Renaissance des Wochenendes Samstags gehört der Chef nicht ins Büro

Investmentbanken verordnen freie Sonntage, CEOs schalten das Smartphone aus: Erlebt das Wochenende eine Renaissance? Topmanager erklären ihre Freizeit: Mit der Flinte auf dem Hochsitz oder sonntags im Büro.

Von Gisela Maria Freisinger und Christoph Neßhöver


Computer aus, Griffel raus: Firmen lernen, am Wochenende loszulassen
Corbis

Computer aus, Griffel raus: Firmen lernen, am Wochenende loszulassen

Früher war alles ganz einfach. Arbeit war Arbeit, frei war frei. Ohne Firma, ohne Chef. "Samstags gehört Vati mir", plakatierten die Gewerkschaften. Die Arbeitswoche schnurrte zusammen, das Wochenende wuchs.

Irgendwann in den neunziger Jahren geriet das Wochenende dann in einen Häcksler namens IT. Erst PC, dann Internet, dann Handys, schließlich landete alles kompakt und immer dabei in unserer Tasche, in Form von Smartphones und Tablets.

Nun ist wieder das ganze Leben Arbeit, der Chef oder das nächste Meeting oder der nächste Abschluss nur einen Handgriff entfernt, 7 Tage, 24 Stunden. Der Produktionsfaktor Mensch, so schien es, wurde zuletzt zu einem wahren Quell an Effizienz. Bis im vergangenen Sommer ein deutscher Praktikant in London starb, gerade 21 Jahre alt, nachdem er bei der Investmentbank Merrill Lynch drei Nächte hintereinander durchgearbeitet hatte.

Selbst Vorstandschefs outen sich als Wochenendler

Seither hat sich manches geändert. Da verordnen die Investmentbanker von Goldman Sachs, Credit Suisse, Citigroup und der Bank of America ihren Mitarbeitern mehrere freie Wochenendtage pro Monat. Weltkonzerne wie Volkswagen experimentieren damit, am Wochenende keine E-Mails mehr herumzuschicken. Und Vorstandschefs wie Frank Appel, 52, von der Deutschen Post outen sich als entschlossene Wochenendler, die samstags und sonntags lieber ihre Ruhe haben und diese auch ihren Mitarbeitern zugestehen.

Erlebt das Wochenende eine Renaissance? Oder ist das Gerede von der neuen Lebensqualität eben genau das: Gerede?

Das manager magazin hat mit sieben Topmanagern und Unternehmern über ihre Pausenphilosophie gesprochen, mit überzeugten Workaholics ebenso wie mit überzeugten Wochenendlern: Ein Überblick.

Tiefenentspannt ohne Smartphone: Drogerie-König Rossmann
DPA

Tiefenentspannt ohne Smartphone: Drogerie-König Rossmann

Dirk Rossmann - leben wie im 19. Jahrhundert

Stress am Wochenende? Der kommt bei Dirk Roßmann, 67, allenfalls auf, wenn er mal wieder in Hannovers Fußballstadion zu seinen geliebten 96ern pilgern möchte, seine Gattin aber Theater oder Oper im Sinn hat. Sonst gilt beim Gründer und Co-Inhaber der Drogeriekette Rossmann (3000 Filialen) das Dogma der Unerreichbarkeit: "Samstags und sonntags bleibt das Mobiltelefon im Auto, ein Smartphone benutze ich nicht, und ich habe noch nie im Leben eine SMS geschrieben." Das klinge ein bisschen nach 19. Jahrhundert, räumt er ein, aber Roßmann vertraut voll auf seine Mitarbeiter: "Wenn in der Zentrale ein Feuer ausbrechen sollte, wird schon jemand die Feuerwehr rufen."

Früher, ja, als seine Ladenkette von 30 auf 100 auf 1000 Filialen expandierte, da hat er ununterbrochen an die Firma gedacht - vor allem wegen der Schulden. Seit zehn Jahren ist das vorbei. Roßmann ist Milliardär und die elektronische Emsigkeit um sich herum, dieses ständige Auf-Bildschirme-Starren und Tippen kann er manchmal nur schwer ertragen. "Mich interessieren Menschen, nicht Informationen." Und ohne Pausen sinke die Leistungsfähigkeit: "Die besten Ideen habe ich, wenn ich entspannt bin. Bin ich gestresst, habe ich keine guten Einfälle."

