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Schikane am Arbeitsplatz Wie Sie Ihren Chef verklagen

Was tun, wenn der Vorgesetzte einem Mitarbeiter den Job zur Hölle macht? Ständige Beleidigungen und Schikanen muss niemand ohnmächtig hinnehmen. Es gibt Auswege aus dem Dilemma: Mit Strategien von der Anti-Mobbing-Allianz bis zur Klage können Sie sich wehren.
Foto: Corbis

Es gibt Vorgesetzte, die klopfen nicht nur Sprüche - sie belästigen, beleidigen oder mobben ihre Mitarbeiter. Manche hören auch dann nicht damit auf, wenn sie der Angestellte darauf anspricht.

Für den Betroffenen ist das mehrfach schlimm. Der psychische Druck ist enorm, Arbeit und Selbstwertgefühl leiden. Und die Frechheiten, Demütigungen, Drohungen des Chefs führen nicht selten dazu, dass der Mitarbeiter in der Abteilung isoliert wird, weil andere nicht mit in die Schusslinie geraten wollen.

Die Betroffenen selbst wagen oft nicht, etwas gegen die Attacken des Chefs zu unternehmen. "Viele fühlen sich ohnmächtig", sagt der Arbeitsrechtler Stefan Nägele, der zahlreiche Publikationen zu Kündigungs- und Arbeitsschutzrecht verfasst hat. Das Problem erscheine ihnen zu groß, um es anzugehen. "Das ist fast noch gemeiner als das Schikanieren selbst."

Dabei gibt es Mittel und Wege sich zu wehren. Die folgende Schritt-für-Schritt-Anleitung zeigt Ihnen Strategien, mit denen Sie sich gegen den Vorgesetzten wehren können - und wie Sie den Konflikt kontrolliert eskalieren.

Planspiele gegen den Chef

Beachten Sie: Wenn Sie gegen Ihren Chef vorgehen, setzen Sie ihn massiv unter Druck. Wenn Sie Glück haben, realisiert er, dass es Ihnen ernst ist und lässt von Ihnen ab. Es kann aber auch sein, dass er Ihnen das Leben nur noch mehr zur Hölle macht. Spätestens bei einer rechtlichen Auseinandersetzung droht häufig der Verlust der Stelle - selbst dann, wenn der Arbeitnehmer in der Sache Recht bekommt.

Im Zweifel ist eine gesunde Psyche sicher wichtiger als eine Stelle. Trotzdem: Bis zu welcher Eskalationsstufe Sie letztlich gehen wollen, ist Ihre Entscheidung. In diesem Text jedenfalls können Sie all Ihre Optionen einmal durchspielen.

Die Tipps sind ein Auszug aus dem SPIEGEL-ONLINE-Buch "Wer lacht, hat noch Reserven. Die schönsten Chef-Weisheiten" . Darin finden Sie neben skurrilen, lustigen und bösartigen Sprüchen der Bosse auch eine Reihe von Hinweisen, wie Sie schlagfertig mit Ihrem Vorgesetzten umgehen und was Sie tun, wenn er die Grenzen des guten Umgangs allzu stark überschreitet. Zu dem Buch gibt es auch eine Facebook-Gruppe mit Anregungen und Artikeln zum Thema .

So munitionieren Sie sich

  • Führen Sie Protokoll

Jedes Mal, wenn Ihr Chef Sie belästigt, beleidigt oder mobbt: Notieren Sie Datum, Uhrzeit, Gesprächskontext, den ungefähren Wortlaut und - sofern vorhanden - Zeugen. Sammeln Sie belastendes Material wie Faxe, Papiere oder E-Mails. Verstauen Sie das Protokoll und die Belege stets an einem sicheren Ort. Schließlich wollen Sie nicht, dass Ihr Material in falsche Hände gerät.

  • Vermeiden Sie selbst dumme Sprüche

Auch wenn es Ihnen schwerfällt: Begeben Sie sich auf keinen Fall auf das Niveau Ihres Chefs. Erstens sitzt er am längeren Hebel. Zweitens rechtfertigt eine Beleidigung nie eine Beleidigung. Drittens kann Ihnen bei möglichen Beschwerden gegen Ihren Chef vorgehalten werden, dass Sie sich auch nicht besser verhalten.

