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14. März 2012, 09:41 Uhr

Mythos Fachkräftemangel

Von Schweinen und Ingenieuren

Her mit mehr Ingenieuren, sonst ist der Standort Deutschland in Gefahr: Ist diese Warnung nur blanker Alarmismus? Eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung legt das nahe, der Experte Karl Brenke beschreibt den Fachkräftemangel als Fata Morgana.

Als der Agrarwissenschaftler Arthur Hanau 1927 seine Studie über die Schweinepreise vorlegte, wird er wohl kaum daran gedacht haben, dass sie auch noch 85 Jahre später von großer Aktualität ist. Wenn früher die Preise für Schweine hoch waren, fingen Bauern wie toll an, Schweine zu züchten. Sobald die Schweine dann schlachtreif waren, musste man feststellen, dass ein Überangebot auf dem Markt war, das auf die Preise drückte. Die Erzeugung wurde gedrosselt, ein neuer Zyklus begann.

Genau so wie damals auf dem Schweinemarkt geht es bis heute auf dem Arbeitsmarkt für Akademiker zu:

Heute gibt es angeblich einen Mangel an Ingenieuren - und zwar an solchen, die üblicherweise in der Industrie eingesetzt werden. Das meint jedenfalls seit geraumer Zeit der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) und überschlägt sich mit dramatischen Warnungen. Die Nachweise für den angeblichen Ingenieurmangel sind allerdings arg konstruiert.

Berechnung der Ingenieurlücke: Pi mal Daumen

Der Alarmismus des VDI stützt sich hauptsächlich auf zwei Säulen: Einerseits werden die offenen Ingenieurstellen bei der Bundesagentur für Arbeit sowie Unternehmensangaben zu geplanten Einstellungen addiert, andererseits die arbeitslos gemeldeten Ingenieure subtrahiert. Entscheidend ist die dritte Grundrechenart: Die Zahl der laut Bundesagentur unbesetzten Ingenieurstellen wird mit 7,14 multipliziert - weil es weit mehr offene Stellen gebe, als die Behörden wissen. Dieser Faktor ist nahezu willkürlich gewählt, jedenfalls sehr hoch angesetzt. Er verändert die Zahl unter dem Strich immens. Und die Zahl unter dem Strich, genau das ist der Ingenieurmangel, den der VDI dann laut in die Welt posaunt.

Aus Sicht des VDI können somit allein arbeitslose Bewerber die offenen Stellen auffüllen. Völlig ausgeblendet wird, dass sie in der Realität vor allem besetzt werden, indem Arbeitnehmer von einem Betrieb zu einem anderen wechseln - etwa weil sie sich davon einen sicheren Arbeitsplatz, günstigere Karrierechancen oder eine bessere Entlohnung versprechen.

Ausgeklammert werden zudem Berufseinsteiger mit Hochschulabschluss. Und gröblich missachtet wird der entscheidende Knappheitsindikator: die Preise. Auf dem Arbeitsmarkt sind das die Löhne, und die Ingenieurlöhne haben sich in den letzten Jahren meist eher mäßig bis schlecht entwickelt.

Jüngst hat der VDI nachgelegt: Willi Fuchs, Direktor des Vereins, behauptete im SPIEGEL-ONLINE-Interview, das Durchschnittsalter der Ingenieure betrage 50 bis 51 Jahre; deshalb stehe eine Verrentungswelle und somit großer Ersatzbedarf an.

Ist es wirklich ein Mangel an Fachkräften - oder sogar ein Überschuss?

Die Angaben über das Durchschnittsalter sind allerdings nicht nachvollziehbar. Nach amtlicher Statistik (Mikrozensus) sind die erwerbstätigen Ingenieure tatsächlich im Schnitt 43 bis 44 Jahre alt und damit etwas jünger als andere Akademiker mit einem Job. Etwa 30 Prozent der Ingenieure sind 50 Jahre und älter, die Hälfte davon - etwas mehr als 100.000 - hat das 55. Lebensjahr erreicht. Von diesen dürften allerhöchstens 20.000 pro Jahr in den Ruhestand wechseln.

Neben dem Ersatzbedarf gibt es einen Expansionsbedarf: Insbesondere wegen der guten Konjunktur hat auch die Zahl der Arbeitsplätze für Ingenieure zugenommen - um etwa 11.000 pro Jahr. Zusammengenommen ergibt sich also ein jährlicher Bedarf von etwa 30.000 Ingenieuren. Dem steht aber schon jetzt eine weit größere Zahl an Studienabsolventen gegenüber: Im Jahr 2010 wurden mehr als 50.000 Abschlussprüfungen für Ingenieure erfolgreich absolviert.

Die Zahl der Studienabgänger wird in den nächsten Jahren weiter kräftig anziehen, denn es hat einen regelrechten Run auf die ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge gegeben, nicht zuletzt wegen der Klagen über einen Fachkräftemangel. So ist beispielsweise im Studiengang Maschinenbau/Verfahrenstechnik die Zahl der Erstsemester im letzten Jahr um ein Fünftel gestiegen.

Damit bildet sich sogar ein Überschuss an Fachkräften heraus. Weil es an einer hinreichenden Berufs- und Studienberatung mangelt, sind die jungen Menschen offenbar anfällig für die medienwirksam vorgetragenen Klagen von Verbandsfunktionären. Nicht wenige der Studienanfänger könnten Opfer des berüchtigten Schweinezyklus werden, den Arthur Hanau in seiner Dissertation vor fast einem Jahrhundert so eindrucksvoll beschrieben hat.

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