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10. Januar 2012, 11:39 Uhr

Wetterbeobachter am Flughafen

Einsam an der Landebahn

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Alle 30 Minuten schauen Anke Eckert und Bodo Feyh am Frankfurter Flughafen in den Himmel. Sie sind zwei von 250 Wetterbeobachtern in Deutschland. Warum es sie noch braucht? "Die Maschinen machen noch zu viele Fehler."

Wenn es hupt, setzt Anke Eckert, 51, ihre Sonnenbrille auf. Alle 30 Minuten ist es so weit. Sie zieht Schal und Jacke an, öffnet die Tür, schaut in den Himmel, dreht sich nach allen Seiten, dann geht sie wieder ins Haus, nimmt Sonnenbrille, Schal und Jacke ab und setzt sich an den Schreibtisch. Stratocumulus, Haufenschichtwolke, gibt sie in den Computer ein.

Anke Eckert ist Wetterbeobachterin. Ihr Arbeitsplatz ist ein Häuschen am östlichen Ende des Frankfurter Flughafens, direkt an der Landebahn. Es ist mit roten und weißen Karos bemalt, damit kein Flieger hineinkracht, so wie am 29. April 1959. Damals landete ein amerikanischer Kampfjet auf dem Haus, der Wetterbeobachter kam ums Leben.

Acht Stunden lang sitzt Eckert jeden Tag in der Wetterwarte, allein. Nur die letzten 30 Minuten sind sie zu zweit, dann löst sie einer ihrer elf Kollegen ab. Das Landebahnbeobachterhaus, wie es offiziell heißt, ist 24 Stunden täglich besetzt, an 365 Tagen im Jahr. Eckert und ihre Kollegen dürfen es während der Arbeitszeit nur zum Wolken gucken verlassen. Eine Pause gibt es nicht, gegessen wird am Schreibtisch.

Die Hupe ertönt immer um Viertel vor und um Viertel nach der vollen Stunde, auch nachts. Es ist das Signal, die Computer mit Daten zu füttern: Eingegeben werden müssen Windrichtung und -geschwindigkeit, Temperatur, Luftdruck, Wolkenart und -höhe, horizontale Sichtweite und, je nach Wetter, auch Niederschlagsmenge und -dauer.

Regenmeldung nach Vogelschiss

Die Messgeräte vor dem Häuschen sehen antik aus. Einige sind es auch. Der Niederschlagsmesser geht zurück auf eine Erfindung aus dem Jahr 1661, die blecherne Sammelkanne darunter muss regelmäßig geleert werden. Der Sonnenscheinautograph stammt aus dem 19. Jahrhundert. Er besteht aus einer etwa zehn Zentimeter dicken Glaskugel und einem Papierstreifen mit Zeitmarkierungen. Scheint die Sonne, brennt sie einen Strich in den Streifen. Der muss jeden Abend ausgewechselt werden.

"Wir haben hier auch Hightech-Geräte, aber die konventionellen sind oft zuverlässiger", sagt Bodo Feyh, 54, Chef der Wetterwarte. So soll die Sonne zwischen drei und vier Uhr nachts geschienen haben, behauptete ein topmodernes Sonnenschein-Messinstrument - Fehlanzeige. Und der Kroneis-Niederschlagsdetektor meldete Regen nach einem Vogelschiss.

"Ein wichtiger Teil unseres Jobs ist es, die Geräte zu kontrollieren", so Feyh. Das wichtigste Messinstrument haben die Wetterbeobachter in ihrem Haus: ein Barometer. "Die Piloten stellen ihren Höhenmeter nach dem Luftdruck ein, wenn da die Angaben nicht stimmen, ist das ganz schlecht."

Die Daten von Feyh und seinem Team gehen an den Deutschen Wetterdienst, den Flughafenbetreiber Fraport, die Deutsche Flugsicherung und via Satellit an ein weltweites Wetterinformationssystem. Damit landen sie direkt im Cockpit und auf den Radarschirmen der Fluglotsen.