Leben und Arbeit sind doch eins: Kärcher-Chef Jenner
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Leben und Arbeit sind doch eins: Kärcher-Chef Jenner

Hartmut Jenner - entspannt im Unimog durch den Weinberg

Den Begriff Work-Life-Balance hört Hartmut Jenner, 48, gar nicht gern. Leben ist Arbeit und Arbeit Leben, gerade in einem Familienunternehmen wie Kärcher. Die "Individualisierung" der durch Smartphones und Tablets umgekrempelten Arbeitswelt sei "ein großer Gewinn, aber Menschen und Unternehmen müssen auch lernen, damit umzugehen".

Von verordneten Ruhetagen oder abgeschalteten Mailservern hält Jenner nichts, trotzdem stört er seine Mitarbeiter am Wochenende nur selten, sagt er. Seine Balance findet er am besten durch Erdung: mit Familie und Freunden oder im kleinen eigenen Weinberg, wo auch der Unimog nützlich ist. Und wenn der Kärcher-Chef sonntags doch mal in der Warteschlange am Flughafen steht, freut er sich auch über sein Tablet.

Einsam auf dem Hochsitz: Ex-Daimler-Manager Mangold
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Einsam auf dem Hochsitz: Ex-Daimler-Manager Mangold

Klaus Mangold - Mit der Flinte ins Revier, plus Zettel und Stift

Wir erreichen Klaus Mangold, 70, auf dem Sprung zu einem Flug in die USA. Dass auch sein zweites Telefon klingelt, lässt ihn ungerührt. Mangold, früher im Daimler-Vorstand und heute Aufsichtsrat in mehreren Konzernen, lässt sich nicht hetzen. Es ist Montagmorgen, wie immer hat er sich den Samstag freigehalten und nur am Sonntag ein paar Stunden die Reise vorbereitet. Gleich im Flieger wird er lesen.

Wenn es auch einem Mangold mal zu viel wird, nimmt er seine Flinte und geht ins Revier. Stundenlang hockt er dann still auf dem Hochsitz, in seiner Tasche aber immer Notizblock und Stift. "Die guten Ideen kommen einem, wenn man allein ist."

Nicht entschleunigt, aber abgeschieden: Bavaria-Chef Rohnke
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Nicht entschleunigt, aber abgeschieden: Bavaria-Chef Rohnke

Achim Rohnke - im Jenseits der Erreichbarkeit

Instant Messaging, Multitasking, Digital only, jetzt und gleich und simultan. "Zeit ist nicht mehr präsent", sagt Achim Rohnke, 57, und dass er nun die Rolle der üblichen Doppelspitze als alleiniger Geschäftsführer beim Filmproduzenten Bavaria ausfüllt, macht die Sache nicht einfacher. "Die analoge Welt ist längst untergegangen, in unserem Business."

Eine Mail, nicht binnen 30 Minuten beantwortet, verursacht Gerüchte, der Adressat sei krank. Die Beschleunigung ist nicht mehr zu stoppen, Entschleunigung nicht in Sicht. "Es sei denn, man geht aufs Land und kappt das Kabel."

Macht Rohnke natürlich nicht. Stattdessen hat er für eine Unternehmenskultur gesorgt, "die Abschalten ermöglicht", schafft sich Freiräume wie das Wochenende und verweigert bewusst jede Art von Hobby. Dieses "Sich-Einreihen und noch mal funktionieren müssen" ist ihm zu viel. "Ich bleibe lieber lustgetrieben in meiner freien Zeit."

Kino, Kunst, Theater, Berge - kleine Fluchten, gut und schön. Mindestens einmal im Jahr aber braucht er "echten Freiraum", muss ins Jenseits der Erreichbarkeit abtauchen. Jüngst war er mit seiner Frau im großen grandiosen Nichts von Patagonien und Feuerland, während zu Hause die Presseerklärung seiner Alleinherrschaft rausging. Das große Nichts ist halt auch nichts ohne grandioses Timing.

Arbeit und Berge: Red-Bull-Managerin Gerhardter
Red Bull

Arbeit und Berge: Red-Bull-Managerin Gerhardter

Anita Gerhardter - kraxelt gern die Berge hoch

Wer wie Anita Gerhardter, 48, in Salzburg lebt und arbeitet, der ist das ganze Jahr hindurch von Wochenendversuchungen umzingelt: Die Pisten! Die Berge! Die Seen! Und die Festspiele erst! Die Geschäftsführerin der Wings-for-Life-Stiftung gönnt sich solche Freuden jedoch nur selten. Red-Bull-Milliardär Dietrich Mateschitz, 69, hat die Stiftung für den Kampf gegen Querschnittslähmung vor zehn Jahren gemeinsam mit einem Freund gegründet.

