Geldwäsche-Ermittler Tief ins Privatleben der Verdächtigen

Früher saßen Thomas Stein Bankkunden gegenüber, heute sind es Geldwäscher. Als Leiter des Wirtschaftsprüfdiensts beim Bundeskriminalamt filzt er Büros von Tätern.

DPA

Von Pauline Schinkels


Der Weg zu Thomas Stein führt durch eine beschauliche Wiesbadener Vorstadtsiedlung. Hier grenzt der Wald direkt an Familiengärten. Mitten in dieser grünen Idylle steht ein Betonklotz. Der Regen hat sich in den grauen Stein gefressen und schwarze Schlieren hinterlassen. Neben der Bushaltestelle steht ein Schild. Darauf steht knallrot auf weiß: "Gefahrenzone". Hier arbeitet Stein.

In dem Betonklotz sitzt das Bundeskriminalamt (BKA), Stein ist Leiter des Wirtschaftsprüfdienstes, Abteilung schwere und organisierte Kriminalität. Rund um das Gelände ist Maschendrahtzaun gespannt. Auf Höhe der Hecke hängen die ganze Straße entlang Kameras.

Geschmiert, gefälscht, gewaschen

Stein ist an der Verfolgung von Straftätern beteiligt und möchte nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden. Beim BKA heißt das, im operativen Bereich arbeiten. Wenn jemand die Bilanz gefälscht oder Geld gewaschen hat oder sich hat schmieren lassen, dann ist Stein da. Dann laufen im Fernsehen Bilder von Hausdurchsuchungen, von Beamten, die Kisten schleppen.

Auf dem Weg zu Stein wird man durch ein dunkles Parkhaus zu den Aufzügen geführt. Er empfängt einen nicht in seinem Büro, sondern in einem Konferenzraum. Zur Begrüßung lächelt Stein kurz. Er trägt ein kurzärmeliges, weißes Hemd, dazu eine schwarze Stoffhose.

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Stein ist eine Art Zahlendetektiv. Seine Arbeitsmittel sind Jahresabschlüsse, Verträge, Buchungsbelege. Asservate nennt er sie. Daraus liest er, wann A wo war und wo B war und wann A und B sich getroffen haben könnten oder ob Schmiergelder schon einmal unter "Beratungsleistungen" verbucht wurden. "Wenn ich meinen Kindern meine Arbeit erkläre, fange ich immer damit an, dass ich keine Uniform und keine Waffe habe", betont er. Manchmal muss er raus zu Hausdurchsuchungen. Meistens in Deutschland, manchmal auch im Ausland. Dann schleppen sie wieder Kisten. Mit Asservaten.

Andere bepflanzen den Garten oder spielen Schach

Steins Arbeitstag beginnt um 7.30 Uhr. An seinem Arbeitsplatz stehen drei Monitore. Hier arbeitet er mit einer forensischen Prüfsoftware und digitalen Beweismitteln. Fehlt eine Rechnungsnummer, warnt ihn das Programm sofort. Wenn er so über seinen Job beim BKA spricht, reißt er hinter seiner randlosen Brille hin und wieder die Augen weit auf. Dann sagt er Sätze wie: "Zahlen erzählen mir eine Geschichte." Kombinatorik nennt er das.

Stein hat eine kaufmännische Ausbildung gemacht und in Hannover und Sevilla Betriebs- und Volkswirtschaftslehre studiert. Nach dem Abschluss arbeitete er für eine Bank, wurde Filialleiter und stieg weiter auf. Nebenher hat Stein immer viel gelesen, aber keine Kaminschmöker. "Andere bepflanzen in ihrer Freizeit den Garten oder spielen Schach." Er liest Sachbücher über organisierte Kriminalität.

Vor knapp zehn Jahren entdeckte er eine Stellenanzeige, ausgeschrieben vom BKA. Stein bewarb sich - und wurde direkt als Leiter des Wirtschaftsprüfdienstes eingestellt. "Ich habe hier ohne strafrechtliches Know-how angefangen."

Solche Situationen gehen nicht spurlos an ihm vorbei

Wenn er zwischen den Rechnungsnummern auf etwas Verdächtiges stößt, verhört er die Leute auch selbst. Dafür muss er sich nicht nur mit Zahlen gut auskennen, sondern vor allem mit Menschen. "Ich würde nicht sagen, dass ich eine perfekte Menschenkenntnis habe, aber die Erfahrungskurve steigt mit den Jahren", sagt er. Außerdem kenne er das Täterprofil und Tatabläufe. Das sind laut einer Studie in Fällen von Bestechung meist unauffällige Führungskräfte. Meistens Akademiker, zwischen 30 und 50 Jahre alt. Früher saßen Stein Bankkunden gegenüber, heute sind es eben die Geldwäscher.

