Frauen nach der Babypause "Ich kann diese Stundenzahl nicht mehr kloppen"

Kind und Karriere, das ist oft ein Problem: Katrin Wilkens berät Mütter beim Wiedereinstieg nach der Babypause. Sie berichtet von Häme gegen das Stillen und von einer Bankerin, die die Seiten wechselte.

Mutter am Computer (Symbolbild)
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Mutter am Computer (Symbolbild)


Zur Person
  • Marianne Moosherr
    Katrin Wilkens, Jahrgang 1971, ist Jobcoach, Journalistin und Autorin. In ihrer Job-Profiling-Agentur i.do berät sie seit 2011 Frauen nach der Babypause, einen passenden Job zu finden. Ihre Erfahrung aus rund tausend Beratungen hat sie nun in dem Buch "Mutter schafft. Es ist nicht das Kind, das nervt, es ist der Job, der fehlt" zusammengetragen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Wilkens, Sie beraten Frauen beim beruflichen Wiedereinstieg nach der Babypause. Kehren Mütter nach der Elternzeit denn nicht einfach in ihren alten Job zurück?

Wilkens: Ganz wenige. Bei unserer Zielgruppe - verheiratete Akademikerinnen, die irgendwann Kinder bekommen und erst mal eine Weile Pause machen - steigen die Frauen entweder in Teilzeit wieder ein, oder sie stellen ihren alten Beruf infrage. Sie möchten entweder etwas mit mehr Sinn machen. Oder sie sagen, wenn sie ihre Zeit schon zwischen Kind und Job aufteilen müssen, dann nur für etwas, was wirklich Spaß macht. Mit Kind denkt man anders. Das Wertekorsett der Mütter hat sich verändert.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach Luxusproblemen. Um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht es den Frauen nicht?

Wilkens: Nein, das ist kein Luxusproblem. Weniger als ein Fünftel leistet sich die Veränderung aus freien Stücken. Der überwiegende Teil sagt: Ich bin Anwältin in einer Kanzlei, ich kann diese Stundenzahl nicht mehr kloppen; ich krieg den Schichtdienst nicht hin mit den Kita-Öffnungszeiten; ich kann die Abendveranstaltung als Eventmanagerin nicht mehr besuchen. Dass jemand komplett ohne Not zu uns kommt, weil er sich dem ersten Beruf entwachsen fühlt, das ist sehr selten.

SPIEGEL ONLINE: Die Frauen kämpfen mit den Rahmenbedingungen, Diskriminierung erleben sie nicht?

Wilkens: Doch, auch. Eine Kundin ist etwa rasend wütend bei uns aufgeschlagen und hat gesagt, sie könne in ihrem alten Job nicht mehr arbeiten. Sie mache ihn gern, aber nicht da! Die Frau hatte ihrer Firma in der Babypause einen Besuch abgestattet. Wie man das so macht, um sich für das Geschenk zu bedanken und Kontakt zu halten. Während des Treffens zog sie sich zum Stillen zurück. Als sie dann wieder mit der Arbeit anfing, sagte der Chef: "Aber so ein Hickhack mit dem Baby, das machen Sie bitte nicht noch mal. Wir haben uns totgelacht." Das ist so 19. Jahrhundert. Die Frau kommt mit einem drei Monate alten Baby und die alten weißen Männer lachen, weil sie sich zum Stillen zurückzieht. Für die Frau haben wir dann ein neues Umfeld gesucht.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind selbst Mutter von drei Kindern. Sprechen Sie aus eigener Erfahrung?

Wilkens: Ich habe meine Beratung aus einer ähnlichen Motivation heraus gegründet. Ich bin Journalistin, und das wurde mit drei Kindern zunehmend schwieriger: "Fahren Sie morgen mal dahin, ach nee, der Termin hat sich doch verschoben." Diese Flexibilität konnte ich mit drei kleinen Kindern nicht stemmen.
Also habe ich mich mit einer Kollegin zusammengesetzt und überlegt, was können eigentlich Journalisten gut: Sie können ein Thema erfassen, es auf eine These runterbrechen und vielleicht noch eine halbe Schraubendrehung weiterdrehen. Nichts anderes machen wir mit den Frauen, nur dass die Termine gut geplant und mit dem Familienalltag zu vereinbaren sind.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:40 Uhr
Ohne Gewähr

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Katrin Wilkens
Mutter schafft!: Es ist nicht das Kind, das nervt, es ist der Job, der fehlt

Verlag:
Westend Verlag
Seiten:
240
Preis:
EUR 18,00

SPIEGEL ONLINE: Sie versprechen, den maßgeschneiderten Job an nur einem Tag zu finden. Wie geht das?

