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Datenanalyse zu Karrieren in Deutschland Ossis schon benachteiligt, als es noch gar keine Ossis gab

Ostdeutsche haben geringere Karriereaussichten als Westdeutsche. Das zeigt sich sogar auf Wikipedia, wo ein deutliches West-Ost-Gefälle bei Personenartikeln besteht. Die Gründe dafür sind teils Jahrhunderte alt.
Foto: SPIEGEL ONLINE

Die Wende in der DDR liegt 30 Jahre zurück - doch nicht wenige Ostdeutsche blicken mit Groll zurück auf das, was danach geschah: Deindustrialisierung ganzer Regionen, Massenarbeitslosigkeit, gebrochene Biografien.

Das Gefühl, im vereinigten Deutschland nie so richtig angekommen zu sein, hat auch mit der Besetzung von Spitzenjobs in den neuen Ländern zu tun. Egal ob in Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft oder der Medienbranche - die Chefs kommen fast immer aus Westdeutschland. Weshalb auch immer wieder über eine Ostquote bei Jobbesetzungen diskutiert wird.

Doch was steckt hinter dieser Ungleichheit? Betrifft sie ausschließlich die relativ wenigen Spitzenjobs? Oder tritt das Phänomen auf mehreren Ebenen auf?

Als Seismograph für die Situation in Deutschland eignet sich das Onlinelexikon Wikipedia. Darin gibt es Artikel über Zehntausende Deutsche wie den Tennisspieler Boris Becker oder die Schauspielerin Christiane Paul. Wer eine gewisse Bekanntheit erreicht, wird über kurz oder lang auf Wikipedia landen. In den meisten Fällen hängt dies mit der beruflichen Karriere der betreffenden Person zusammen.

Daten von 35.000 Personen analysiert

Eine SPIEGEL-Datenanalyse zeigt nun, dass Ostdeutsche auch im Onlinelexikon Wikipedia unterrepräsentiert sind. Liegt der Geburtsort einer Person in Westdeutschland, ist die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, dass über diese Person ein eigener Wikipedia-Artikel existiert.

Die Datenanalyse umfasst alle Personenartikel in der deutschsprachigen Wikipedia mit einem Geburtsjahr von 1960 bis 1999 - und einem identifizierbaren Geburtsort innerhalb der Grenzen des heutigen Deutschlands. Dies sind fast 35.000 Personen. Um die regionale Wikipedia-Quote zu berechnen, wurde die Zahl der Personen mit Wikipedia-Artikel jeweils durch die Anzahl der in der Region Geborenen dividiert.

Die Auswertung zeigt: Westdeutsche sind auf Wikipedia deutlich präsenter als Ostdeutsche - vor allem in den Jahrgängen von 1960 bis 1985. Im Jahrgang 1960 gibt es über 12 von 10.000 in Westdeutschland Geborenen einen Personenartikel - unter den Ostdeutschen ist die Quote nur halb so hoch.

Ab dem Jahr 1990 sind die Quoten nahezu identisch. Allerdings sind aus diesen Jahrgängen nur relativ wenige Personen auf Wikipedia vertreten, weil sie mit ihrer Karriere noch ganz am Anfang stehen.

Interessante Rückschlüsse erlaubt die separate Auswertung nach Bundesländern. Die Wikipedia-Quote wurde dabei über alle Jahrgänge von 1960 bis 1999 zusammen berechnet - siehe folgendes Diagramm:

Auffällig sind dabei zwei Dinge:

  • Die höchsten Quoten erreichen die Stadtstaaten Hamburg, Berlin und Bremen. Berlin umfasst dabei Ost- und Westberlin, weil eine präzise Aufteilung der Personen in Ost und West nicht möglich war.

  • Auf den letzten Plätzen landen die fünf neuen Länder. Der Rückstand zu Niedersachsen und Schleswig-Holstein ist jedoch nur minimal.

Der Görlitzer Sozialwissenschaftler Raj Kollmorgen  liefert eine interessante Erklärung für dieses Ranking: "Die unterdurchschnittliche Präsenz Ostdeutscher hat weniger mit der DDR als mit den Strukturen zu tun, die sich in Deutschland seit dem Mittelalter entwickelt haben." Der Osten Deutschlands sei deutlich stärker ländlich geprägt als der Westen. Daher seien großstädtische Sozialmilieus, die den "Humus moderner elitärer Kulturen" darstellten, deutlich weniger präsent.

