Vater des Chefs sei ein "Vergewaltiger" Angestellte verbreitet Gerüchte - und bekommt Kündigung

Eine Frau schreibt ihrer Kollegin im Chat, dass der Vater des Geschäftsführers angeblich ein Verbrechen begangen habe. Als der das hört, entlässt er die Angestellte - zu Recht, sagen Stuttgarter Richter.

Unter Kollegen gilt beim Chatten auf WhatsApp Vorsicht - wie ein Urteil aus Stuttgart zeigt (Symbolbild)
imago images/Joko

Unter Kollegen gilt beim Chatten auf WhatsApp Vorsicht - wie ein Urteil aus Stuttgart zeigt (Symbolbild)


Arbeitnehmer sollten beim Chatten mit Kollegen auf WhatsApp vorsichtig sein - vor allem, wenn es um die Verbreitung von Gerüchten geht. Das geht aus einem Urteil hervor, das jetzt vom Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg in Stuttgart veröffentlicht wurde (Az.: 17 Sa 52/18).

In dem Verfahren ging es um eine Frau, die im Februar des vergangenen Jahres in einem Unternehmen als kaufmännische Angestellte eingestellt worden war. Es galt eine Probezeit von sechs Monaten.

Zwei Tage nach der Einstellung erzählte ein flüchtiger Bekannter der Frau an der Bar eines Cafés, dass der ebenfalls in dem Betrieb beschäftigte Vater des Geschäftsführers angeblich ein "verurteilter Vergewaltiger" sein soll. Über das falsche Gerücht informierte die Frau umgehend eine Kollegin - per WhatsApp.

"Für so jemanden werde ich nicht arbeiten"

In dem Chat behauptete die Frau, dass "mehrere Leute" die Verurteilung wegen Vergewaltigung "unabhängig voneinander erzählt" hätten. Deshalb wolle "ganz L. mit ihm nichts mehr zu tun haben", führte sie als Untermauerung der angeblichen Vergewaltigung aus.

Weiter schrieb sie: "…aber ganz EHRLICH für so jemanden werde ich nicht arbeiten. Und DU auch nicht". Außerdem solle der Vater des Chefs früher einen Betrug in der Versicherungsbranche durchgeführt haben, der aber nie angezeigt worden sei.

Doch ganz so vertraulich wie gedacht entwickelte sich der WhatsApp-Chat nicht. Die Kollegin, die über den Messengerdienst von den Gerüchten erfuhr, bat noch am selben Tag den Geschäftsführer mitsamt dem Vater um einen Gesprächstermin, in dem sie die Verurteilung wegen Vergewaltigung thematisierte.

Daraufhin wurde der frisch eingestellten Mitarbeiterin fristlos gekündigt: Sie habe sich nachweisbar wahrheitswidrige Behauptungen zu eigen gemacht und habe sogar versucht, eine Kollegin zur Aufgabe ihrer Arbeitsstelle zu bewegen. Sie habe in dem WhatsApp-Chat nicht nur den Vater des Geschäftsführers erheblich in Misskredit gebracht, sondern auch das Ansehen der Firma geschädigt und den Betriebsfrieden "nachhaltig gestört".

"Erhebliche Ehrverletzung"

In seinem Urteil entschied das Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg, dass die fristlose Kündigung korrekt war:

  • Eine vorherige Abmahnung sei nicht erforderlich gewesen.
  • Die Verbreitung der falschen Behauptung, dass der Vater des Geschäftsführers ein verurteilter Vergewaltiger sei, sei eine strafbare üble Nachrede und stelle eine "erhebliche Ehrverletzung" dar.
  • Von Verbreitung könne bereits gesprochen werden, wenn die ehrenrührige Behauptung in einem vermeintlich vertraulichen Chat weitergegeben wird.
  • Das Recht auf freie Meinungsäußerung greife hier nicht: Zwar dürfe ein Arbeitgeber oder Vorgesetzter durchaus überspitzt kritisiert werden. Dabei müsse aber der "strafrechtlich gewährleistete Ehrenschutz" beachtet werden, so das Gericht.

Die gekündigte Mitarbeiterin könne auch nicht auf ein "berechtigtes Interesse" für ihre Äußerung verweisen, so die Richter in ihrem Urteil - etwa das eigene Wohl und das Wohl einer Kollegin. Denn Äußerungen, "die lediglich der Freude am Klatsch, der Befriedigung menschlicher Neugier und der Erregung von Sensationen" dienten, hätten eben nichts mit der Wahrnehmung berechtigter Interessen zu tun.

nil/jur



insgesamt 61 Beiträge
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marcnu, 15.07.2019
1. Sie wollte vielleicht nur den Job der Kollegin übernehmen.
Daher wollte sie die Kollegin dazu bringen, zu kündigen. Sehr raffiniert.
hektor2 15.07.2019
2. Schlimm
Schlimm genug, dass diese Hetzerin auch noch Gerichte mit ihrer mehr als peinlichen Aktion beschäftigt hat.
hileute 15.07.2019
3. Wenn die Angestellte sich ernsthaft über die Kündigung gewundert hat
kann der wohl keiner mehr helfen.
jupiter_jones 15.07.2019
4. zukunftsweisendes Urteil gerade in Bezug auf Cyberbullying!
In meinen Augen ein angemessenes Urteil. Üble Nachrede ist Mord, zwar nur Rufmord aber es muss von rechtlicher hierzu eine klare Antwort geben. Wieviele Menschen die in den Suizid getrieben wurden oder die wegen ihrer verletzten Ehre in die Armut getrieben wurden, hätte man vor Schaden schützen können, wenn man die Gesetze nur klar zur Anwendung kommen liesse, ergo ich finde man könne (oder man muss) schon noch weiter gehen als die Dame NUR zu kündigen. Auch in Bezug auf den Kampf gegen Cyberbullying ist dieses Urteil verdammt wichtig!
garfield53 15.07.2019
5. mmm
Gerüchte in die Welt setzen, Menschen, insbesondere Politiker und Parteien, welche nicht in das "herrschende Weltbild" passen und Lügen verbreiten, ist doch der Grundinhalt deutscher, europäischer und weltweiter Medien, in der Regel ungestraft, weil sie trotz des anschliessenden "Zusammenbrechens" der meisten "Lügengebäude" immer wieder ihren privaten, gesellschaftlichen und meist politischen Zweck erfüllen. Unsere Medien und viele Menschen in Politik, Medien und Wirtschaft leben davon. Das der "Bürger" diesen Umstand, mit Fake-Verbeitungen seine persönlichen Interessen voran zu treiben und vermeintliche Konkurrenten oder "Gegenern" persönlich, gesellschaftlich und menschlich zu schaden, als völlig "normales" Verhalten zur Durchsetzung seinen Eigeninteressen übernimmt, ist leider Alltag geworden. Polizei und Justiz werden dazu im steigenden Umfang "belästigt". "Schlechtes" Gewissen oder Schamgefühle, bei den meisten Menschen heute leider Fehlanzeige, der mediale Alltag als Vorbild lebt davon und das ist das Schlimmste, auch wirtschaftlich erfolgreich, wie wir Alle täglich Hören, Sehen und Lesen können. Da gehört der konkrete Fall leider schon zur Normalität.
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