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Carmen Michaelis

Tipps von der Karriereberaterin Wie komme ich aus der Teilzeitfalle?

Carmen Michaelis
Ein Gastbeitrag von Carmen Michaelis
Isabell arbeitet sechs Stunden am Tag. Immer wieder setzt das Team aber lange Meetings am Nachmittag an, wenn sie Feierabend hat. Wie findet sie Verständnis für ihre Situation, ohne als kompliziert wahrgenommen zu werden?
Foto: Niels Blaesi / DER SPIEGEL

Isabell, 34 Jahre, fragt: »Ich arbeite in Teilzeit, täglich sechs Stunden bis zum frühen Nachmittag, dann hole ich meine Tochter von der Kita ab. Ich bin flexibel, fange manchmal früher an und arbeite auch noch mal am Abend, wenn es nötig ist. Trotzdem gerät mein Arbeitsmodell an seine Grenzen: Bei uns finden lange Meetings vor allem am Nachmittag statt. Ich will nicht jedes Mal darum bitten, die Termine auf den Vormittag zu verlegen, um nicht als die Extrawunsch-Kollegin zu gelten. Wie kann ich am besten auf das Team und Vorgesetzte zugehen?«

Zur Autorin

Carmen Michaelis war zehn Jahre Führungskraft in einem Unternehmen, zuletzt stellvertretende Geschäftsführerin. Seit 2004 arbeitet sie selbstständig als Coach, Trainerin und Moderatorin für Unternehmen. E-Mail an karriere.leserpost@spiegel.de schreiben   Stichwort Carmen Michaelis 

Liebe Isabell,
das klingt nach einem herausfordernden Alltag, der Ihnen sicher einiges abverlangt. Ihr eigener Anspruch, flexibel zu sein, macht es bestimmt nicht leichter. Lange Meetings am Nachmittag stellen in Ihrer Planung natürlich ein Problem dar. Doch ist die Frage, wessen Problem Sie beschreiben: Ihres oder das der Vorgesetzten und des Teams?

Hier stolpere ich zunächst über Ihre Formulierung »Extrawunsch-Kollegin«. Dieser Begriff mutet so an, als ob Sie unberechtigterweise nicht am Nachmittag zur Verfügung stehen und Sie geradezu eine Belastung darstellen für Ihr Team. Um zu überlegen, wie Sie auf Vorgesetzte und Ihr Team zugehen, möchte ich Ihnen anbieten, zunächst Ihre Situation umzudeuten und eine andere Sichtweise im Hinblick auf Ihre Teilzeitarbeit einzunehmen. So ein Perspektivwechsel nennt sich Reframing, abgeleitet vom englischen »Frame« (Rahmen). Er stellt eine Situation in einen neuen Rahmen. In Ihrem Fall bedeutet es, die Teilzeitsituation und mithin die Nachmittagstermine aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Die neue Bewertung hilft, den Sachverhalt in einem neuen Zusammenhang zu betrachten, um einer Lösung näherzukommen.

Wer die Extrawunsch-Kollegin ist, liegt im Auge des Betrachters. Haben Sie es schon einmal so betrachtet, dass es eine Extrawurst ist, wenn, obwohl ein Mitglied des Teams »nur« bis zum frühen Nachmittag arbeitet, dennoch Termine auf den Nachmittag gelegt werden? Und, wie wäre es, wenn Sie es einmal aus der Distanz und wie folgt betrachten: Unabhängig vom Grund der Teilzeit – ob Kinderbetreuung, eine Weiterbildung, ein Zweitjob oder ein erfüllendes Hobby – haben Sie ein Lebensmodell gewählt, das seine Berechtigung hat. Für das zahlen Sie einen Preis: unter anderem, weniger zu verdienen und eine geringere Rente zu beziehen. Studien haben gezeigt: Teilzeitkräfte arbeiten sehr fokussiert, gönnen sich weniger Pausen und Gespräche mit Kolleg:innen. Sie geben ihr Bestes in verdichteter Zeit. Klingt alles andere als nach einer Belastung, eher nach einer Bereicherung. Dafür hat auch das Team einen Preis zu zahlen, nämlich flexibel auf die Situationen der Teammitglieder zu reagieren und Termine so zu legen, dass sie innerhalb ihrer Arbeitszeit zu realisieren sind.

Können Sie wirklich sichergehen, dass Sie Ihre Arbeitszeiten ausreichend kommuniziert haben und zudem Ihr Kalender am Nachmittag geblockt ist? Kennen Ihre Vorgesetzte und Ihr Team Ihre Arbeitszeiten? Wenn ja, ignorieren diese Sie mit Ihren Rahmenbedingungen. Wenn nicht, sollten Sie die Zeiten deutlich kommunizieren im Meeting und schriftlich per Mail zur Orientierung, wann Sie verfügbar sind. Und: Kommunizieren Sie ebenso Ihre Extraleistung, Ihre Arbeit in der Frühe oder am späten Abend.

Seien und zeigen Sie sich selbstbewusst, wissend, was Sie leisten. Sie haben keine Bittstellerrolle. Machen Sie die Terminfindung zum Thema und zum Problem des Teams, mit einer konstruktiven Fragestellung: »Wie können WIR mit unseren unterschiedlichen Arbeitszeiten es hinbekommen, dass wir Informationen und Abstimmungen und den persönlichen Kontakt bestmöglich organisieren?« So kommen Sie aus der Situation heraus, immer wieder Nein sagen zu müssen oder abzulehnen.