  • Holen Sie sich frühzeitig rechtlichen Rat

Wenn Sie schriftlich gegen Ihren Chef vorgehen, sollten Sie sich von einem Anwalt beraten lassen. Aber Vorsicht! "Es gibt viele Anwälte, die arbeitsrechtliche Fälle übernehmen, obwohl sie mit dem Arbeitsrecht wenig vertraut sind", sagt Arbeitsrechtler Nägele. Prüfen Sie also stets genau die Vita Ihres Rechtsvertreters: Wie viele Jahre Erfahrung hat er mit Arbeitsrecht? Wer empfiehlt die Kanzlei?

Ein guter Ausgangspunkt für Ihre Anwaltssuche ist das Juve-Handbuch . Darin listet der gleichnamige Fachverlag Porträts der renommiertesten deutschen Kanzleien auf. Vielleicht verfügt Ihre Bibliothek über ein Exemplar.

Alternativ können Sie sich an die Anwaltskammer in Ihrer Region wenden, die verpflichtet ist, Ihnen Fachanwälte für Arbeit zu empfehlen. Deren Vita sollten Sie dann zwar noch einmal selbst überprüfen. Sie können aber immerhin sicher sein, dass Ihnen Fachleuten genannt werden, die sich eingehend mit dem Thema Arbeitsrecht beschäftigt haben.

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Analyse von Mobbingfällen: Experten zeigen Fehler auf

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  • Schmieden Sie eine Anti-Mobbing-Allianz

Bevor Sie den offiziellen Weg gehen, sollten Sie zunächst Ihr Umfeld genau beobachten. Gibt es noch andere Kollegen, die Ihr Chef immer wieder quält? Gibt es Kollegen, die versuchen, Sie in Schutz zu nehmen, wenn Ihr Chef es mal wieder auf Sie abgesehen hat?

Versuchen Sie, sich mit anderen Menschen zusammenzutun. Wenn Ihr Chef Sie und andere zum Beispiel immer wieder im Meeting quält, können Sie unter Kollegen Ihres Vertrauens eine Art Verteidigungspakt anregen - sich also gegenseitig zu schützen, wenn einer von Ihnen in die Mangel genommen wird. Sie können andere auch bitten, die Quälereien Ihres Chefs zu bezeugen, sofern Sie sich zu einer offiziellen Beschwerde durchringen.

Beschwerde über Vorgesetzte: So greifen Sie mit Bedacht an

  • Sprechen Sie mit der Personalabteilung

In vielen Fällen ist es ratsam, dass Sie Ihre Beschwerde zunächst an die Personalabteilung herantragen. In einem vertraulichen Gespräch können Sie dort die Probleme, die Sie mit Ihrem Vorgesetzten haben, erläutern und sich beraten lassen, was Sie gegen die Attacken unternehmen können.

Auf Ihren Wunsch hin kann der Personaler Ihren Chef auch direkt mit dem Problem konfrontieren. Das ist allerdings meist nur sinnvoll, wenn er dabei auch Ihren Namen und den konkreten Vorfall ansprechen darf. "Es ist nicht zielführend, anonymisierte, unkonkrete Vorwürfe an den Chef heranzutragen", sagt eine ehemalige Leiterin einer Personalabteilung. "Damit wird das Problem nicht gelöst, und der Chef fühlt sich - zu Recht - hintergangen, da er zu den Vorwürfen nicht seine Sicht der Dinge schildern kann."

Für eine solche Konfrontation spricht, dass der Personaler meist weit wirksamer und diplomatischer mit dem Chef verhandeln kann als der Mitarbeiter selbst. Er kennt den Chef oft besser und ist selbst in einer hierarchisch gehobenen Position. "Ein solches Gespräch kann dazu führen, dass die Attacken gegen den Mitarbeiter aufhören", sagt die Ex-Personalerin.

