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Warum Lehrer aussteigen »Ich habe das Gefühl, in einer Höhle gelebt zu haben«

Viele Lehrerinnen und Lehrer haben den Schuldienst satt: Doch wer kündigt schon eine Beamtenstelle mit all den Privilegien? Hier erzählen zwei, die sich getraut haben.
Einfach den Dienst quittieren? Das ist schon eine Entscheidung. (Symbolbild)

Einfach den Dienst quittieren? Das ist schon eine Entscheidung. (Symbolbild)

Foto: J Walters / Shutterstock

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Zwei Jahre lang, so berichtet es eine ehemalige Lehrerin, habe das Kollegium den Drucker im Lehrerzimmer nicht benutzen können – weil der Kollege verstorben war, der das Passwort hatte. Ein Referendar quittierte den Schuldienst, nachdem seiner Verbeamtung im Wege gestanden hatte, dass er eine Fortbildung hätte absolvieren müssen. Die allerdings wurde nicht bewilligt, weil er dafür hätte bereits verbeamtet sein müssen. Erzählungen über bürokratische Absurditäten hört man viele, wenn man sich bei ausstiegswilligen oder ehemaligen Lehrkräften umhört. Und die Coronapandemie hat bei vielen das Fass zum Überlaufen gebracht: Lehrerinnen und Lehrer klagen über absurde Regelungen, mangelnde Wertschätzung und zu wenig Unterstützung aus der Politik.

Wie viele der Unzufriedenen den Schuldienst quittieren, wird nicht erfasst. Weder auf Länder- noch auf Bundesebene. Klar ist: Lehrer sind knapp, viele Kollegien überaltert, selbst an Quereinsteigern mangelt es. »Die Unzufriedenheit steigt«, sagt Isabel Probst, selbst Ex-Lehrerin, die hauptberuflich schon mehrere Hundert Lehrkräfte beim Umsatteln in andere Berufsfelder beraten hat. Früher hat sie das in Einzelcoachings getan – gerade startet sie nach eigenen Angaben einen Gruppenkurs mit 50 Teilnehmenden. Und die vor sechs Jahren gegründete Facebook-Gruppe »Lehrer auf Abwegen«, in der Ausstiegswillige sich miteinander vernetzen, hat mittlerweile knapp 11.000 Mitglieder.

»Ich fühlte mich als Gefangener des Systems«

»Es ist neu, dass auch Leute, die mit beiden Beinen in der Verbeamtung stehen, jetzt Fundamentalkritik leisten«, so Probst. »Viele leiden unter mangelnden Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Die Kerntätigkeit ist über Jahrzehnte extrem repetitiv. Für persönliche Stärken gibt es wenig Raum. Und dann sieht man im persönlichen Umfeld, wie Freunde Positionen wechseln, zu anderen Unternehmen gehen oder ins Ausland – aber man selbst hängt in der Schule fest und kann seinen Einsatzort nicht ändern.«

Patrick B., 43 Jahre alt, hat mitten in der Pandemie seinen sicheren Lehrerjob gekündigt. Seit diesem Jahr arbeitet er als E-Learning-Consultant. »Ich wollte schon als Schüler Lehrer werden, habe dann Englisch und Französisch studiert, mein Referendariat gemacht und war von 2008 bis 2018 zehn Jahre lang ein glücklicher Lehrer.« Die Zweifel fingen an, als er in einem Sabbatjahr auf Weltreise ging. »Auf einmal lernte ich Menschen außerhalb meiner eigenen Blase kennen, für die digitales und flexibles, selbstbestimmtes Arbeiten völlig normal war«, erzählt er. »Ich kam zurück und fand mich in maroden Gebäuden wieder, in denen die digitale Ausstattung sehr schleppend vorangeht und in denen viel zu oft noch nach Methoden des vorigen Jahrhunderts unterrichtet wurde. Ich fühlte mich als Gefangener des Systems mit sehr wenigen Einflussmöglichkeiten auf die Rahmenbedingungen und das System.«

Aussteiger müssen vieles lernen – zuerst, wie bewerben geht.

Im Jobcoaching fand Patrick B. heraus, dass es »für mich persönlich die schlechteste Idee aller Zeiten war, mich als Beamter in einem starren System verheizen zu lassen.« Der Umstieg war dennoch schwierig. »Ich habe gemerkt: Die Welt außerhalb der Schule hat nicht auf mich gewartet. Ich wusste gar nicht, wie bewerben geht – ich hatte mich ja nie richtig bewerben müssen. Ich wollte mit meinem Fachwissen trumpfen, das kam aber überheblich rüber; und mir war nicht klar, dass ich als Lehrer überdurchschnittlich viel verdient hatte.« Mittlerweile verdient er nach eigener Aussage etliche Tausend Euro im Jahr weniger, aber bereut den Ausstieg nicht: »Ich kriege Beklemmungen, wenn ich mir vorstelle, in die Schule zurückzugehen. Das war ein System, das mich als Individuum nicht gesehen hat. Weiterentwicklung? Fehlanzeige. Ich musste um jede kleine Fortbildung kämpfen.« Die Sicherheit der Verbeamtung aufzugeben habe vor allem Nichtlehrer irritiert, sagt er: »Die Lehrer:innen in meinem Umfeld hatten alle Verständnis dafür.«

»Für professionelle Weiterbildung bleibt kein Raum«

In seinem neuen Job hatte er zunächst das Gefühl, bis dahin »in einer Höhle gelebt zu haben«, einer abgeschotteten Parallelwelt: »Ich hatte weder gelernt, mit Excel noch mit Outlook professionell umzugehen, weil wir das alles im Alltag nicht brauchten – Termine wurden per Mail oder Anruf koordiniert. Jetzt lebe ich in einer agilen Arbeitswelt, in der ich auch den Job wechseln und mich weiterentwickeln kann.«

Für viele ist das entscheidend, sagt Coachin Isabell Probst. »Schule ist eigentlich nur bewältigbar, wenn verschiedene Experten an einem Strang ziehen. Hierzulande sollen Lehrkräfte das leisten, wofür es in anderen Ländern Teams aus Sozialpädagogen, Psychologen, Berufsberatern, Verwaltungskräften bis hin zur Schulkrankenschwester gibt.« Und die Coronapandemie habe vielen Lehrerinnen und Lehrern »die Illusion genommen, dass sich das System Schule in einer Krise weiterentwickeln würde«.