Für die Stiftungsmission tourt Gerhardter nun pausenlos durch die Welt, um neue Spender zu akquirieren und geförderte Projekte zu inspizieren. Gerade organisiert sie ein großes Fundraising-Event, den "Wings for Life World Run": Am 4. Mai treten an 35 Orten weltweit von Perth über Pretoria bis St. Pölten zeitgleich 150.000 Läufer zu einem Rennen an - ein Megaevent wie der Stratosphärensprung von Felix Baumgartner, nur eben ausschließlich für einen guten Zweck.

Von ihrem Team erwartet Gerhardter viel Flexibilität, "aber ich versuche, die meisten Wochenendtermine selbst zu machen, damit die Kollegen auch mal Pause haben". Und hat sie selbst mal genug, setzt sie den Helm auf und steigt Bergwände hinauf. "Natur und Bewegung machen mich glücklich."

Bloß keine Action: Strenesse-Chef Strehle
Strenesse

Bloß keine Action: Strenesse-Chef Strehle

Luca Strehle - jeden Sonntag im Büro

Wenn man in diesen Wochen an einem Sonntag um viertel nach fünf Luca Strehle am Telefon hat, hat er gerade wieder jede Menge "Action" hinter sich. Kundentermine, Modenschauen, Investorengespräche - Strehle hat zu tun. Er ist 38, seit 2012 Chef von Strenesse und er tut derzeit, was geht, um die Firma seiner Familie vor dem Aus zu retten. Die Kollektion, die Finanzierung, die Struktur. Kein Tag, an dem er nicht ein paar Stunden im Büro sitzt.

"Wenn gearbeitet werden muss, muss gearbeitet werden. Wenn nicht, dann nicht." Strehle sieht das undogmatisch. Sein perfektes Wochenende: samstagmorgens mit seiner Frau auf dem Markt einkaufen, abends mit Freunden essen, zwischendurch ein bisschen auf der Gitarre rocken und Songs aufnehmen. In der Freizeit bloß keine Action.

Anti-Burnout-Programm: Hewlett-Packard-Managerin Gifford
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Anti-Burnout-Programm: Hewlett-Packard-Managerin Gifford

Angelika Gifford - Anschluss ans normale Leben

"Wenn du 21 Jahre in der IT-Branche bist, wirst du blind." Angelika "Angie" Gifford, 48, steht auf klare Ansagen. Nach über zwei Jahrzehnten bei Microsoft wechselte sie vor Kurzem als Geschäftsführerin zu Hewlett-Packard. Um nicht zu erblinden, "musst du auf dem Boden bleiben. Down to earth." Verheiratet mit einem Amerikaner, Vater ihres neunjährigen Sohnes, wohnhaft in einem großen Haus in einer kleinen Stadt im Norden von München, am Rande eines Kornfelds - das sind Giffords Koordinaten. Wenn sie im Homeoffice arbeitet, springt sie zwischendurch schon mal in die Turnschuhe und joggt mit Dackel Trixie Gassi, um den Energietank zu füllen.

Ihrem Team predigt sie Anti-Burnout: "Pick your fight! Schaut, was euch wichtig ist, Leute, ihr wisst selbst, wo der Ausknopf ist." Sie selbst drückt diesen Knopf zumindest am Freitagabend - "ich will am Wochenende nicht über die Firma reden" - und stürzt sich dann ins Leben. Begleitet ihren Musikermann zu seinen Auftritten, fährt den Sohn zum Tennis, macht Pilates, streift durch Galerien, pflegt Künstlerfreundschaften, schläft aus. "Es ist so wichtig, den Anschluss ans ganz normale Leben nicht zu verpassen."

Zwischendurch hat Gifford auch mal ein einjähriges Sabbatical gemacht - und genutzt: Weltreise mit Familie, Ausbildung zur Aufsichtsrätin (sie hat ein Mandat bei der Tui), Engagement für Bildungsinitiativen in Berlin. Den obligatorischen Dreitagetrip mit der besten Freundin gönnt sie sich aber auch ohne Sabbatical jedes Jahr. Geht doch!

