Kreative Tüftler Geistesblitz, schlag ein!

Ein Planschbecken brachte Hartmut Wibbeler den Durchbruch, Andrea Urban hat die besten Einfälle oft im Auto. Wer Technik entwickelt, gilt als dröge, dabei müssen die Ideen nur so sprühen. Drei Entwickler erzählen, was sie inspiriert.


Für eine bahnbrechende Erfindung braucht es heute in der Regel nicht einen Geistesblitz, sondern viele. Smartphones, bessere Solarzellen, neue Autos - das sind so komplexe Dinge, dass sich nicht ein einsames Genie so was nachts ausdenkt und am nächsten Tag mit dem Basteln beginnt.

Das heißt nicht, dass Kreativität unwichtiger wird. Je kleinteiliger ein Produkt, desto mehr Ideen braucht es, um jedes einzelne Teil zu optimieren. Viele davon sind für Laien unscheinbar, haben aber einen gewaltigen Einfluss auf unser Leben.

Die Arbeit der schwäbischen Prozessingenieurin Andrea Urban ist so ein Beispiel. Urban entwickelte zusammen mit einem Kollegen Anfang der neunziger Jahre ein neues Verfahren zum Ätzen von Silizium. Eine bahnbrechende Entdeckung: Viele Mikrosensoren wurden damit erst bezahlbar. Die Chips lösen zum Beispiel Airbags aus oder sorgen dafür, dass Autos bei schnellen Ausweichmanövern nicht einfach umkippen. Urban forscht weiter, entwickelt unter anderem Mikrosensoren für Smartphones. Um die 80 Patente habe sie in den letzten Jahren angemeldet, sagt sie.

Doch die nötigen Aha-Momente kann man nicht bestellen. Wie sorgen Entwickler aller Disziplinen dafür, dass ihnen ein Licht aufgeht? KarriereSPIEGEL hat drei Tüftler gefragt.

  • Adrian Jung, Chemiker, 38, hat eine Mischung über Nacht stehen lassen - und so einen Ampel-Klebstoff entwickelt

Adrian Jung arbeitet im Specialist Product Development von 3M in Neuss
3M

Adrian Jung arbeitet im Specialist Product Development von 3M in Neuss

"Oft sind es die 'Fehlreaktionen', die zu den besten Erfindungen führen - so ist auch die Idee für unseren Ampel-Klebstoff entstanden, der sich mit zunehmender Härte verfärbt. Anfangs sind die Komponenten des Klebstoffs rot und weiß, fertig gemischt werden sie gelb und in ausgehärtetem Zustand grün. So kann man in der Industrie leicht verhindern, dass verklebte Teile zu früh belastet werden.

Auf die Idee bin ich beim Experimentieren mit Farbstoffen gekommen. Gerade hatte ich eine Mischung im Labor eingefärbt, da war die Farbe plötzlich wieder weg. Ich ließ den Stoff trotzdem über Nacht stehen, und zu meiner Überraschung war die Probe am nächsten Tag wieder eingefärbt. Da wurde mir schnell klar, dass ich einen Indikator für die Aushärtung eines Klebstoffs entdeckt hatte.

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Zufallserfindungen: Huch, das hatte ich jetzt nicht geplant
Als Produktentwickler für Klebstoffe sind meine Aufgaben oft klar vorgegeben. Generell gilt bei uns in der Forschung und Entwicklung aber die Regel, dass ich 15 Prozent meiner Arbeitszeit verwenden kann, um eigene Ideen zu verfolgen. Meist verbringe ich diese Zeit im Labor und experimentiere, kombiniere mit einem Mischer Stoffe wie in einer Küche beim Backen. Man muss manche Dinge in der Hand gehalten haben, um ihre Bedeutung zu verstehen. Sobald etwas Brauchbares bei den Versuchen entsteht, stelle ich die Idee den Kollegen vor. Auf den Feierabend achte ich in solchen Momenten nicht so genau - manchmal muss man den Flow einfach nutzen.