Für Kollmorgens These spricht, dass Niedersachsen, Schleswig-Holstein, das Saarland und Rheinland-Pfalz kaum besser abschneiden als die fünf neuen Länder. Überall dort, wo große Metropolen fehlen und ländliche Strukturen dominieren, gibt es weniger Menschen mit eigenem Wikipedia-Artikel.

"Gefeierte Erfinder, bekannte Künstler"

"Das ist ein soziodemografischer Effekt", meint Kollmorgen. Es seien vor allem die Bevölkerungen urbaner und großstädtischer Räume, deren Kinder gefeierte Erfinder würden, bekannte Künstler, Politiker oder erfolgreiche Unternehmer. "Daher muss Ostdeutschland mit seiner ländlichen Prägung schlechter abschneiden als Westdeutschland."

Wie sehr sich vor allem Großstädte vom Rest des Landes unterscheiden, zeigt der Blick auf die Wikipedia-Quoten der derzeit 15 größten Städte Deutschlands. Spitzenreiter ist demnach München mit 30 Wikipedia-Personen-Artikeln je 10.000 Geborene - für ganz Bayern beträgt die Quote 10.

Dresden und Leipzig belegen im Städteranking die Plätze 9 und 11 (Quote 14 bis 15). Beide sächsischen Städte liegen damit vor Bremen, Bochum, Essen, Duisburg und Dortmund. Dass die Ruhrpottmetropolen vergleichsweise schlecht dastehen, liegt offenbar an ihrer besonderen sozialen Struktur. In den traditionellen Arbeiterstädten gibt es keine so starke bürgerliche Schicht wie in München, Köln oder Berlin.

Artikel über sich selbst angelegt?

Über welche Personen gibt es überhaupt Artikel auf Wikipedia? Schaut man sich die Beschreibungen genauer an, fällt auf, dass viele aus dem Bereich Unterhaltung, Medien und Sport stammen. Vergleichsweise selten sind hingegen Wissenschaftler, Politiker und Manager. Folgendes Diagramm zeigt die Verteilung der in der jeweiligen Kurzbeschreibung zuerst genannten Berufe beziehungsweise Tätigkeiten.

Praktisch in allen Berufen und Tätigkeiten kommen Westdeutsche auf eine deutlich höhere Wikipedia-Quote als Ostdeutsche - siehe folgendes Diagramm. Die einzigen Ausnahmen sind Sport - die DDR hat Leistungssport massiv gefördert - und Politik.

Ob über eine Person ein eigener Wikipedia-Eintrag akzeptiert wird oder nicht, darüber entscheiden die Autoren der Enzyklopädie gemeinsam - im Streitfall unter Beteiligung der Wikipedia-Administratoren. All dies soll unter Berücksichtigung der dafür festgelegten Relevanzkriterien  geschehen. Die Hürden zum Anlegen eines Artikels sind nicht besonders hoch, wenn man sich die langen Listen mit kaum bekannten Synchronsprechern und selbstständigen Dozenten anschaut. Für Wissenschaftler reichen eine Professorenstelle und eine Beschreibung der Forschungstätigkeit, um akzeptiert zu werden.

Offenbar nutzen manche die Enzyklopädie auch zur Selbstvermarktung und haben ihren Eintrag selbst angelegt oder anlegen lassen. Womöglich manifestieren sich auch dabei Ost-West-Unterschiede. Schließlich war das Verkaufen oder Anpreisen der eigenen Person in der DDR kaum üblich. "Das sozialistische Erziehungsziel war, die eigenen Interessen und Bedürfnisse denen der Gruppe unterzuordnen", sagt Frauke Hildebrandt  von der Fachhochschule Potsdam. Wenn man Führungskräfte für die kapitalistische Wirtschaftswelt ausbilden wolle, müsse man andere Ziele definieren.

So haben wir gearbeitet

Mit der Wikipedia-Personensuche  kann man Personenartikel nach Geburtsdatum, Geburtsort und Staat filtern und herunterladen. Um auch in Deutschland geborene Nichtdeutsche zu erfassen, haben wir zusätzlich alle in der deutschsprachigen Wikipedia verzeichneten Personen der Jahrgänge 1960 bis 1999 heruntergeladen und jene Einträge mit einem Geburtsort im heutigen Deutschland selektiert, die in der ersten Auswahl nicht auftauchen.

