschäftsreisende. Die fliegen so oft, dass sie ganz genau wissen, was sie ins Handgepäck mitnehmen dürfen und sind deshalb besonders unkompliziert. Nervig finde ich hingegen die hochnäsige First-Class-Reisende, die bei der Kontrolle meckern: "Wieso eigentlich immer ich?", wenn ich sie auffordere, Goldkettchen und Armbänder abzulegen. Aber da stehe ich mittlerweile drüber. Durch die Sicherheitskontrolle muss schließlich jeder durch, unabhängig vom Geldbeutel.

Nicht so einfach ist es, wenn Fluggäste kein Englisch sprechen. Glücklicherweise sind wir sehr multikulturell besetzt. Neulich kontrollierte ich einen Mann, der nur arabisch sprach. Als ich das feststellte, holte ich meinen Kollegen, der übersetzen konnte. Wir haben einen guten Zusammenhalt im Team und helfen uns gegenseitig.

Stichprobenartig machen wir auch Sprengstoffkontrollen bei den Passagieren. Dabei wird ein Abstrich aus dem Koffer oder von der Kleidung genommen. Bisher habe ich zum Glück noch nicht erlebt, dass jemand absichtlich Sprengstoff mit in den Flieger nehmen wollte. Fehlalarme gibt es jedoch häufig. Neulich hatten wir einen Ingenieur, der durch seine Arbeit mit Stoffen in Berührung kam, auf die unser Sensor reagierte. Auch so manches Damenparfüm oder Computerreiniger lassen den Sprengstofftest anschlagen.

Ich mache meinen Beruf gern und habe, von vielen unbemerkt, eine große Verantwortung für die Sicherheit aller Fluggäste. Ich wünsche mir, dass das mehr anerkannt wird. Aber ich bin kämpferisch. Wenn es sein muss, streike ich auch die nächsten zwei Wochen, wenn dadurch unsere Not gehört wird.

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