Um kreativ zu bleiben, brauche ich immer wieder neue Impulse. Deshalb ist mir der Kontakt mit fachfremden Kollegen wichtig und auch das Gespräch mit Freunden - eine andere Expertise ermöglicht oft neue Zugänge zu einem Problem. Durch die Zusammenarbeit mit einem Pharmakologen bin ich zum Beispiel an der Uni Erlangen auf das Thema für meine Doktorarbeit gekommen: 'Functional Materials based on Carbon Nanotubes.' So wurde die Arbeit schließlich sehr praxisbezogen und wir haben einen möglichen Hilfsstoff für ein Krebsmedikament entdeckt. An diesem Thema muss allerdings noch jahrzehntelang weitergeforscht werden. Trotzdem bin ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden."

  • Hartmut Wibbeler, 49, hat einen Hochwasserschutz gebastelt, den man schnell auf- und abbauen kann

Hartmut Wibbeler war kaufmännischer Angestellter, Dammbau war sein Hobby
Hartmut Wibbeler/ AQUABURG Hochwasserschutz GmbH

Hartmut Wibbeler war kaufmännischer Angestellter, Dammbau war sein Hobby

"Vielleicht hat sich mein beruflicher Weg schon in meiner Kindheit abgezeichnet. Statt zu den Tennisstunden zu gehen, bin ich lieber zum Bach hinterm Vereinsheim gegangen und habe Dämme gebaut. Heute verkaufe ich meine selbst entwickelten Hochwasserschutzanlagen.

Eigentlich bin ich gelernter kaufmännischer Angestellter und habe lange in dem Beruf gearbeitet, aber dann kam das Jahr 2002. Und mit ihm das Hochwasser. Ganze Ortschaften mussten evakuiert werden, die Semperoper stand unter Wasser. Als ich die Fernsehbilder sah, dachte ich mir: Das kann doch nicht sein, dass in der heutigen Zeit, in der alles am Wirkungsgrad gemessen wird, immer noch Tausende Menschen Sandsäcke schleppen müssen.

Später kam ich beruflich nach Ostdeutschland und habe die Schäden gesehen. Ich habe mich gefragt: Wie bekommt man es hin, einen effizienten Hochwasserschutz aufzubauen, der sehr schnell mit wenigen Personen auf- und auch wieder abzubauen ist? Denn die Menschen wollen ja nicht dauerhaft auf eine Wand schauen.

Etwas, das jeder Laie nachts um drei zustande bekommt

Die Sache hat mich nicht mehr losgelassen. In meiner Freizeit habe ich Pläne gemacht und in meinem Keller Modelle gebaut. Das flog mir nicht zu. Man braucht für so etwas Leidenschaft. Selbst wenn ich geduscht habe oder ins Bett ging, habe ich gegrübelt. Immer Papier und Stift in Reichweite. Mir war klar, dass es Lowtech sein musste. Etwas, dass auch der Laie, der das vor zwei Jahren einmal gesehen hat, nachts um drei schnell aufgebaut bekommt.

Meine ausklappbare Stauwand wurde von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gefördert, so dass ich mich hauptberuflich mit dem Projekt beschäftigen konnte. Der erste Prototyp arbeitete mit steifen Wänden und war zu kompliziert.

Die entscheidende Idee brachte der Zufall: Im Sommer 2010 habe ich ein Kinderplanschbecken gesehen und dachte mir, die muss man nur umdrehen, verstärken, abstützen und unten abdichten. Das funktioniert tatsächlich: Wir verwenden heute eine dicke Plane, verstärkt durch ein Lawinen-Stahlnetz, die aus einem Betonfundament ausgeklappt wird.

Der Bewährungstest im Testbecken der Universität Hamburg-Harburg funktionierte. Im Sommer habe ich daheim in Münster meine Firma Aquaburg gegründet und stelle die Aquawand in einem Showmobil überall vor. Die Nachfrage ist da."

