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Impfanreize in Pflegeberufen Erst ein Piks, dann ein Eierlikörchen

Eine Pflegekraft verweigert die Corona-Impfung und wird entlassen – nicht schön, aber nötig, sagt der Chef. Andere Heimleiter begegnen der Impfskepsis mit Kreativität und Prämien.
Hier wird der Chef geimpft: Reiner Triebsch, Pflegedienstleiter der Seniorenresidenz Curanum Germering, bekommt sein Corona-Vakzin

Hier wird der Chef geimpft: Reiner Triebsch, Pflegedienstleiter der Seniorenresidenz Curanum Germering, bekommt sein Corona-Vakzin

Foto: Pool / Getty Images

Die Meldung las sich erschreckend: Ein Pflegedienst in Dessau soll sieben Mitarbeiter entlassen haben, weil sie sich nicht gegen Corona impfen lassen wollten. Drei Tage Bedenkzeit hätte ihnen der Chef gelassen, als sie dann noch immer nicht wollten, hätten sie umgehend die Kündigung bekommen.

Auch wer die Impfung für sinnvoll hält, kommt bei so einer Schlagzeile ins Grübeln: Darf man so mit Mitarbeitern umgehen? Auch wenn sie in einem Beruf arbeiten, in dem die Impfung tatsächlich eine große Rolle spielt: Müssen sie nicht selbst über ihren Körper bestimmen? Andererseits: Jede Infektion, die dorthin getragen wird, wo alte und kranke Menschen leben, kann sich leicht zum Hotspot auswachsen. Ein Großteil der deutschen Corona-Toten lebte in Altenheimen. Pflegerinnen und Pfleger haben nicht irgendeinen beliebigen Job.

Über ihre Impfbereitschaft ist deshalb viel geschrieben worden. Nur rund die Hälfte wolle sich immunisieren lassen, so eine Studie kurz vorm Jahreswechsel – die aber nicht repräsentativ war. Bayerns Ministerpräsident sah gleich die Gelegenheit, sich als harter Macher zu inszenieren, und brachte eine Impfpflicht für Gesundheitsberufe ins Gespräch.

In dieses Bild passen Geschichten wie der Fall in Dessau. Oder auch, wenngleich ganz anders, die von der BeneVit-Gruppe mit Sitz in der Nähe von Tübingen, die in fünf Bundesländern Pflegeeinrichtungen betreibt, mit insgesamt 2000 Mitarbeitern.

Ein bisschen Leichtigkeit in die Debatte bringen

Der Chef von BeneVit, Kaspar Pfister, versprach jedem Mitarbeiter, der sich impfen lässt, eine Flasche Eierlikör. Ist das sein Ernst? »Die Idee kam uns bei den regelmäßigen Corona-Tests, die wir mit unseren Heimbewohnern machen«, erzählt er. Der Abstrich im Rachen ist recht schmerzhaft. »In einigen Einrichtungen gibt es deshalb für jeden Bewohner, der möchte, anschließend ein Stamperl mit Eierlikör.«

So entstand der Impfbonus zwar mehr aus einer Laune, wird aber ernsthaft durchgezogen: Jeder Impfling bekommt nun eine Flasche, wenn er möchte. »Niemand, der aus Überzeugung gegen die Impfung ist, wird deshalb seine Meinung ändern, aber wir wollten erreichen, das in den Einrichtungen über das Thema diskutiert wird und wieder ein bisschen Leichtigkeit in die Debatte kommt«, sagt Pfister. Es gehe in den Gesprächen ja nicht lange um den Likör, sondern dann ganz bald um die wichtigen Fragen: Ist die Impfung sinnvoll, gibt es Risiken?

Im November hatte er in den Belegschaften die Impfbereitschaft abgefragt, und kam auf einen Wert von rund 30 Prozent – aus seiner Sicht vor allem, weil sich viele schlecht informiert fühlten über den neuen Impfstoff. »Deshalb haben wir viele Informationsveranstaltungen angeboten und wollten sicherstellen, dass sich viele Mitarbeiter damit auseinandersetzen.« Die Entscheidung fürs Impfen, so wichtig er sie finde, könne jeder nur freiwillig treffen, und dazu müsse man gut informiert sein.