Rhetorik, juristisches und wirtschaftliches Know-how - viele dieser Fähigkeiten und Kenntnisse hätten den Menschen zur Wiedervereinigung gefehlt, sagt die Tochter der ostdeutschen SPD-Politikerin Regine Hildebrandt. "Für mich war es so, als müsste ich eine ganz neue Sprache und eine neue Form von Kommunikation lernen. Und das, obwohl ich diese Sorte Sprechen gar nicht mochte und oft leer und langweilig fand - und finde."

Bloß keine Experimente!

Eine generelle Erklärung für die Ost-West-Unterschiede dürfte auch das größere Selbstvertrauen und die größere Risikofreude der westdeutschen Eliten darstellen. "Die Eltern Ostdeutscher raten nach ihren schlechten Erfahrungen in der Nachwendezeit dazu, sichere Wege zu gehen", erklärt Hildebrandt. Das Motto laute: Bloß keine Experimente! Um in Führungsjobs zu kommen, brauche man aber einen Schuss Risikolust.

Diese Risikofreude ist auch nötig, um künstlerische Berufe wie Schauspieler oder Musiker zu ergreifen, was im Westen laut den Wikipedia-Daten häufiger geschieht als im Osten. Womöglich spielt dabei auch die bessere finanzielle Absicherung über Eltern oder Partner eine Rolle. Dies lässt sich anhand der Wikipedia-Daten und wegen der Vielzahl der Personen jedoch kaum klären.

Die Potsdamer Bildungsforscherin Hildebrandt und ihr Görlitzer Kollege Kollmorgen sind sich auf jeden Fall einig darüber, dass dem Osten die Eliten fehlen, um präsenter in Spitzenjobs zu sein. Im Osten habe es keine bürgerliche Oberschicht gegeben, die selbst- und machtbewusst auftritt, sagt Kollmorgen. "Ein Elitenbewusstsein wurde in der DDR nicht gefördert, es passte nicht zur Ideologie des Arbeiter- und Bauernstaates." Den Ostdeutschen fehle vor allem der Stallgeruch der Macht, ein Habitus der Herrschaft.

Kollmorgen verweist zudem auf die massive Abwanderung aus Ostdeutschland nach 1945. Ein Großteil des Besitz- und Bildungsbürgertums sei damals in den Westen gegangen. "Es gab einen unglaublichen Abfluss kulturellen Kapitals." Folge: Die Kinder dieser ausgewanderten Ostdeutschen wurden dann im Westen geboren und machten dort Karriere.

Letztlich, auch das zeigen die Wikipedia-Daten, gibt es nicht nur ein Ost-West-Gefälle in Deutschland. Sondern auch eines zwischen Nord und Süd, zwischen Stadt und Land sowie zwischen kriselnden und boomenden Regionen. Wer in Heidelberg, Köln oder München geboren wird, hat bessere Karrierechancen als Menschen aus Dessau, Gelsenkirchen oder Bremerhaven.

Und selbst in wirtschaftlich prosperierenden Städten dürfte es ein großes Gefälle zwischen bürgerlich geprägten Vierteln und sozial benachteiligten Stadtteilen geben. Auch wenn sich dies mit den Wikipedia- und Geburtsdaten kaum belegen lässt. Letztlich dürften hinter all dem die deutlich besseren Aufstiegschancen für Kinder aus privilegierten Elternhäusern stehen.

Laut Kollmorgen stünde Ostdeutschland selbst dann schlechter da als der Westen, wenn es keine deutsche Teilung gegeben hätte. Große Stadt-Land-Differenzen gebe es in Europa schon sehr lange. "Die prosperierenden Regionen Europas wie Norditalien, Flandern oder das Rhein-Main-Gebiet haben eine jahrhundertealte Geschichte." Dort hätten Kommerzialisierung, Urbanisierung und später die Industrialisierung zuerst stattgefunden. Das seien relativ stabile Traditionen und Positionen. "So etwas kann man nicht in zwei, drei Jahrzehnten kippen."