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Job & Karriere

Karriereknick nach Babypause Mütter, kommt wieder raus aus Bullerbü

Verweichlichen Mütter in der Babypause? Sind sie hinterher nicht mehr hart genug für den Job? Viele schon, findet Katrin Wilkens. Aber nicht die Frauen sind schuld, sondern eine Kultur, die alles Grobe und Schlechte aus der Kindererziehung verbannen will.
Ach, wie schön ist es daheim: Vielen fällt der Wiedereinstieg in den Job schwer

Ach, wie schön ist es daheim: Vielen fällt der Wiedereinstieg in den Job schwer

Foto: Corbis

Vor 100 Jahren war die Sache einfach: "Wie die Zucht, so die Frucht." Gehorchte das Kind, war das Klassenziel erreicht. Heute kaufen wir Frühwarnmonitore gegen den plötzlichen Kindstod, haben ein GPS für den Schulweg unserer Kinder und engagieren einen Personal Trainer für ein besseres Ergebnis bei den Bundesjugendspielen.

Wir unterdrücken die eigenen Bedürfnisse, um uns rund um die Uhr um den Nachwuchs zu kümmern. "Los, Mutter, denke nicht an dich, denke an die Kinder, den gesunden Dinkelkeks, das verlillyfeete Ballettkleid, den synapsenbildenden Schachcomputer." Gleichzeitig üben wir uns in Smoothie-Rhetorik: "Du, Lasse-Simon, der Ludwig will aber gerade sein Early-Bird-Heft nicht so gern hergeben. Rede mal mit ihm darüber."

Pädagogen, Psychologen und Erziehungswissenschaftler warnen, dass Helikopter-Erziehung den Kindern schadet. Aber die wahren Verlierer einer durchoptimierten Bullerbü-Welt ohne Bakterien und Streit sind nicht die Kinder, sondern wir Mütter. Wir finden nach ein paar Jahren testosteronarmer Außenwelt nur schwer in den Job zurück. Weil wir buchstäblich verweichlicht sind, schlimmer: weil von uns erwartet wird, dass wir verweichlichen.

An die geistige Radiusverkleinerung gewöhnt

Wir leben in einer Kultur, die das Harte, Grobe, Schlechte aus der Kindererziehung eliminieren will: Selbst Räuber, Hexen, Zauberer werden in Kinderbüchern nach Kindchenschema gemalt, sodass sie keine Furcht einflößen. Und mittendrin wir Frauen, die nach ein paar Jahren solcher Einseitigkeit wieder in den Job zurück sollen. Geht aber nicht so einfach, wenn man zu Perwoll mutiert ist, wenn man vor lauter Verwöhnen das Verhandeln verlernt hat.

Im ersten Jahr nach der Geburt staunt man noch über die immense Radiusverkleinerung, die einem als Mutter widerfährt. Im fünften Jahr hat man sich dann auch an die geistige Radiusverkleinerung gewöhnt. Also will man plötzlich kreativ arbeiten, "irgendwas mit Interieur … oder einen Einrichtungsblog?"

Um ein Blog zu verfassen, zumal eines, das Schmalz aufs Brot bringt, muss man nicht nur schreiben können, sondern auch noch so schreiben, dass es Wildfremde gern, oft und erinnernd lesen. Man muss die Regeln des Marketings, der PR und der sozialen Medien beherrschen. Und man muss ein grafisches Gestaltungshändchen haben, ansonsten ist es: ein Hobby, das zufällig im Netz steht.

Nichts, womit man Geld verdienen könnte. Nichts, was einem das schenkt, wonach wir ab 40 zunehmend lechzen: Sinn. Und vor allem nichts, was einem ein Einkommen sichert. Wenn eines Tages ein anderer YouTuber durchs Dorf getrieben wird, ist die schöne Banner-Werbung des schönen Baby-Labels ganz schnell storniert.

Doppel-Quiz: Frauen vs. Männer

Wer nicht bloggen will, möchte eine Kita leiten, ein Still-Café führen oder "Geschenke-Aussucherin" werden. All diesen "Berufen" ist der Wunsch hinter dem Wunsch gemein: Ich möchte etwas tun, das nicht wehtut. Ich möchte in einer heilen Welt Geld verdienen. Ich möchte, dass mir nicht wehgetan wird.

Blöderweise ist man mit dieser Zarthäutigkeit das leichteste Opfer in der Arbeitswelt, eines, das zur Verhandlungsmasse wird. Das Problem sind nicht mehr Personalchefs, die Frauen knallhart ins Gesicht sagen: "Sie passen ja sowieso viel besser zur Familie." Das Problem sind Dawanda, Pinterest, Do-it-yourself-Blogs. Sie suggerieren, dass es möglich sei, mit handwerklichem Geschick ein bisschen Geld zu verdienen. Und verschweigen die unangenehme Seite dieser Art von Vertrieb. Im Krankheitsfall: kein Geld. Im Rentenfall: kein Geld. Im (zu großen) Konkurrenzfall: ach, auch kein Geld.

Wenn wir zu einer wirklichen Gleichberechtigung kommen wollen, in der das Prinzip "Der Vater ist genauso wichtig wie die Mutter" auch praktiziert wird, müssen wir bei der Form der Erziehung anfangen. Kuschel-eideideidei ist ein Ort, an dem sich Männer deplaziert fühlen - und ihn meiden werden.

Wir müssen den Kitsch aus der Erziehung verbannen, damit wir Frauen weder das Klischee Heilige (Mutter) noch Hure (Karriere) bedienen, sondern das, was Männer seit Jahrhunderten schlichtweg leben: ein facettenreiches Rollenmodell, mal Business, mal Familie.

Frauen können so viel mehr als Innendekoration und Milch schäumen. Es geht gar nicht darum, wie man Familie und Beruf unter einen Hut kriegt, sondern nur darum, welcher Hut einem am besten steht, beziehungsweise welcher Beruf einem am meisten liegt. Was kann ich besser als andere? Was macht mich aus?

Es ging immer dann eine Epoche besonders brutal zu Ende, wenn sie zu einseitig gelebt wurde: das alte Rom, das Mittelalter, das prüde viktorianische England. Mit uns Kuschel-Müttern wird es ebenso sein. Schon unsere Kindern werden uns schulterzuckend "selbst schuld" sagen, wenn wir in 30 Jahren in Altersarmut leben: Es wäre ja möglich gewesen, es anders zu machen. Und dann müssen wir aufpassen, dass wir nicht zum ersten Mal unsere Kinder anschreien. Aber so richtig.

Foto: i.do

Miriam Collée (Jahrgang 1973) und Kathrin Wilkens (Jahrgang 1971) sind Journalistinnen und haben zusammen die Hamburger Agentur i.do gegründet. Dort beraten sie Frauen, die sich beruflich verändern wollen.Agentur i.do Hamburg