Auch einen Teamanreiz hat sich Pfister ausgedacht: Sobald sich mindestens 60 Prozent an einem Standort impfen lassen, lässt er 1000 Euro springen, die die Mitarbeiter in einen Betriebsausflug oder ein -fest stecken dürfen, wenn der Shutdown vorüber ist. Es hätten sich schon mehrere Standorte bei ihm gemeldet, die die Quote geknackt haben, sagt Pfister: »Ich bin zuversichtlich, dass wir in ein paar Wochen bei einer Impfquote über 50 Prozent liegen werden.«

Mitarbeiter aus der Branche beobachten, dass es Skepsis vor allem am Anfang gegeben hätte. »Viele wollten nicht so gern Versuchskaninchen sein«, sagt Wieland Rose, 35, der im thüringischen Altenburg bei einem ambulanten Pflegedienst der Arbeiterwohlfahrt arbeitet. »Doch nachdem ja immer mehr Menschen völlig problemlos geimpft wurden, verlieren viele Kolleginnen und Kollegen ihre anfängliche Unsicherheit.«

Man dürfe nicht vergessen: Nur, weil Pfleger im medizinischen Sektor arbeiten, seien sie nicht weniger verunsichert durch die Situation als andere. Wenn dann von Impfpflicht gesprochen werde und »Außenstehende über unseren Körper verfügen wollen«, dann löse das bei manchen auch »Trotzreaktionen« aus, so Rose. »Glücklicherweise setzt sich aber inzwischen bei den meisten die Erkenntnis durch, dass die Impfung sinnvoll und sicher ist«, sagt er.

Das ist auch die Einschätzung von Carmen Tranzfeld, die das Seniorenheim St. Franziskus im nordrhein-westfälischen Würselen leitet. »Wir hatten von Anfang an eine große Zustimmung in der Belegschaft, inzwischen sind rund 90 Prozent geimpft.« Eine Handvoll Mitarbeiter wollte nicht, darunter einer, der aufgrund seiner Krankheitsgeschichte Angst vor einer allergischen Reaktion hat. Sie wolle da aber keinen Druck ausüben, sagt Tranzfeld, das findet sie »herabwürdigend«.

Ihr Kollege Heribert Frieling, Sprecher beim Betreiberkonzern Marienhaus, sieht darin auch kein großes Problem: »Wir haben ja schon jetzt vielfältige Sicherheitsmaßnahmen, mit denen wir die Arbeit in der Zeit vor der Impfung ermöglicht haben. Die gelten natürlich weiterhin für alle und erst recht für die Kollegen, die nicht bei der Impfung mitmachen.«

Eine Pflegekraft, die an den Bill-Gates-Chip glaubt?

Bei dem Pflegedienst in Dessau, der nun sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen hat, sieht man das kritischer. Rene Willmer, Mitglied in der Geschäftsführung, sagt: »Wie kann ich denn unter den Bedingungen dieser Pandemie, erst recht mit den ansteckenderen Mutationen des Covid-Virus, die Sicherheit von Patienten und Personal sicherstellen, wenn sich einzelne nicht impfen lassen wollen?«

So krass, wie es teilweise dargestellt wurde, sei der Rauswurf allerdings nicht abgelaufen. Die gesamte Belegschaft sei im November informiert worden, als die Stadt Dessau aus organisatorischen Gründen abfragte, wie viele Senioren und Pflegepersonen in den verschiedenen Einrichtungen der Stadt bereit zur Impfung seien. Mehrfach habe er seine Mitarbeiter informiert, zuletzt habe es in der vorigen Woche eine Informationsveranstaltung gegeben, bei der eine Hausärztin für eine Fragerunde zur Verfügung stand.

Bei dieser Veranstaltung hätte eine Mitarbeiterin, die noch in der Probezeit gewesen sei, ernsthaft die Verschwörungserzählung verbreitet, dass mit der Corona-Impfung ein Mikrochip verabreicht werde, der Menschen kontrollierbar mache. »Bei so einem Blödsinn frage ich mich: Was soll ich mit so einer Mitarbeiterin in einem medizinischen Beruf anfangen?«

Auch die meisten anderen seien in der Probezeit gewesen und damit kurzfristig kündbar; zwei bereits länger Beschäftigte seien fristgerecht gekündigt worden. »Die Impffrage war da nur ein Problem von mehreren«, sagt Willmer. Eine Schwester hätte sich etwa den regelmäßigen Schnelltests verweigert. »Da ist aus meiner Sicht eine vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht möglich.« Die Kündigung sei er den übrigen 24 Kolleginnen und Kollegen schuldig gewesen.

Juristen gehen in so einem Fall davon aus, dass der Arbeitgeber den Impfverweigerern zunächst eine Beschäftigung anbieten muss, bei der es auch ohne Impfschutz kein großes Risiko gebe. Willmer sagt: »So eine Stelle haben wir hier aber gar nicht.«

Auch Heribert Frieling von Marienhaus findet das problematisch – wenn auch aus einem ganz anderen Grund: »Ich kann Impfverweigerer doch nicht damit belohnen, dass ich sie dort einsetze, wo das Covid-Risiko geringer ist.«