Sollten dennoch Terminanfragen über den elektronischen Kalender oder per Mail zu Zeiten kommen, in denen Sie für Ihr Kind gebucht sind, lehnen Sie kommentarlos ab. Grundsätzlich gilt: Erklären und rechtfertigen Sie sich nicht. Sollten Sie direkt nach einem Nachmittagstermin gefragt oder früher aus einem Meeting müssen, sagen Sie lediglich, dass Sie andere Termine haben. Den Grund müssen Sie nicht nennen. Zudem wirkt es selbstbewusst und verständlicher, wenn Sie sich nicht lange erklären.

Machen Sie in dem Gespräch den Rahmen Ihrer Flexibilität deutlich. Den gilt es natürlich vorher zu klären. Was ist für Sie, Ihre Familie mach- und tragbar? Erarbeiten Sie vor dem Gespräch Vorschläge, die Sie einbringen können. Nutzen Sie dafür die Erfahrung anderer Teilzeitkolleginnen und -kollegen. Fragen Sie gezielt im Freundeskreis oder im Unternehmen.

Hier ein paar erste Ideen:

  • Ist es möglich, eine Betreuung für einen festen Nachmittag, möglicherweise einmal oder zweimal im Monat, zu organisieren und präsent dabei zu sein?

  • Können Sie sich gegebenfalls für eine gewisse Zeit remote oder telefonisch dazuschalten, wenn es Themen gibt, die Sie betreffen?

  • Können Sie sich nach den Meetings, an denen Sie nicht teilnehmen können, ein kurzes Update einer/eines Kollegin/Kollegen abholen? Oder darum bitten, dass ein Protokoll geschrieben wird, wovon das ganze Team profitieren würden?

  • Wäre ein Teamtag, an dem konzentriert und zeitlich verdichtet Themen bearbeitet werden, eine Möglichkeit?

Noch ein Hinweis: Sicher haben Sie einen Rechtsanspruch auf eine Teilzeittätigkeit. Vermeiden Sie dieses Argument dennoch. Es kann schnell unkooperativ und fordernd wirken und behindert eine konstruktive Lösungsfindung. Ebenso vermeiden Sie es, Ihre Teilzeitarbeit als Sondersituation darzustellen. Sie machen sich unnötig klein. Betrachten und kommunizieren Sie es als Selbstverständlichkeit, dass Ihre Arbeitszeiten andere sind als bei den Kolleginnen und Kollegen. Diese machen es ebenso mit ihrer Vollzeitbeschäftigung. Zudem können Sie davon ausgehen, dass auch in Ihrem Team »Sonderlocken« vereinbart sind, etwa zu Urlaubsregelungen, Gehältern etc. Diese Vereinbarungen sind vielleicht weniger offensichtlich.

Und was die Betreuung angeht: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen. Wie groß ist Ihr Dorf? Gibt es ein ausreichendes Netzwerk an Unterstützung oder lohnt es sich, noch einmal zu schauen, ob dieses Dorf vergrößert werden kann, etwa durch Babysitter, Verwandte oder andere Elternteile, mit deren Kindern Ihre Tochter befreundet ist? Machen Sie eine Mütter-Väter-Gruppe und einen Deal: Jede und jeder übernimmt einen Nachmittag lang die Kinder zum Vorteil der Eltern und der Kinder und deren sozialen Kontakte. Nehmen Sie jede Form von Unterstützung an, Sie werden sie sicher zurückgeben.

Ein weiterer Aspekt: Wie bewerten Sie selbst Ihre Mutterrolle? Ein Luxus, den Sie sich ganz persönlich leisten? Eine Rolle, die voller Leichtigkeit und im Spagat mit der Berufsrolle mit links zu bewältigen ist? Oder als eine Herausforderung, die ein hohes Maß an Organisation und Multitasking erfordert und einen Beitrag zur Gesellschaft leistet? Machen Sie sich klar, was Sie alles leisten und worauf Sie stolz sein können. Abhängig von Ihrer eigenen Bewertung erwächst daraus Stärke – oder das Gefühl von Unzulänglichkeit. Ihre eigene Sicht prägt dementsprechend auch Ihren Auftritt, für sich und Ihre Belange selbstbewusst und selbstverständlich einzustehen. Schreiben Sie doch mal für einige Tage auf, was Sie alles leisten. Sie werden bestimmt erstaunt und stolz sein.

Zusätzlich können Sie überlegen, was Sie in diesen Situationen antreibt und negativ beeinflusst. Das können Sätze sein wie zum Beispiel »Ich muss es allen recht machen.« oder »Ich darf andere nicht belasten.« Setzen Sie Ihrer inneren Stimme einen sogenannten Erlauber entgegen. Er gibt Ihnen die Berechtigung, die Vollmacht, so zu leben und zu handeln, wie es für Sie stimmig ist und zu Ihren Bedürfnissen und Notwendigkeiten passt. Wie könnte ein Erlauber für Sie klingen? Etwa: »Ich darf meine Bedürfnisse und Wünsche frei äußern!«

Zu guter Letzt, liebe Isabell: Gönnen Sie sich einen Moment Zeit und überlegen Sie, welchen Extrawunsch SIE sich persönlich gerne erfüllen möchten, um sich für Ihre Leistung als berufstätige Mutter zu belohnen. Viel Spaß dabei!

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