Seien Sie aber auf der Hut: Bevor Sie sich bei der Personalabteilung beschweren, sollten Sie versuchen, so viel wie möglich über die dort arbeitenden Menschen herauszufinden. "Es kommt zwar nicht oft vor, aber es gibt Unternehmen, in denen der Chef und der Personaler ein sehr enges Verhältnis pflegen", so die frühere Personalerin. "In diesem Fall ist es für den Mitarbeiter möglicherweise riskant, sich an die Personalabteilung zu wenden - da die Gefahr besteht, dass der Personaler beim Chef petzt."

  • Sprechen Sie mit dem Betriebsrat

Neben dem Gang zur Personalabteilung ist - sofern vorhanden - auch eine Beschwerde beim Betriebsrat möglich. Das Problem bleibt so zunächst vertraulich. Der Betriebsrat kann entsprechende Beschwerden zudem sammeln; es ist schließlich gut möglich, dass Ihr Chef nicht nur Sie quält, sondern auch manche Ihrer Kollegen - und dass diese sich ebenfalls schon an den Betriebsrat gewandt haben.

Damit der Betriebsrat Ihnen helfen kann, müssen Sie den Konflikt mit Ihrem Chef möglichst genau beschreiben: Geben Sie konkrete Beispiele. Legen Sie Ihr Protokoll vor. Benennen Sie möglichst Zeugen, die vertraulich befragt werden können.

Der Betriebsrat wird den Chef nun mit der Beschwerde konfrontieren. "In einigen Fällen reicht eine solche Ermahnung schon, um den Konflikt zu entspannen", sagt Arbeitsrechtler Nägele. Sei dies nicht der Fall, könne der Betriebsrat den Geschäftsführer des Unternehmens einschalten - mit der Bitte, dem Problem-Chef ins Gewissen zu reden.

  • Beschweren Sie sich bei der Unternehmensleitung

Sollten sich die Bemühungen der Personalabteilung und des Betriebsrats als fruchtlos erweisen, können Sie sich als nächstes persönlich an die Firmenleitung wenden. Am besten, indem Sie einen Beschwerdebrief an den Geschäftsführer schreiben. Wenn Sie in einem größeren Unternehmen arbeiten, können Sie sich auch an das Sekretariat des Personalvorstands wenden.

Der Brief muss das Fehlverhalten Ihres Vorgesetzten konkret beschreiben und möglichst gut belegen. Bevor Sie die Beschwerde abschicken, sollte ein Arbeitsrechtler sie gegenlesen.

Ist der Brief versendet, sollte bald etwas passieren. "Der Arbeitgeber ist verpflichtet, seine Führungskräfte so zu leiten, dass sie Mitarbeiter nicht belästigen oder beleidigen", sagt Nägele. "Verstößt ein Chef gegen diese Pflicht, kann die Unternehmensleitung ihn ermahnen, abmahnen und im Extremfall feuern."

Doch Obacht: Sichern Sie sich ab, ehe Sie sich an die Unternehmensleitung wenden. Welche Personen in der Unternehmensleitung gilt es zu meiden, weil Sie mit Ihrem Chef eng verbündet sind? Von welchen Managern ist Hilfe zu erwarten? Ihren Brief schicken Sie an eine aus Ihrer Sicht besonders vertrauenswürdige Person.

Mobbing: So kämpfen Sie vor Gericht

Wenn alle Versuche fehlschlagen, das Problem innerbetrieblich zu lösen, können Sie sich externe Hilfe holen. Machen Sie sich allerdings bewusst, dass Sie nun wirklich ganz schwere Geschütze auffahren und sich entsprechend noch besser vorbereiten müssen. Gehen Sie Ihre Situation noch einmal genau durch: Haben Sie genügend Zeugen und Belege, die Ihre Anschuldigungen stützen? Haben Sie einen Rechtsvertreter mit vertrauenswürdiger Vita?

Können Sie alle Fragen mit Ja beantworten, ist jetzt der Zeitpunkt, dem Geschäftsführer Ihres Unternehmens und dem Vorgesetzten, der Sie quält, eine Unterlassungsklage zuzusenden. Dafür übergeben Sie Ihrem Anwalt alle Belege und Dokumente und sagen ihm, was Ihr Vorgesetzter künftig unterlassen soll. Ihr Rechtsvertreter stellt eine entsprechende Klage aus und sendet sie an das zuständige Arbeitsgericht in Ihrer Region.

