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Betriebswirte: Zur Karriere bitte hier entlang

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Karriere nach der Uni Warum sich das BWL-Studium lohnt

Die Ausbildung ist nichts für Zahlenhasser, auch nicht für Grübler oder Sinnsucher. Doch wer das Studium durchsteht, wird belohnt: Betriebswirte erreichen oft hohe Gehälter und Top-Positionen.

Nur mal angenommen, jemand käme auf die Idee, ein funkelndes Filmchen mit dem Titel "Das BWL-Studium" zu drehen, vielleicht für einen öffentlich-rechtlichen Sender. Der Produktionszeitraum wäre klar: mindestens sechs Semester. Auch die Drehorte: möglichst international. Und mit Bianca Frank, 26, hätte man gleich die perfekte Hauptdarstellerin.

Folgende Geschichte würde sie den Drehbuchautoren erzählen: Mit 19 Jahren geht die Protagonistin aus der Kleinstadt Pfullingen zum Studium der Betriebswirtschaftslehre an die Reutlinger Business School. In der Studienzeit zieht es sie nach London und Bangkok, sodann Bling-Bling-Praktika bei "Louis Vuitton" und "Hugo Boss".

Anschließend macht sie den Master in Maastricht. Wird von der Firma Adidas unter 800 Bewerben fürs Trainee-Programm ausgewählt, danach als "Junior Product Manager" übernommen. Sie ist jetzt weltweit für Fußballtrikots verantwortlich. Im Abspann würde Veronica Ferres ihr einen BWL-Stiftungspreis für den besten Berufseinstieg verleihen. Ende.

Das klassische BWL-Studium führt auf die Sonnenseite des Berufslebens - pures Klischee? Oder die typische Geschichte für Wirtschaftswissenschaftler? "Fast jeder mit BWL-Abschluss wird auch einen adäquaten Job finden", sagt Christoph Fay vom Hochschulmarketing bei Lufthansa. BWL-Absolventen seien beim Luftfahrtkonzern gern gesehen und im Mittelstand ebenfalls gefragt.

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Lieblingsarbeitgeber: Die Favoriten von Europas Wirtschaftsstudenten

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Auch die ehemalige Studentin Bianca Frank findet diesen Plot plausibel: Viele ihrer Kommilitonen arbeiten heute bei Großkonzernen wie Mercedes oder Unilever - "eigentlich hat jeder von denen einen tollen Job".

Weil Betriebswirte gern mit Zahlen hantieren und argumentieren, ein Blick in die Statistik: Lange schon ist BWL das beliebteste aller Studienfächer, mit gewaltigem Abstand und gut 200.000 Studenten, dazu 80.000 Wirtschaftswissenschaftler (Rang 8) - so die Daten des Statistischen Bundesamtes fürs Wintersemester 2011/2012. Seitdem sind die Zahlen weiter gestiegen. Dabei ist die Abbrecherquote moderat und liegt mit 27 Prozent im Bachelorstudium, 11 Prozent an Fachhochschulen sogar unter dem Durchschnitt aller Fächer von 35 Prozent, wie eine Befragung von Absolventen des Jahrgangs 2010  durch das Hochschul-Informations-Systems (HIS) ergab.

Nischen für alle, ob Alphatier oder Buchhalter

Audi landete 2013 in einer Umfrage auf Platz eins der beliebtesten Arbeitgeber für angehende deutsche Wirtschaftswissenschaftler. Der Autohersteller ist vom Nachwuchs überzeugt: "Diese Generation ist gut vorbereitet. Sie wissen genau, welche Möglichkeiten sie in der Branche haben", sagt Michael Groß, 42, Leiter des Audi-Personalmarketings.

Etwas anders sieht das Claudia Frieling: "Die meisten BWL-Studenten sind heutzutage nicht auf die Berufswirklichkeit vorbereitet." Für den Bundesverband Deutscher Volks- und Betriebswirte berät Frieling Absolventen und Führungskräfte bei Bewerbungen. Sie sieht die Ansprüche seit der Bologna-Reform auf allen Seiten steigen: "Business-Englisch, Branchen- und Methodenkenntnisse, Soft skills - dafür muss man als junger Mensch schon wirklich Herzblut haben", nichts für Nervenschwache also.

Viel falsch machen könne man mit BWL als Studienfach trotzdem nicht. "Wer einfach nur in Lohn und Brot stehen will und etwas Ehrgeiz hat, der wird auch eine Anstellung finden", so die Karriereplanerin. Vom Alpha-Tier bis zum Buchhalter entdecke hier jeder seine Nische.