Viele fühlten sich an der Unterrichtsfront verheizt: »Der Gehaltszettel orientiert sich allein an den Unterrichtsstunden, nicht an persönlichem Mehreinsatz etwa in Schulentwicklung, AGs und Projekten.« Aber längst nicht alle ziehen Konsequenzen. Viele schlügen die ernsthafte Suche nach Alternativen in den Wind, weil sie sich selbst als aussichtslose Fälle deklarierten. »Innerhalb des Systems Schule gibt es keine Personalentwicklungs- oder Aussteigerberatung. Auch das führt dazu, dass manche in die innere Kündigung gehen oder sich im Einzelfall in ein Ausnutzerverhalten manövrieren – und sich lange Zeit bei vollen Bezügen krankschreiben lassen«, sagt Probst. Das System Schule hat wenig Instrumente, um solchem Schmarotzertum entgegenzutreten – ausbaden müssen so etwas dann die Kolleginnen und Kollegen, die bei der Stange bleiben und die Fehlstunden auffangen müssen, weil es überall an Personal fehlt. Auch das kann Frust auslösen. Oft hat der allerdings auch personelle Gründe: »Man kann den Arbeitgeber nicht wechseln – und einen blöden Vorgesetzten hat man unter Umständen lebenslang, denn genau der müsste einem Versetzungsantrag zustimmen, welchem aufgrund des Personalmangels oft nicht stattgegeben wird.«

Vielen ist der Grad ihrer Privilegien gar nicht bewusst.

Wer mit dem Ausstieg liebäugelt, kommt allerdings erst einmal hart auf dem Boden der Tatsachen an. »Aus dem Beruf auszusteigen, ist für fast alle ein finanzieller Abstieg«, erläutert Probst, »als Oberstudienrat schafft man locker ein Jahresbruttogehalt von rund 70.000 Euro. Auch in Teilzeit und in niedrigeren Laufbahngruppen ist die Besoldung immer noch überdurchschnittlich gut, doch vielen verbeamteten Lehrkräften fehlt das Bewusstsein dafür. Als Beraterin muss ich oft erst einmal einen neuen Referenzrahmen schaffen.« Vielen ist der Grad ihrer Privilegien gar nicht bewusst: die Unkündbarkeit. Das im Vergleich zu Renten fast doppelt so hohe Ruhegehalt. Private Krankenversicherung. Sabbatregelungen mit Rückkehrgarantie auch nach längeren Pausen. Weitaus geringere Sozialabgaben (wer faktisch unkündbar ist, muss sich ja nicht gegen Arbeitslosigkeit absichern) und damit mehr Netto vom Brutto. Darauf zu verzichten, ist schon eine Entscheidung. Aber, sagt Probst, der Gehaltsverlust werde von etlichen Ex-Lehrerinnen und -Lehrern für mehr Lebensqualität und Entfaltungsraum bewusst in Kauf genommen.

»Ich vermisse es, vor einer Klasse zu stehen«

Auch die ehemalige Lehrerin Katja Udolph, 32, approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, hat den Ausstieg vor einem halben Jahr nicht bereut. Wie bei vielen Umsteigern war Lehrerin eigentlich ihr Traumberuf: »Ich vermisse es, vor einer Klasse zu stehen«, sagt sie. Sie hatte an einer Oberschule unterrichtet, wollte eigentlich sogar in die Schulleitung: »Doch meine persönlichen Erfahrungen auf dem Weg dorthin haben dafür gesorgt, dass ich mich lieber voll und ganz meinem bis dahin zweiten Standbein, der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie gewidmet habe.«

Dabei hätte sie eigentlich beide Kompetenzen gern am Einsatzort Schule vereint. Aber: »Meine Berufserfahrung in der Schule war bremsend. Mit meinem Wunsch, etwas zu verändern, stieß ich immer wieder an Grenzen. Ich hätte mein therapeutisches Wissen gern eingebracht, aber das war gar nicht gewünscht. Das Problem ist: Das System Schule erkennt psychische Erkrankungen und Befindlichkeiten nicht, glaubt aber, das zu tun. Da wird dann schnell mal unterstellt, ein Kind habe ADHS, aber das stimmt vielleicht gar nicht.«

Das Schulsystem, sagt die Therapeutin, mache »Kinder psychisch krank durch Leistungsdruck«: »Es gibt kaum Supervision. Wenn die Lehrkraft die Tür des Klassenzimmers schließt, passiert dahinter auch viel Blödsinn, ohne dass das auffällt – und wenn man im Lehrerzimmer mitbekommt, wie abwertend über Kinder gesprochen wird, ist das teilweise schwer auszuhalten. Als Therapeutin repariere ich teilweise auch Schäden, die das System Schule anrichtet.«

Die Lebenszeitverbeamtung aufzugeben, sagt sie, habe sich für sie angefühlt wie eine Befreiung. »Jetzt, nach einem halben Jahr, kann ich sagen: Das war die beste Entscheidung meines Lebens. Ich bin selbstständig, kann jetzt wirklich etwas bewegen, das Leben von Kindern und Jugendlichen besser machen und stehe auch finanziell besser da als vorher.«

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