Seit dem 11. September sind die Regeln strenger

Bei außergewöhnlichen Ereignissen, etwa starkem Regen, setzen die Wetterbeobachter eine "Sonderwettermeldung" ab, gleichzeitig schieben sie eine Diskette in den Computer. "Wenn ein Unfall passiert, kann man so später herausfinden, ob daran das Wetter schuld war", erklärt Feyh. "Zumindest, solange es noch Computer gibt, die unsere Diskette lesen können."

Das Messfeld vor dem Landebahnbeobachterhaus ist technisch auf dem Stand von 1984. Der Deutsche Wetterdienst wollte es längst modernisieren, doch die Tage des Häuschens sind gezählt: Es soll umziehen, ans westliche Ende des Flughafens. Wo es jetzt steht, soll in Zukunft der Airbus A380 enteist werden.

Für Bodo Feyh und Anke Eckert verdoppelt sich damit der Weg vom Terminal zu ihrem Arbeitsplatz. Schon jetzt sind sie bis zu 30 Minuten unterwegs. Beide haben einen Vorfeldführerschein und dürfen mit ihren privaten Autos fahren - und die werden jeden Tag gründlich inspiziert. Vom Kofferraum bis zum Tank. "Vor dem 11. September konnten wir uns selbst das Tor zum Vorfeld aufschließen, da war alles noch nicht so streng", sagt Feyh. Jetzt habe man sogar einem Kollegen vom Zürcher Flughafen den Besuch bei ihnen verwehrt - er hatte seinen Reisepass nicht dabei.

Wetterbeobachter gibt es an fast jedem Flughafen. In einigen Ländern habe man sie erst wegrationalisiert - und dann wieder eingestellt, erzählt Feyh: "Die Geräte machen noch zu viele Fehler." Aber auch in seinem Team soll gespart werden. Derzeit haben immer zwei Wetterbeobachter gleichzeitig Dienst, einer im Wetterhäuschen und einer im Büro im Terminal. Sie beantworten dort am Telefon Fragen, zum Beispiel von einem Mitarbeiter der Royal Jordanian nach dem Wetter auf der Flugroute Frankfurt - Amman. Gleichzeitig dient der Wetterbeobachter im Büro als Ersatzmann für den Kollegen in der Warte. In Zukunft soll das durch eine Rufbereitschaft geregelt werden.

"Jeder Planespotter wäre neidisch"

Feyh hat schon viele Kollegen gehen sehen. Als er 1980 anfing, wurden die Messwerte noch per Lochkarte übertragen und die Wetterkarten von Hand gezeichnet. "Ich war aber schon damals der Erste, der sich freiwillig für diese Mühle gemeldet hat", sagt Feyh und lacht. Neben der Einsamkeit sei der Schichtdienst für viele ein Problem: zwei Tage spät, zwei Tage früh, zwei Tage nachts, zwei Tage frei - das ist der Arbeitsrhythmus der Wetterbeobachter.

250 gibt es in ganz Deutschland. 100 sitzen an Flughäfen, die anderen zum Beispiel auf der Zugspitze, dem Brocken oder auf Helgoland, in Konstanz, Görlitz oder Aachen. Wetterbeobachter sind beim Deutschen Wetterdienst angestellt, die meisten verbeamtet im mittleren Dienst. Bewerber müssen einen Realschulabschluss haben und eine Aufnahmeprüfung bestehen. Die Ausbildung dauert 18 Monate.

Auf der Karriereleiter stehen über dem Wetterbeobachter die Wetterberater und die Meteorologen. Ihre Jobs zählen zum gehobenen und höheren Dienst. Feyh und Eckert würden beide nicht tauschen: "Das ist eine schöne Kombination aus Schreibtischjob und Beobachtung in der Natur - und nicht ganz so einsam wie auf der Zugspitze", sagt Eckert.

Hinter der großen Panoramascheibe ist immer etwas los. Flugzeuge rollen im Minutentakt vorbei, ein Airbus A380 hält direkt vor der Wetterwarte, ein anderer startet. "Jeder Planespotter wäre neidisch", sagt Feyh, "so nah kommt man den Fliegern nirgendwo sonst." In der Wetterwarte ist es erstaunlich still. Das liege an den schrägen Fenstern und der Position des Hauses, sagt Feyh: "Die Flugzeuge fliegen an uns vorbei und nicht über uns drüber, das macht einen großen Unterschied."

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