    Gisela Maria Freisinger und Christoph Neßhöver sind Autoren von manager magazin. Dort erschien dieser Artikel zuerst; diese Fassung ist gekürzt.



insgesamt 16 Beiträge
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marthaimschnee 05.04.2014
1.
Was will er auch dort! In Firmen, wo am Wochenende keiner arbeitet, kann der Chef ganz sicher nichts ausrichten. Und in solchen wo am Wochenende gearbeitet wird, stört er ... wie sonst auch! Ansonsten ist es eher lästig, man schickt - weil Kunde das so möchte - auch am Wochenende Statusmeldungen um die Welt, die natürlich nur vom oberen Management gelesen werden, die jedoch keine Ahnung haben, worum es geht, aber sich Tauchsiedermäßig überall reinhängen. Das ging mal soweit, daß die anwesende Schicht bei uns am 25.Dezember gegen 8 Uhr morgens eine Mail von einem der Chefs bekam, der einen Anruf eines höheren Managers eines Kunden erhielt, dem in unseren gelieferten Meßdaten was aufgefallen war. Am Ende stellte sich heraus, daß er in seiner Datenbertrachtung eine etwas zu liberale Rundung eingestellt hatte... Frohes Fest!
ketzer2000 05.04.2014
2. Wovon reden wir?
Zitat von sysopCorbisInvestmentbanken verordnen freie Sonntage, CEOs schalten das Smartphone aus: Erlebt das Wochenende eine Renaissance? Topmanager erklären ihre Freizeit: Mit der Flinte auf dem Hochsitz oder sonntags im Büro. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/wochenende-die-pausen-philosophie-von-7-topmanagern-a-961807.html
Wenn man von freien Wochenenden redet und einen Herrn Rossmann als Beispiel anführt, ist schon klar, dass er am Wochenende frei machen kann - wenn's brennt ruft schon einer die Feuerwehr an. Das mag auch für die Patriarchen anderer Personengesellschaften gelten. In einer AG mit einem Vorstand kenne ich die Regeln nur anders. Zumindest auf der mittleren Management Ebene ab unterhalb des Vorstands gilt: Am Wocheende kann ich ohne Störung die Dinge erledigen, die ich in der Woche nicht schaffe. Für internationale Konzerne mit technischem Betrieb gelten sowieso andere Regeln. Da ist Gehalt gleichzeitig auch Schmerzensgeld. Die Fa. möchte ich sehen, die >ehrlich< ihren Managern am Wochenende vorschreibt, die Griffel vom Smartphone, iPAD oder Rechner zu lassen und nicht erreichbar zu sein. Und, hier geht es nicht um Produktivität, sondern um Business Kasper, die glauben, am Wochenende die Welt zu retten.
veremont 05.04.2014
3. Ohne mich
Boha... würde mir im Traum nicht einfallen auch nur einen Gedanken am Wochenende oder nach Feierabend an die Arbeit zu verschwenden. Das Leben spielt ich nach Feierabend ab.
jetbundle 05.04.2014
4. Luxus der Chefetage
Tja, seien wir mal ehrlich. Die 38 Stunden Woche samt Wochenende (bzw. Wochenendzulage) ist ein Luxus von Tarifvertragsarbeitern deren Karriereambition darin besteht dass der Abteilungsleite in Ruhestand geht, und leitenden Mitarbeitern die fest im Satte sitzen. Selbständige, kleine und mittlere Unternehmer samt deren Führungspersonal und Mitarbeitern, Mitarbeiter am unteren Ende der Karriereleiter, befristete Mitatbeiter in Wissenschaft und Zeitarbeit/Beratungsgesellschaften, Assistenzärtze und viele Andere können sich die großen Sprüche der Work-Life balance nicht leisten.
dukat 05.04.2014
5. Utopie
Ich hatte schon vergessen, wie angenehm das Leben für andere sein kann. Ich selbst habe einen Vertrag über 30 Stunden pro Woche, mache aber im Schnitt 48 Stunden pro Woche. Das dritte Drittel sind unbezahlte Überstunden. Dazu kommen bezahlte Überstunden. Sind also ganz schnell mal 60 Stunden pro Woche. Bei einem Stundenlohn von unter 10 Euro. Ich verrichte meinen Dienst an sechs Tagen in der Woche. Die Arbeit ist körperlich. Dabei arbeite ich nicht am Stück, sondern in mehreren Schichten pro Tag. Mein erster Dienst beginnt um 6 Uhr, mein letzter Dienst endet um 0 Uhr. Ich schlafe daher nachts etwa drei Stunden. Ich kann von meinem Einkommen keine Familie ernähren, geschweige denn, dass ich Zeit hätte für Freunde, einen Partner oder gar Kinder.
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