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Job & Karriere

Bernd Slaghuis

Tipps vom Karrierecoach Muss ich Experte für irgendwas werden, um richtig Karriere zu machen?

Bernd Slaghuis
Ein Gastbeitrag von Bernd Slaghuis
Kai kann irgendwie alles, wechselt häufig Job und Aufgabe. Hätte er mit Spezialisierung Aussicht auf mehr Gehalt und bessere Chancen?
Im Handwerk wie in anderen Berufen ist Spezialisierung gefragt – aber ohne Generalisten geht auch nichts

Im Handwerk wie in anderen Berufen ist Spezialisierung gefragt – aber ohne Generalisten geht auch nichts

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Guido Mieth / Getty Images

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Kai, 45, fragt: »Ich bin schon viele Jahre im Beruf und habe in verschiedenen Branchen und Positionen gearbeitet. Mit meiner Karriere bin ich zufrieden, doch bei jedem Jobwechsel habe ich das Gefühl, dass ich im Vergleich zu Bewerbern mit speziellem Fachwissen nichts so richtig gut kann. Sollte ich mich auf ein Thema spezialisieren?«

Zum Autor

Bernd Slaghuis ist Karrierecoach und hat seit 2011 in seinem Kölner Büro  mehr als tausend Angestellte und Führungskräfte bei ihren nächsten Schritten im Beruf begleitet. Er betreibt den Karriere-Blog »Perspektivwechsel«  und ist Autor des Buchs »Besser arbeiten«. Haben Sie eine Frage an den Coach? Dann schreiben Sie eine E-Mail an karriere.leserpost@spiegel.de – Stichwort Bernd Slaghuis 

Lieber Kai,

mit diesem Gefühl sind Sie in guter Gesellschaft. Im Coaching sitzen mir in 90 Prozent aller Fälle Generalisten wie Sie gegenüber. Weil sie derart breit interessiert nicht wissen, welche Jobs wie für sie gemacht sind und bei der Jobsuche den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Und weil der zu bunte rote Faden ihrer Lebensläufe für Personaler schwer erkennbar ist.

Alle Generalisten plagt das dumpfe Gefühl, niemals genug zu wissen und im Vergleich mit ihren Spezialisten-Kollegen unwissend hintanzustehen. Sie bekommen es in ihren Jobs zu spüren, wenn sie zu Fachthemen nicht gefragt werden und lieber das nächste Team-Event organisieren sollen. Wenn der Fachexperte zur Führungskraft befördert wird oder der Spezialist mit geradlinigem Lebenslauf das Rennen um den neuen Job gewinnt.

Tausendsassa zu sein ist auch eine Stärke

Vielen Alles-und-nichts-richtig-Könnern fällt es schwer, die eigenen Stärken wertzuschätzen. Dabei sprühen sie als Generalisten nur so vor Stärken! Sie können sich schnell auf neue Anforderungen einstellen, sie sind Alltags-Wupper und Bälle-in-der-Luft-Halter. Es fällt ihnen leicht, konzeptionell zu denken und neugierig über Tellerränder hinauszublicken. Es macht ihnen Freude, neue Perspektiven ins Gespräch zu bringen und Menschen miteinander zu verbinden. Sie sind Moderatoren, Gestalter und kreative Ideengeber.

Während Spezialisten über ausgeprägte Stärken einer Richtung, etwa als kreativer Erfinder oder exakter Prüfer verfügen, vereinen Generalisten viele Stärken unterschiedlicher Richtungen als Denker, Kommunikator, Organisator und Steuerer – von allem etwas.

Spezialisten suchen Stellen, Generalisten finden Arbeitgeber

Wenn ich mit Jobwechslern über passende Zielpositionen spreche, dann gilt bei allen Generalisten, dass es nicht diesen einen Job gibt, der über Erfolg und Zufriedenheit im Beruf entscheidet, sondern vielmehr das zu ihrer Persönlichkeit und ihren Stärken passende Arbeitsumfeld zählt.

Sie benötigen ein hohes Maß an Freiheit mit Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum. Sie möchten mit Vertrauen geführt werden und wünschen sich mehr den Sparringspartner als den kontrollierenden Chef. Ein starkes Team ist ihnen wichtig, das gemeinsam an einem Strang zieht. Eine Unternehmenskultur, in der echte Macher nicht nur geduldet, sondern Wandel explizit gewünscht ist.

Ich empfehle daher allen Generalisten, statt stumpf nach Stellen in Jobbörsen zu suchen, gezielt solche Arbeitgeber zu finden, deren Branche oder Produkte sie interessieren und die ihnen das zu ihrer Persönlichkeit passende Arbeitsumfeld bieten – und erst dort nach Positionen zu schauen, die zu ihrer Ausbildung und dem Erfahrungswissen der letzten Jahre passen.

Wer sich als Generalist akzeptiert, kommt im Job an

Es ist Ihre eigene innere Haltung, die darüber entscheidet, wie erfolgreich Sie im Beruf und in der Rolle als Jobwechsler sind. Glauben Sie weiterhin daran, dass Sie als Alles-und-nichts-richtig-Könner schwach sind, oder erlauben Sie sich, stolz auf Ihre Vielseitigkeit und Flexibilität als Generalist zu sein?

Wir werden in unserer Arbeitswelt zukünftig mehr Generalisten als Spezialisten benötigen. Es wird immer stärker darauf ankommen, sich als Mensch in einer Organisation flexibel auf neue Themenfelder sowie auch unterschiedliche Teamsituationen einstellen zu können. Zusammenarbeit in Projekten, agiles Arbeiten sowie auch der temporäre Wechsel zwischen Führungs-, Projekt- und Expertenrolle werden zunehmen. Generalisten fällt diese Flexibilität leicht, sie lieben die Abwechslung, und so macht es ihnen Freude, sich neu in Themen einzuarbeiten.

Es wäre dumm, sich den Generalisten in Ihnen zu verbieten und als Spezialist zu verbiegen. Finden Sie Arbeitgeber, bei denen Sie vielseitig erfahren und breit aufgestellt wertvoll sind. Machen Sie sich mit Ihren echten Stärken richtig greifbar, denn als Generalist haben Sie so viel mehr zu bieten als nur das Fachwissen eines Spezialisten.

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