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Seine Arbeit helfe auch, Unschuldige zu entlasten, sagt er. Das ist ihm wichtig. Manchmal sagt er auch vor Gericht aus. Dann sieht er die Täter, deren Büro- und Geschäftsräume er durchsucht hat. In wenigen Fällen komme es vor, dass er deren Wohnungen untersuchen müsse. Dann wird er ein bisschen leiser. "Wenn man so tief in Privatleben eindringt, muss man behutsam sein." Solche Situationen gingen nicht immer spurlos an ihm vorbei. "Das ist halt Teil meiner Arbeit", sagt er. "Ich habe meinen Beruf nie als belastend empfunden." Es habe aber Höhen und Tiefen gegeben.

Eigentlich, sagt Stein, hätte er auch für die einschlägigen Wirtschaftsprüfer arbeiten können, bei den ganz Großen: PwC, Deloitte, KPMG und Ernst & Young. Das Gehalt ist hier deutlich höher, wer aufsteigt, bekommt einen schicken Dienstwagen, trägt Hugo-Boss-Anzüge und sitzt in einem hellen Glaskastenbüro in Innenstadtlage. Stein sagt, er könnte, wenn er wollte. Aber er arbeitet lieber hier.

Das gibt er auf Parties auch offen zu. Das Interesse an seinem Job sei groß - besonders, wenn wieder ein Steuerskandal publik wurde. Stein sagt dann, er sei dafür nicht zuständig. Das machen die von der Finanzbehörde. Dabei lächelt er gequält. Es klingt, als ob er das schon oft richtig stellen musste.

  • Pauline Schinkels (Jahrgang 1990) studiert in Köln Sozialwissenschaften und absolviert parallel an der Kölner Journalistenschule eine Ausbildung zur Journalistin für Wirtschaft und Politik.

insgesamt 9 Beiträge
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karenmh 18.09.2014
1. Selbstüberschätzung?
Sicher hätte Herr Stein bei einer der großen Prüfgesellschaften arbeiten können. Nur wäre er dort nicht weit gekommen, ohne Steuerberater- oder Wirtschaftsprüferexamen. Dann hätte es auch mit dem Dienstwagen nicht geklappt. Bezweifle auch, dass die Arbeitszeiten dort angenehmer sind, als in der Behörde... Scheint mir also kein großer Verzicht von Herrn Stein zu sein, lieber beim BKA zu arbeiten.
Watchtower 18.09.2014
2. Schätze, dass...
die Studienorte Hannover und Sevilla auch nicht zur Ivy League der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten gehören. Er ist gut beim BKA aufgehoben.
abby_thur 18.09.2014
3. Zug
Fahren Sie mal einfach mit dem ICE von Hannover nach München. Was mancher "wichtiger" Mensch am Handy bespricht, sei es Konzernübernahmen oder Personaldinge... man macht sich zwangsläufig der Wirtschaftsspionage schuldig. Man kann da auch so schlecht weghören.
TooSmart 18.09.2014
4.
Zitat von karenmhSicher hätte Herr Stein bei einer der großen Prüfgesellschaften arbeiten können. Nur wäre er dort nicht weit gekommen, ohne Steuerberater- oder Wirtschaftsprüferexamen. Dann hätte es auch mit dem Dienstwagen nicht geklappt. Bezweifle auch, dass die Arbeitszeiten dort angenehmer sind, als in der Behörde... Scheint mir also kein großer Verzicht von Herrn Stein zu sein, lieber beim BKA zu arbeiten.
Und, liebe karenmh, er wäre mit seiner so überhaupt nicht asozialen Einstellung in ihrem Laden ganz sicher unangenehm aufgefallen. Nicht wahr ? Man arbeitet bei ihnen doch wohl für die andere Seite - selbstverständlich alternativlos und leider auch gewissenlos.
sarang he 18.09.2014
5. Dass er
bei einer grossen Prüfergesellschaften deutlich mehr verdienen würde, halte ich eher für ein Gerücht. Gut bezahlt wird dort erst im oberen Management - und selbst mit diesen kann ein Spitzenbeamter im BKA (wenn man die voraussichtliche Lebenseinkommenssumme) rechnet, mithalten. man darf nicht nur mit dem Brutto zu rechnen und auf einen Dienstwagen schielen.
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