Mit einem guten Abschluss lässt sich auch richtig Karriere machen: Eine weitere HIS-Untersuchung   aus dem Jahr 2012 gibt einen guten Einblick in die erfolgreichen Lebenswege vieler Absolventen. Ein Jahrzehnt nach dem Studium sollten Wirtschaftswissenschaftler Bilanz ziehen - und die fällt äußerst positiv aus. Bereits nach fünf Jahren hatten 37 Prozent in einer Position mit mittlerer oder hoher Leitungsfunktion erreicht. Nicht übel, nur 13 Prozent aller Akademiker schaffen es überhaupt auf eine solche Position.

Früh Verantwortung und bloß keine Langeweile

Laut HIS-Absolventenbefragung hat sich das Brutto-Jahresgehalt nach dem ersten Jahrzehnt auf etwa 60.000 Euro eingependelt, etwa das Doppelte eines durchschnittlichen deutschen Arbeitnehmereinkommens. Bei Beratungsfirmen zum Beispiel streichen BWL-Absolventen solche Summen mitunter gleich im ersten Berufsjahr ein.

"Berufseinsteiger wollen vor allem früh Verantwortung, keine Langeweile und die Chance, in einem internationalen Kontext zu arbeiten", so Audi-Mann Groß. Ein reines BWL-Studium reicht für die Top-Karriere heute allerdings nicht aus. Die Konkurrenz ist groß, man muss sich spezialisieren, um sich von den Kommilitonen abzuheben. Betriebswirtin Bianca Frank empfiehlt einen "Mix aus Praktika, Auslandserfahrung und guten Sprachkenntnissen". Michael Groß ergänzt: "60 Prozent unserer Berufsanfänger kennen wir bereits durch Praktika."

Spötter beschreiben das BWL-Studium als gängige Verlegenheitslösung für Abiturienten, die mit ihrer Entscheidungsfreiheit wenig anzufangen wissen. Oder für stromlinienförmige Karrieristen. Denen seien "die Inhalte ihres Jobs relativ egal", so der emeritierte Wirtschaftspsychologe Lutz von Rosenstiel; es gehe stets nur um zweierlei: "erfolgreich sein und Geld machen". Kritiker entdecken in der klassischen Ökonomie-Ausbildung gar "monokulturelle Gehirnwäsche" - wenn formelverliebte Professoren allein in mathematischen Modellen denken, die reale Welt aus dem Blick verlieren, sich um politische und wirtschaftliche Zusammenhänge kaum scheren.

"Letztlich zählt nur die Frage, wofür man morgens aufsteht"

Wer Antworten auf Sinnfragen sucht, wird sie nicht zwingend im Wirtschaftsstudium finden. Und wendet sich womöglich vom Berufsfeld ab, so wie Frank Richter, 36: Den Diplom-Betriebswirt drängte es nicht in eine Führungsposition. Nach dem Uni-Abschluss begann er zunächst ein Praktikum in einer Wirtschaftsprüferkanzlei. Richter kaufte sich ein paar gute Hemden und einen Anzug. Der passte ihm zwar, aber wohl fühlte er sich nicht darin, so wenig wie bei der Analyse von Jahresbilanzen - "besonders glücklich war ich nicht".

Nach einigen Monaten Sinnkrise beschloss Richter, seiner Leidenschaft für Musik zu folgen. Heute fertigt er in seiner eigenen Manufaktur in Berlin  Trommeln für Schlagzeuger an, echte Handarbeit mit speziellen Hölzern. "Ein Wunder, wie aus einem Baumstamm eine Trommel entsteht. Es ist eine Arbeit, die mich erfüllt."

Seine Fähigkeiten aus dem BWL-Studium nützen ihm trotzdem bisweilen. "Immerhin bin ich ein kleines Unternehmen: Rechnungen, Akquise, Website, Einkauf, das mache ich alles selbst. Dabei helfen mir die Skills aus dem Studium", sagt Richter.

Bereut hat er seine Zeit bei den Wirtschaftswissenschaftlern nicht: "Ich habe es ausprobiert, weil ich es nicht besser wusste. Aber letztlich zählt doch nur die Frage, wofür man morgens aufstehen möchte." Vom BWL-Absolventen zum Trommelbauer - verfilmt hat diese Geschichte, genau wie die vom BWL-Studium, noch niemand.

Foto: Frauke Lüpke-Narberhaus

KarriereSPIEGEL-Autor Jonas Leppin (Jahrgang 1983) ist Journalist in Hamburg. Zuvor hat er Politik, Geschichte, Jura studiert und die Henri-Nannen-Journalistenschule absolviert.

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