  • Andrea Urban, 46, arbeitet an Sensoren, die in fast jedem neuen Auto stecken

Andrea Urban hat bei Bosch schon an über 100 Patenten mitgewirkt
Thomas Bauer/ Bosch

Andrea Urban hat bei Bosch schon an über 100 Patenten mitgewirkt

"Wenn beim Experimentieren unerwartete Dinge passieren, dann macht mir meine Arbeit erst richtig Spaß. Über manchen Problemen brüte ich jahrelang. Im Laufe der Zeit fügt sich ein Mosaiksteinchen in das andere und es ergibt sich ein neues Bild.

Einmal wurde mir zum Beispiel plötzlich klar, warum beim Ätzen von Silizium, dem Material, aus dem wir Mikrochips herstellen, die Kanten immer fransig wurden. Die Ursache war ein katalytischer Effekt, verursacht durch unsichtbare und nicht nachweisbare Beläge der Oberfläche. So fand sich endlich eine Lösung: eine Vorbehandlung des Materials.

Es hilft, an mehreren Lösungen gleichzeitig zu arbeiten

Wenn ich mich mit einer Sache beschäftige, will ich bis zu den Ellenbogen in dem Thema drin sein. Vieles kann man in meinem Fachbereich allerdings nicht einmal unter dem Elektronenmikroskop sehen. In solchen Fällen muss ich auf Umwegen mit weiteren Versuchen und anderen Materialanalysen Rückschlüsse auf den Werkstoff ziehen. Gerade das finde ich spannend.

Manchmal geht es bei der der Arbeit so schnell zu, dass ich während des Tages nicht die Muße habe, mich noch genauer mit einem Problem zu beschäftigen. Dann hilft Abstand. Oft fällt mir vor oder nach der Arbeit bei der Fahrt im Auto noch etwas ein. Um einen klaren Kopf zu bekommen, hilft es, auch mal alleine zu sein.

Bei Bosch bin ich rund 20 Jahre. In der Regel arbeite ich in Teams mit fünf bis zehn Kollegen, je nach Aufgabe. Für viele Projekte sind die Termine eng gesteckt. Generell wünsche ich mir beim Forschen und Entwickeln eher mehr Zeit, das ist ein täglicher Kompromiss mit den Rahmenbedingungen. Es kann aber auch hilfreich sein, an mehreren Lösungswegen gleichzeitig zu arbeiten. Das steigert die Wahrscheinlichkeit, Neues zu entdecken.

Mit der Familie rede ich über meine Arbeit selten, denn die Materie ist vertraulich und auch häufig zu komplex, um sie Fachfremden mal schnell zu erklären. Oder hätten Sie mir einen Rat geben können, wie man diese lästigen fransigen Fronten beim Ätzen von Silizium vermeiden kann?"

Protokolle: Jonas Nonnenmann und Jan Söfjer

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fjr 17.10.2013
1.
"Wer Technik entwickelt, gilt als dröge, .." Der Satz grenzt an Beleidigung. Einen kreativeren Beruf als Ingenieur oder Naturwissenschaftler gibt es wohl nicht, aber das werden die meisten wohl nie kapieren. Jede Neuerung braucht einen kreativen Lösungsansatz, sonst wird's nichts. Dabei ist manche Lösung trivial einfach - aber draufkommen muß man halt.
gehmlich 17.10.2013
2. urban vs Jung
Ist das nun die Frau Urban oder die Frau Jung????
lokisflatmate 17.10.2013
3. nicht tesaband
Das klare Klebeband heißt tesafilm, mit Gewebeband heißt es Tesaband ;-)
snigger 17.10.2013
4. simple reicht nicht
denn manchmal ist eine idee sooo simpel, dass die ganze verwandschaft sagt: so einfach, wie das klingt, hätten schon dutzend andre drauf kommen müssen ....
irrsinn 17.10.2013
5. optional
3. das ist die frau andrea urban - jung nehme ich an oder die junge frau andrea urban - also die tochter
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