Wilkens: Das ist nicht anders als im Journalismus. Wir fragen - ganz lange. Da wir nicht nur eine Stunde haben, sondern zehn, fallen die sozial erwünschten Hüllen. Wir rutschen ein bisschen tiefer in die Sessel, holen die unerlaubte Cola raus und irgendwann erzählen die Frauen, was sie wirklich wollen, was ihren Kern ausmacht. Und von da gehen wir dann los und gucken, wie schaffen wir es, diesen Kern in einen Beruf zu integrieren, der auch noch machbar ist. Sprich: Ist der Wunsch nach einem Cupcake-Café so realistisch, oder muss man da nach Alternativen gucken.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das?

Wilkens: Machbar heißt, es muss zu dem gesamten Familiensystem passen. Auch das Finanzielle spielt eine Rolle. Bleiben wir bei dem Cupcake-Café: Was gefällt der Frau so an der Idee? Jemanden bewirten kann man auch ohne 100.000 Euro zu investieren und sich selbstständig zu machen. Mag sie einfach in so einer frischen, hellen Atmosphäre arbeiten, auch das kann man anders bekommen. Man muss gucken, wofür die Wünsche stehen, was der Subtext ist.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Kundinnen sind vor allem Akademikerinnen. Da ist der Wunsch, was Handwerkliches zu machen oder in den Service zu gehen, nicht unüblich?

Wilkens: Nein, überhaupt nicht. Gerade die akademischen Frauen sagen: Uni, das hatte ich bereits. Da muss man natürlich schauen, welches Handwerk ohne eine dreijährige Vollzeitausbildung zu machen ist.

SPIEGEL ONLINE: Das wäre dann zum Beispiel backen, um bei den Cupcakes zu bleiben?

Wilkens: Nein, so einfach ist backen nicht. Und bei einem Café werden die in der Regel eingekauft, das macht die Betreiberin nicht selbst.

SPIEGEL ONLINE: Die Beratung bei Ihnen kostet 1500 Euro. Darüber hinaus muss man sich auch einen Neuanfang leisten können. Die Frauen verdienen während der Neuorientierung ja nichts.

Wilkens: Deswegen haben wir uns auf junge Mütter spezialisiert, weil die häufig schon ein, zwei Jahre darüber grübeln. Und wir versuchen immer etwas zu finden, was sich möglichst an den Qualifikationen der Erstausbildung anschließt. Ein Beispiel: Wir hatten mal eine Investmentbankerin, die war verzweifelt, weil sie etwas Sinnvolles machen wollte. Die haben wir nach intensiven Gesprächen in genau das Gegenteil geschickt: in die Schuldenberatung. Damit macht sie im Grunde genau denselben Job wie vorher, nur nicht auf der Haben-, sondern auf der Sollseite. Der Vorteil war: Sie spricht Jargon. Wenn sie mit ihren ehemaligen Kollegen zu tun hatte, hatte sie eine sehr große Glaubwürdigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Erfahrungen aus der Beratung haben Sie jetzt in einem Buch gebündelt. Der Verlag bewirbt es als "wütender Aufschrei, der Frauen Mut macht". Was ärgert Sie?

Wilkens: Ich bin wütend, dass die Frauen immer noch nur halb so viel Rente bekommen wie Männer. Ich bin wütend, dass die Care-Arbeit nicht besser entlohnt wird. Und ich bin auch wütend darüber, dass Frauen und Männer nicht vor ihrem ersten Kind darüber reden, wie sie es mit dem Rentenausgleich machen.

SPIEGEL ONLINE: Was haben diese Punkte mit Ihrer Beratung zu tun?

Wilkens: Das gehört natürlich dazu, dass ich frage, wie es mit der Rente der Frauen aussieht. Die sind zwischen 35 und 45, wenn sie zu uns kommen. Da kann man noch was tun. Wenn eine Frau zu mir kommt und sagt, ich muss nicht viel verdienen, tausend Euro reichen, mein Mann verdient das Familieneinkommen. Dann sag ich regelmäßig: "Halt, das ist für Ihre Rente nicht genug!" Sie müssen privat vorsorgen, und für die Rücklagen muss gegebenenfalls auch der Partner zahlen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Buch endet mit dem Satz: "Frauen sind inzwischen emanzipiert, Mütter nicht." Sind die Mütter an ihrer Misere selbst schuld?