Dieses beraumt zunächst einen sogenannten Gütetermin an: eine Verhandlung mit dem Ziel einer Einigung. Der Arbeitgeber kann sich verpflichten, der Unterlassungsforderung nachzukommen. In diesem Fall entstehen keine Gerichtskosten. Die Anwaltskosten trägt ohnehin jede Partei selbst.

Bei einer Verurteilung drohen dem Chef ernste Konsequenzen

Ist eine gütliche Einigung nicht möglich, macht das Gericht einen zweiten Termin und stellt am Ende der Verhandlung ein Urteil aus. Dafür sind unter anderem folgende Fragen ausschlaggebend: Ist der Mitarbeiter überempfindlich oder die Arbeitsatmosphäre tatsächlich unerträglich? Wie groß ist die Gefahr, dass sich das in der Unterlassungsklage erwähnte Problem wiederholt?

Stromberg-Quiz

Gibt das Gericht dem Angestellten recht, ist der Vorgesetzte verpflichtet, sein belastendes Verhalten abzustellen. Verstößt er gegen diese Auflage, zahlt er bis zu 25.000 Euro Strafe. Das Geld bekommt nicht der Angestellte, sondern der Staat.

Bei extremen Formen von Belästigung und Beleidigung können Sie noch drastischere Mittel ergreifen. "Wenn Sie Ihr Chef vor großem Publikum mit besonders schlimmen sexistischen oder rassistischen Sprüchen quält, ist möglicherweise eine Strafanzeige angemessen", sagt Arbeitsrechtler Nägele.

In diesem Fall befasst sich die Staatsanwaltschaft mit Ihrem Problem, und Sie müssen all Ihre Anschuldigungen akribisch belegen. Bei einer Verurteilung drohen Ihrem Chef äußerst ernste Konsequenzen: Möglich sind eine Geldstrafe in Höhe von bis zu einem Jahresgehalt, ein Vorstrafen-Eintrag im Zentralregister und theoretisch auch eine Gefängnisstrafe von bis zu einem Jahr. "Letztere ist allerdings extrem unwahrscheinlich", sagt Nägele.

Kündigung Mobbing: Wann sie sich lohnt

Es klingt vielleicht banal, da aber viele Betroffene diesen Schritt zu spät oder gar nicht erwägen, sei er hier noch einmal ausdrücklich erwähnt: Wenn Sie bereits eine Strafanzeige oder eine Unterlassungsklage erwägen, ist das Verhältnis zu Ihrem Arbeitgeber vermutlich schwer oder gar irreparabel belastet.

Sie sollten dann genau abwägen, ob Sie sich den Rechtsstreit mit dem Arbeitgeber wirklich noch antun - oder lieber gleich kündigen.

"Es ist äußerst ungesund, sich über längere Zeit einem hohem sozialen Stress auszusetzen", sagt Arbeitspsychologe Dieter Zapf, Leiter der Abteilung Arbeits- und Organisationspsychologie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. "Sollten Sie es im Job partout nicht aushalten, gehen Sie lieber sofort."

Auch Nägele empfiehlt, diese Option zu erwägen. "Aus taktischen Gründen empfiehlt es sich zwar, rechtliche Maßnahmen zu ergreifen - und den Arbeitgeber dazu zu zwingen, Ihnen zu kündigen, in der Erwartung, eine Abfindung verhandeln zu können", sagt der Arbeitsrechtler. "Sie sollten aber genau überlegen, ob die möglicherweise monatelange Qual das Geld wirklich wert ist."

Wenn Sie Ihre Anschuldigungen hieb- und stichfest belegen können, Ihre Gewinnchancen vor Gericht also hoch sind, gibt es ohnehin noch eine andere Möglichkeit, sagt Nägele: "Sie können fristlos kündigen und von Ihrem Arbeitgeber für den Gehaltsausfall für eine Übergangszeit Schadenersatz verlangen."

Zum Autor

KarriereSPIEGEL-Autor Stefan Schultz ist Redakteur im Wirtschaftsressort von SPIEGEL ONLINE. Frisch erschienen ist sein Buch "Wer lacht, hat noch Reserven".AMAZON Shop-Link: Stefan Schultz "Wer lacht hat noch Reserven" 

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