Wilkens: Da würden wir es uns ein bisschen zu leicht machen. Man könnte die Politik in die Verantwortung ziehen und sagen: Schafft endlich das Ehegattensplitting ab! Man könnte die Väter in die Verantwortung ziehen und fordern: Fahrt in eurer Elternzeit nicht mit dem Wohnmobil durch Südfrankreich, sondern ermöglicht eurer Frau den Wiedereinstieg. Und wir brauchen neue Anreize, einen Väterurlaub etwa. Ein extra Urlaubskontingent von 20 Tagen, das sie nur nutzen dürfen, wenn das Kind krank ist. Denn sonst bleibt wieder die Frau daheim. Das würde wirklich schon viel helfen.

insgesamt 109 Beiträge
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Seite 1
friespeace 16.03.2019
1. Verrückt!
Ich bin immer wieder erstaunt, wie gut man die Realität biegen kann. Die Dame sagt also offen, dass sich für die Mütter durch die Kinder die Ziele verschieben, die Frage nach dem Sinn aufkommt, Veränderung gesucht wird, weniger Lust auf viele Arbeitsstunden entsteht und regelmäßig der Wunsch nach "was handwerklichem". Sprich: niemand zerstört die Karrieren der Frauen, sie haben schlicht keinen Bock mehr. Aber trotzdem gibt es am Ende Wut auf das Patriarchat, die Ungerechtigkeit und der alte weiße Mann wird mal wieder erwähnt... Unglaublich
noalk 16.03.2019
2. Von wegen 19. Jahrhundert
Den Vorfall mit dem Stillen hätte es im 19. Jhdt. so nicht gegeben. Der Respekt Frauen gegenüber war damals ein anderer. Einfach zum Fremdschämen. Frau Berg, das wäre ein Fall für Sie.
legeips62 16.03.2019
3. Bankgewerbe Tarifvertrag?
Wer in einer Bank einen Führungsjob haben möchte oder hat, für den gilt vieles nicht. Kind und Karriere bringen hier keine Rendite... eine Erfahrung die für alle Führungsjobs ab Teamleiter besteht. Wer dies nicht will oder später erkennt ist "fehl am Platz" oder sich auf die: Gesetzliche Höchstarbeitszeit: https://www.google.de/search?source=hp&ei=OB6NXK-ZAY6kwQKmqqXwBA&q=gesetzliche+höchstarbeitszeit&oq=Höchstarbeitsst&gs_l=psy-ab.1.2.0l2j0i5i10i30.729.4841..7702...0.0..0.66.852.15......0....1..gws-wiz.....0..0i131j0i3.LacWJqx0sPY = 48 Stunden in der Woche, berufen. Ich wollte auch mal in einer Bank anfangen... Investmentbankerin... aber nach 3,5 Tagen sind die 48 Stunden "rum". Es ist nun mal so: Frauen können Kinder bekommen und dies ist ein Karrierenachteil gegenüber einen Mann "Punkt" Das "Kinderproblem" könnte ja durch Adoption gelöst werden. Eine andere Frau gebärt ein Kind und dann wird es abgekauft. Aktienhandel oder so...
karin.italienfan 16.03.2019
4. Alles beim alten
Frau Wilkens schildert punktgenau die Probleme, die Mütter haben, wenn sie wieder in den Beruf einsteigen wollen. Es ist wohl kein Zufall, dass zwischen dem Text die Werbung für das Buch von Verena Brunschweiger auftaucht. Es ist eine Schande, dass es im Jahr 2019 immer noch nicht möglich ist, Familie und Beruf zu vereinen. Mein Wiedereinstieg in den Beruf war 1979 und seitdem hat sich anscheinend nichts getan, um es Müttern mit Kindern zu erleichtern, selbst für ihre Altersvorsorge zu sorgen, denn auf Ehemänner sollte man sich nicht verlassen......
Krokodilstreichler 16.03.2019
5.
Das mit dem Kindergeld hat Frau Wilkens nicht so ganz verstanden. Auch in einer Zweiverdienerfamilie käme es bei Abschaffung des Kindergelds zu Ungerechtigkeiten, wenn zwei Paare insgesamt dasselbe aber die Individuen jeweils verschieden verdienen würden.
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